Donnerstag, 02. Februar 2023

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Die Welt in scharfen Pixeln

Waren es früher Meisterwerke der Mechanik und Kniffe der Chemie, die auf der weltgrößten Photografie-Messe der Öffentlichkeit vorgestellt wurden, so stehen heute lichtempfindliche Chips und Software für die Verarbeitung ihrer Signale im Rampenlicht. Die diesjährige Auflage der Schau zeigt wenig Bahnbrechendes, aber viele Verbesserungen im Detail.

Von Manfred Kloiber, Wolfram Koch, Wolfgang Noelke, Dietmar Reiche und Maximilian Schönherr | 27.09.2008

    Manfred Kloiber: Früher einmal hieß sie im Untertitel "Weltmesse der Photografie" – heute heißt es schnöde "world of imaging" – die Photokina 2008 ist wahrlich eine Messe der digitalen Bildverarbeitung. Chemie hat hier endgültig ausgedient – alles dreht sich um Pixel, Pixel und nochmals Pixel. Doch erstaunlicherweise hat der Wettkampf um Millionen von Bildpunkten einen Dämpfer bekommen – nicht alle Hersteller setzen nur auf Masse – zahlreiche Neuigkeiten drehen sich vor allem um detaillierte Qualitätsverbesserungen. Dazu mehr in dieser Sendung. Doch zuerst wollen wir Ihnen eine von vier Kameras vorstellen, die Wolfgang Noelke für Sie getestet hat.

    Liebe auf den ersten Klick
    Neue Photokameras im Schnelltest

    Wolfgang Noelke: Mit einem 12,3 Megapixel-Chip und 970 Euro Richtpreis liegt die Nikon D 90 in der höheren Preisklasse und konkurriert technisch mit der Canon EOS 5D. Die Nikon ist aber inklusive des 18 bis 105 Millimeter Vario-Objektivs wesentlich leichter, aber immer noch schwer genug, dass sich damit ohne weiteres Aufnahmen mit einer fünfzehntel Sekunde machen kann. Das Menü, wie bei den meisten Kameras nur für Rechtshänder, kann ich über zwei Rädchen, mit Zeigefinger und Daumen, bedienen, mit dem Zeigefinger die Blende, mit dem Daumen die Zeit. Und wenn ich tiefer in das Menü gehen würde, kann ich sogar das klassische Blende-Zeit-Verhältnis individuell verschieben. Sollte auf der Photokina tiefste Nacht herrschen, könnte ich die Empfindlichkeit der Kamera bis auf ISO 6400 verstärken und gleichzeitig würde ein Programm das unweigerliche Rauschen unterdrücken. Was ich jetzt hier ausprobieren, ist das Autofokus-Messfeld, das ich im Sucher hin und her schieben kann. Da, wo das winzige rote Rechteck steht, darauf stellt sich der Autofokus scharf, also beispielsweise auf die Kinder hinter dem Weihnachtsbaum und nicht auf die Tannenzweige im Vordergrund. Damit haben ja etliche Autofokuskameras so ihre Probleme. Ich frage mich, warum braucht eine Wechselobjektivkamera unbedingt einen Spiegel. Ich kann ihn aber hoch klappen, im so genannten Liveview-Modus zeigt sie mir wie bei einer Videokamera das echte Bild. Filmen kann sie auch, und das ist neu, im vollen HD-Modus. Die Qualität ist dabei tiptop. Mein Fazit: die Nikon D 90 ist eine Kamera mit einem für diesen Preis sehr hohen Leistungsverhältnis und bereits seit einer Woche im Handel.

    Kloiber: Wolfgang Noelke stellte die Nikon D 90 vor. Eine Spiegelreflex-Kamera, die sich mit ihren ganzen Möglichkeiten sicherlich eher an ambitionierte Hobbyfotografen richtet als an Gelegenheits-Knipser. Aber auch die potentiellen Käufer von Kompaktkameras werden ständig mit neuen Features und Leistungsmerkmalen geködert. Fragt sich nicht nur, ob das nötig ist, sondern auch ob das sinnvoll ist. Wolfgram Koch, sie haben sich hier viele neue Modelle in der Kompaktklasse angesehen, was zeichnet sie aus?

    Mehr Pixel, nein danke
    Warum Kompaktkameras heute schlechtere Bilder machen als vor drei Jahren

    Wolfram Koch: Die neuen kompakten Fotokameras hier auf der Messe sind sehr flach, passen quasi in die Hosentasche. Einige sind sogar wasserdicht und deshalb auch zum Tauchen geeignet. Andere überstehen Stürze aus mehreren Metern Höhe. Also Kameras, die man wirklich überall hin mitnehmen kann, weil sie immer kleiner werden. Sie trumpfen auch mit immer höherer Anzahl von Bildpunkten auf. So sind es hier auf der Photokina zwischen acht und 15 Megapixeln. Diese Auflösung in Kombination mit einem winzigen Gehäuse ist schlecht für die Bildqualität, weil die Bildsensoren sehr klein - etwa so groß wie ein halber Daumennagel - sind. So entsteht Bildrauschen besonders in kritischen Lichtsituationen. Mit steigender Auflösung ist das Problem gewachsen und die Qualität der Fotos hat deshalb in den letzten zwei bis drei Jahren deutlich abgenommen.

    Kloiber: Woher kommt denn dieses Rauschen?

    Koch: Der lichtempfindliche Chip der Kamera ist der Filmersatz. Die rechteckige Fläche ist so groß wie ein halber Daumennagel. Darauf sind die lichtempfindliche Punkte, die das Bild aufnehmen. Durch die Optik fällt das Licht auf diese Punkte. Die Lichtmenge ist durch die Optik begrenzt. Wenn jetzt also die Anzahl der Bildpunkte immer mehr steigt, werden sie immer kleiner und jeder Punkt bekommt immer weniger Licht ab. Die Elektronik muss verstärken. Das führt zu Bildrauschen, das sich zum Grundrauschen des Chips addiert. Auf dem Foto äußert sich das in Krisseln in dunkleren Regionen. Die Farben sind einfach nicht mehr so gedeckt und das Ganze wirkt unscharf. Vor einigen Jahren als die Kameras so um die sechs Megapixel hatten, war das Rauschen geringer und somit die Fotos besser. Wobei sich die Markenhersteller schon Mühe gegeben haben, die Bildqualität kontinuierlich zu steigern. Hauptsächlich treten solche Fehler bei günstigen Kameras auf, die den Markt überschwemmen.

    Kloiber: Wie reagiert die Industrie darauf?

    Koch: Zum einen steigt die Auflösung weniger rasant, verglichen mit den letzten Jahren. Das liegt daran, dass die Elektronik, die die Fehler und das Rauschen ausbügeln muss, immer komplizierter wird. Immer mehr Rechenleistung muss in die winzigen Gehäuse hinein. Zum anderen verwenden die Hersteller wieder größere Bildsensoren. Dadurch werden auch die Bildpunkte größer und erhalten mehr Licht. Das Rauschen wird weniger.

    Kloiber: Gibt es dieses Problem auch bei den großen Spiegelreflexkameras?

    Koch: Nicht in dem Maße, weil die Bildsensoren hier Diagröße haben. Und das passen mehr und größere Bildpunkte drauf. Das Rauschen steigt auch hier mit der Anzahl der Bildpunkte, aber das fällt auch durch die lichtstarken großen Objektive weniger ins Gewicht als bei den Kompakten Winzlingen.

    Kloiber: Wolfram Koch, herzlichen Dank. Und ganz am Anfang haben Sie es schon erwähnt – da gibt es Kameras, die kann man getrost auf den Boden fallen lassen oder im Schwimmbecken versenken. Und das Beste – man kann auch noch draufklopfen, um sie einzustellen. Wolfgang Noelke hat es ausprobiert:

    Noelke: Die Olympus U 1050 SW mit 10,1 Megapixel und einem Preis von 329 € liegt sie im unteren Einstiegsbereich. Die Buchstaben SW stehen für Shock and Waterproof und genau das hat mir den größten Spaß bereitet. Wir erleben das gleich. Die Kamera ist ein wenig größer als eine Visitenkarte und zwei Zentimeter dick. Mit 330 Gramm ist sie etwa so schwer wie ein Handy. Und nun muss ich mich trauen, was man mit feiner Elektronik normalerweise nicht tut: ich lasse sie jetzt auf die Tischplatte fallen. Dabei ist sie jetzt sogar auf die Erde gefallen, das macht aber nichts. Ich kann sie durchaus aus 1,50 Meter Höhe fallen lassen, ohne dass etwas passiert. Und in das Wasser werfen kann ich sie auch, um zum Beispiel aus der Fischperspektive direkt aus dem Aquarium zu fotografieren. Auch das probiere ich jetzt einmal. Mit nassen Fingern drehe ich jetzt am achtstufigen Rädchen durch einfachste Menüs für das einfache Fotografieren. Das geht aber auch, indem ich auf die Seite der Kamera klopfe: auf der rechten Seite klopfe den Cursor über den Bildschirm, im Moment durch das Blitzmenü, die Rote-Augen-Funktion herbeiklopfen und die Automatik einstellen. Auf der linken Seite klopfte ich die Schattenaufhellung ein oder aus und die Wiedergabefunktion stelle ich ein, indem ich hinten auf den Bildschirm klopfe. Und die einzelnen Bilder kann ich wieder von links nach rechts oder von rechts nach links über den Bildschirm klopfen. Mein Fazit: die Olympus ist die Kamera, mit der man sich im wahrsten Sinne des Wortes durchgeschlagen kann, wenn man sie im Wasser oder dem hohen Schnee nicht verliert. Sie ist die Kamera mit dem höchsten Spaßfaktor hier auf der Messe und noch in diesem Monat im Handel erhältlich.

    Photo-Babylon
    Wenn der Flachbildschirm die Digitalkamera nicht versteht

    Kloiber: Wolfgang Noelke testete die Olympus U 1050 SW. Und als er den Karton öffnete, da fand er das vor, was alle Käufer einer Kompaktkamera an Anschlussmöglichkeiten so vorfinden: Ein USB-Kabel zum Anschluss an den PC und eine passende Software – das war’s. Das wird sich demnächst in Richtung Wohnzimmer ändern, denn die Fotoindustrie hat das Thema Vernetzung als Verkaufsargument entdeckt. Was hat die Branche genau vor, Dietmar Reiche?

    Dietmar Reiche: Also Her Kloiber, die Fotoindustrie hat durchaus erkannt, dass sie nur noch dann wächst, wenn sie ihre ursprünglichen Bestandskunden aus der analogen Welt, aus der klassischen Fotoecke abholt. Denn nicht jeder Hobbyfotograf ist auch zugleich ein Computerexperte. Diese hohe technische Hürde ist für einige Fotografen immer noch ziemlich abschreckend. Das Ziel ist es nun, diese Fotografen in die Welt der Unterhaltungselektronik zu entführen. Stichwort Multimedia und Heimkino - weg vom klassischen Fotopapier, weg vom Computer, hin zum Flachbildschirm im Wohnzimmer, der ja hoch auflösende, brillante und vor allem kontrastreiche Bilder hervorzaubert. Dafür müssen die Bilder aber erst einmal übertragen werden. Diese Brücke von der Digitalkamera zum Flachbildschirm, diese Brücke will die Industrie nun bauen, mit unterschiedlichen Strategien.

    Kloiber: Und wie sehen diese Strategien aus – wie kann man nun die Kameras mit den Flachbildschirmen verbinden?

    Reiche: Also die Standardschnittstelle ist HDMI- da steht für HIGH-Definition-Multimedia Interface, bei guten Camcordern ist diese Schnittstelle eigentlich Standard und die Geräte lassen sich problemlos an den Flachbildschirmen anschließen. Bei den digitalen Fotoapparaten ist HDMI in der Regel nicht vorhanden und auch nicht nötig, diese Kameras haben zumeist einen USB-Anschluss. Aber damit sind sie aber wieder in der klassischen Computerwelt. Und aus dieser Welt wollen die Hersteller ja raus. Panasonic macht das ganz clever. Die bauen in ihren neusten Blue-Ray-Player BD35 – also ein Nachfolger vom DVD-Abspielgerät - einfach so einen kleinen SD-Slot ein. Die SD-Karte-Speicherkarte nimmt man aus der Kamera raus, schiebt sie in den Blue-Ray-Player und dahinter steht dann feinste Digitaltechnik mit HDMI-Schnittstelle. Also Sie können sich dann kleine Dia-Serien, Filme ansehen und dazu Musik anhören. Die Bedienung ist wirklich einfach und Sie brauchen hier wirklich keinerlei Computerkenntnisse.

    Kloiber: Wie machen das die Konkurrenten?

    Reiche: Sony hat das alles zum multifunktionalen Heimkino aufgewertet – HDMI plus CEC also Consumer Electronics Control. Das ist ein Steuerprotokoll zur Kommunikation zwischen den einzelnen Geräten. Obwohl es hier einen einheitlichen Standard für Grundfunktionen gibt, kochen die Hersteller ihr eigenes Süppchen. Sony nennt das Bravia. Panasonic wirbt mit dem hauseigenen Protokoll Anynet+. Also eine Schnittstelle für Alle – über die die Geräte auch kabellos miteinander kommunizieren. Also der digitale Fotoapparat, der Flachbildschirm, MP3-Player oder Notebook. Benutzen Sie hingegen eine Kamera von Nikon, das Laptop von Sony und der Flachbildschirm von Panasonic, dann klappt das alles nicht mehr, sie brauchen dann drei Fernbedienungen oder müssen die Geräte direkt bedienen. Also Anynet+, diese Schnittstelle für alle - funktioniert tatsächlich nur, wenn sie alle Geräte von diesen einem Hersteller haben.

    Kloiber: Also, das klingt ja nicht gerade nach Vereinheitlichung und Bedienerfreundlichkeit - entweder man kauft alles bei einem Hersteller oder man braucht technische Grundkenntnisse.

    Reiche: Also wirklich keine Computerkenntnisse brauchen sie, wenn Sie ins Kinderzimmer gehen und die Computer-Spielekonsole der Kleinen mitnehmen. Fuji-Film ist nämlich nun Kooperationspartner von Nintento. Seit Anfang dieses Jahres kann man - zunächst nur in Japan - über die Spielekonsole Wii Fotos auf den Flachbildschirm zaubern. Die Speicherkarte aus der Kamera wird dabei in einfach in die Spielekonsole gesteckt. Und weil die Spielkonsole Wii als Zielgruppe die Kinder hat, ist auch die Bedienung zum Betrachten der Bilder kinderleicht. Ein Techniker auf der Photokina bezeichnete sie sogar insgeheim als rudimentär, aber das macht ja auch den Charme aus. Dieses Gerät kann man mit nur zwei Tasten an der Fernbedienung steuern.

    Kloiber: Dann ist diese Spielekonsole nur ein digitaler Diaprojektor?

    Reiche: Sie können auch Fotos bestellen. In Japan werden zunächst kleine Fotobücher und Visitenkarten angeboten. Dazu müssen Sie ein kleines Programm aus dem Internet laden – Nintendo spricht von so genannten Channels – das Abonnieren von Kanälen – das klingt ein bisschen nach der vertrauten Fernsehwelt - und erst dann können sie ihre Bilder über das Internet zum Fotohändler Fuji schicken. Nachteile sind natürlich die enge Herstellerbindung und schlicht die Tatsache, dass es dieses Angebot nicht in Europa gibt. Übrigens die Konkurrenz schläft nicht – Sony mit seiner Playstation 3 marschiert in die gleiche Richtung, die Spielkonsole wird zur Multimedia-Maschine aufgewertet – hier fehlt aber der entsprechende Fotoshop im Internet.

    Kloiber: Das klingt so, als ob die Fotoindustrie von den Herstellen für Unterhaltungselektronik vereinnahmt wird.

    Reiche: Nicht ganz. Kodak mischt hier ordentlich mit. Und hier sehen Sie die dramatischen Verwerfungen in der Branche, Foto- und die Unterhaltungsindustrie beackern dieselben Märkte. Also Kodak hat nun auch Anfang September so eine Multimedia-Maschine auf den Markt gebracht – zunächst in den USA. Das Gerät heißt Kodak Media Player und kostet dort gut 300 Dollar. Auch hier wird die SD-Speicherkarte wieder in das Gerät gesteckt, es kann das gleiche wie die Playstation von Nintendo, aber darüber hinaus Internetradio, der Abruf von Podcasts und per WLAN über Funk neue Bilder auf die elektronischen Bilderrahmen schicken. Das ist zurzeit der Trend.

    Kloiber: Funknetze mit offenen Standards sind eher die Ausnahme?

    Reiche: Mitunter ist das Thema WLAN absurd. Nikon hat in der neune Kompaktkamera S610c einen Wifi-chip eingebaut. Das Besondere an dieser Kamera ist die Nutzung von öffentlichen Funknetzen. Über WLAN`s oder Hotspots können die Hobbyfotografen ihre Dateien verschicken , aber jetzt kommt die Einschränkung - nach einer entsprechenden Zwangsregistrierung – landet der Nutzer nicht irgendwo im Internet, sondern ausschließlich auf der von Nikon betriebenen Seite my.picturetown. Dort können die Kunden zwischen zwei und 20 Gigabyte an Daten lagern, Bilder erfassen, bearbeiten und mit anderen teilen. Aber das war`s dann auch. Und wenn man dann in das Kleingedruckte – in die Nutzungsbedingungen von my.picturetown. schaut, dann steht da zwar, dass dieser Dienst kostenlos ist, dies könne sich aber auch ändern. Erstaunlicherweise gab es bei dem Vorgängermodell diese Einschränkung nicht – also für den Kunden ist das ein Rückschritt und für Nikon clevere Kundenbindung. Ja und manchmal funken die Geräte auch nur in die eine Richtung. EPSON hat nun einen über das WLAN gesteuerten Fotodrucker auf den Markt gebracht, der zwar die Bilder aus dem Handy oder dem Computer ausdruckt, aber der integrierte Scanner kann die aufgenommenen Bilder nicht wieder zurückschicken. Die Experten nennen das unidirektional. ein klares Handicap für die Kunden.

    Kloiber: Dietmar Reiche war das über Vernetzungsmöglichkeiten von Fotoapparaten mit Unterhaltungselektronik, danke sehr. Und nun kommen wir zum Teil drei unseres Kameratestes von Wolfgang Noelke:

    Noelke: In der Hand halte ich die Lumix G1 von Panasonic. Mit 749 € gehört diese Kamera zur mittleren bis höheren Preisklasse und liegt mit dem 28 bis 40 Millimeter Vario-Objektiv nicht zu schwer in meiner Hand. Wegen der Wechselobjektive wäre der Apparat eigentlich eine Spiegelreflexkamera, aber wenn ich auslöse, da höre ich nur den Schlitzverschluss, aber keinen Spiegel mehr hoch klappen. Das bedeutet, dass der so genannte Liveview-Modus ständig aktiv ist. Auf der Rückseite der Lumix klappe ich einen Bildschirm auf, der mir zu 100 Prozent das zeigt, was ich tatsächlich aufnehme. Ich erlebe also anschließend keine Überraschungen mehr, dass sich da doch noch irgendwelche Objekte in die Bildränder mogeln konnten, die ich während der Einstellung nicht gesehen habe. Praktisch finde ich eine Art Super-Zoom, mit dem ich im manuellen Modus scharf stelle. Ich will jetzt einmal die Schärfe auf eine von hier zehn Meter entfernt stehende Frau einstellen und drehe nur etwas am Objektiv, am Entfernungsring und schon ist auf dem Bildschirm nur noch das Auge dieser Frau zu sehen, und jetzt das Ohr. Ich stelle jetzt das Ohr scharf und tippe kurz auf den Auslöser - und zack - ist das Bild wieder im richtigen Ausschnitt, jetzt kann ich fotografieren. Die Lumix hat so eine Art Augensensor, der meldet, wenn ich durch den Sucher schauen will und schaltet den Bildschirm auf der Rückseite aus und dem Minibildschirm im Sucher an. Das machte der Sensor natürlich auch, wenn ich die Kamera nur vor dem Bauch hängen habe. So etwas spart nicht nur Strom, man kann das eben Aufgenommene schnell auf dem großen Bildschirmen kontrollieren, ohne umzuschalten. Mein Fazit: die Lumix G1 zeigt den Anfang vom Ende der Spiegelreflexzeit. Die Digitaltechnik bietet einfach bessere Möglichkeiten als die alte Spielreflextechnik und somit intelligentere Technik für das Geld. Ausgeben darf ich es für die Lumix G1 ab Ende Oktober.

    Wohin mit der Bilderflut
    Warum Internetportale für Photos so florieren

    Kloiber: Wolfgang Noelke testete die Lumix G1. Digitale Fotos aufzunehmen, kostet praktisch nichts. Eine Speicherkarte nimmt ein Vielfaches, was sag ich, ein Tausendfaches der 36 Bilder auf, die einmal auf einen Kleinbildfilm passten. Und auf eine gängige Computerfestplatte überspielt, finden dann Hunderttausende Bilder Platz. Doch die lieben Verwandten und die Freunde stöhnen schon – die Pinwände quellen über von Fotos. Da bleibt dann nur noch das Internet mit seinen vielen Fotoportalen. Was passiert dort mit der digitalen Fotoflut, Maximilian Schönherr?

    Maximilian Schönherr: Der Klassiker ist, dass ich meinen E-mail-Provider aus dem Urlaub ansurfe und digitale Fotos hoch lade und den Bekannten und Verwandten zuhause einen Link schicke und dann können die das als Dia-Show anschauen. Das ist sozusagen eine private Veranstaltung, die kann immer wieder ergänzt werden. Die zweite Möglichkeit ist, dass ich mich zu einem der Portale für Amateurfotografen begebe im Internet. Flickr ist da als das größte bekannt. Es gibt richtige Foto-Communities, und früher oder später wird man als ambitionierter Fotograf auf die Fotocommunity.de, die hat hier hinter uns einen Stand, stoßen. Da diskutiert man richtig über die Fotos und es finden sogar, abgeleitet von dieser Community, richtige User-Treffen statt, und zwar ziemlich viele, 300 bis 400 pro Monat. Und die dritte Möglichkeit ist, dass man seine Fotos verkauft und diese Verkäufe, das ist ein völlig ungeregeltes Feld, denn die Profis, die die News-Fotografie etwa bei Agenturen bestücken, etwa bei der DPA, die der kleinen Bereich ab, der lange nicht mehr das erfüllt, was die Printmedien und die Web-Seiten zum Beispiel von Zeitungen gerne hätten: nämlich zum Beispiel einen Artikel über die Pubertät von Jungs, was nehme ich dafür ein Foto, wo bekomme ich das her. Und da ist gerade der Pool von Amateuren, die unendlich viele Fotos haben, sehr interessant, die können über solche Portale versuchen, ihre Fotos zu verkaufen. Aber Agenturen wie DPA sind dafür noch nicht offen.

    Kloiber: Aber kann es sein, dass wenn man jetzt auf einer Plattform für Amateurfotografen seine Fotos ausstellt und die werden dann gekauft oder sollen gekauft werden, dass man dann zum Beispiel Persönlichkeitsrechte klären muss oder überhaupt erstmal mit denen geschäftlich in Kontakt treten muss? Ist das nicht sehr kompliziert?

    Schönherr: Das ist eine sehr komplizierte Sache, ja, und deswegen scheuen sich die Amateurfoto-Portale auch, diesen Schritt zu gehen. Die Foto-Community zum Beispiel machten das zögerlich jetzt im Dezember, glaube ich, in Kürze wird das passieren. Aber Verschlagwortung ist kompliziert, das Abrechnungsverfahren ist kompliziert und die Rechte, wie sie sagen, sind extrem kompliziert. Welches Gesicht darf ich zeigen, wie viel Prozent von einem Gesicht darf ich zeigen? Und die Person, die das sieht, die sie selbst ist, erkennt sich wieder. Genügt da der Mund zum Beispiel, werden da die Persönlichkeitsrechte schon verletzt, weil der Mund komisch offen steht.

    Kloiber: Gibt es da eigentlich schon Klagewellen, gerade bei Flickr, da sind ja wahnsinnig viele Fotos von vielen Leuten, die vielleicht gar nicht wissen, dass sie fotografiert wurden, sehen sich vielleicht auch in einer ungünstigen Situation?

    Schönherr: Dazu ist Flickr zu nischenhaft und das sehen zu wenige Leute. Aber wenn so etwas erscheinen würde zum Beispiel auf der Webseite der Süddeutschen Zeitung, ginge das nicht, die würden sich ihre Finger verbrennen.

    Kloiber: Maximilian Schönherr über überquillende digitale Fotoarchive. Und nun noch mal ein Kameratest von Wolfgang Noelke:

    Noelke: Klein, kompakt genug für die Handtasche, mit ausfahrbarem Objektiv und einem 14,6 Megapixel CCD-Sensor liegt die Samsung NV 100 HD mit knapp 300 Euro im unteren Preissegment der von mir getesteten Kameras. Das 20 bis 106 Millimeter Vario-Objektiv dürfte fpr die meisten schnellen Einsätze ausreichen. Ein digitaler Stabilisator sorgt für zitterfreie Aufnahmen, selbst mit diesem 180 Gramm-Zwerg kann ich, je nach Kapazität der Speicherkarte, fast eine halbe Stunde lang in HD-Qualität Video aufzeichnen. Welchen Punkt will ich scharf stellen? Ich tippe einfach mit dem Finger auf den Bildschirm, fertig. Der ist nämlich berührungsempfindlich und ich bediene ihn ähnlich wie ein iPhone. Mit höchstens drei Fingertips auf wenige Piktogramme komme ich bis zum letzten Menüpunkt, blättere mit dem Finger in den Bildern, kann sie drehen oder in den Papierkorb stecken und dort natürlich wieder herausholen. Kennen Sie die Gedankenübertragung zwischen Fotografen und Fotografierten? Genau im Moment der Aufnahme, blinzeln die Fotografierten und sehen dann meist ziemlich verpennt aus. Die Anti-Blinzel-Automatik wartet angeblich, bis die Augen wieder offen sind. Das hat bei anderen geklappt, aber nicht mit meinem Gesicht, vielleicht wegen meiner Brille. Fazit: seit Dienstag im Handel, ein schönes Spielzeug für Technikbegeisterte, die eine Kamera mal mit Lächeln fernsteuern wollen. Nur wenn die Samsung NV 100HD ein Lächeln erkennt, schießt sie auch ein Foto. Das funktionierte mit meinem Gesicht trotz mehrfacher Versuche auch nicht - zum Glück, meine ich, denn eine Welt mit ausschließlich lächelnden Menschen wäre mir unheimlich.