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StartseiteDie neue PlatteKönigliche Chormusik aus London28.02.2021

Die Wiederentdeckung des Komponisten Pelham Humfrey Königliche Chormusik aus London

Geistliche Kompositionen nehmen den größten Teil von Pelham Humfreys Œuvre ein und sie waren ein fester Bestandteil des anglikanischen Gottesdienstes. Der Choir of Her Majesty's Chapel Royal, St. James's Palace unter der Leitung von Joseph McHardy knüpft mit seiner CD an diese Tradition an.

Am Mikrofon: Rainer Baumgärtner

Lange Reihen mit Chorgestühl aus dunklem Holz, jeder Platz ist mit einer kleinen Lampe beleuchtet, links stehen die Männer des Chores, rechts sitzen die Knaben, lesen in ihren Noten und warten auf ihren nächsten Einsatz, der Chorleiter sitzt an einer kleinen Orgel, hinter ihm sind die einige Streicher positioniert. (Foxbrushfilms.com)
Die geistliche Musik von Pelham Humfrey wurde im Königlichen St. James‘s Palace aufgenommen. (Foxbrushfilms.com)

Das britische Königshaus ist in der letzten Zeit nicht selten durch negative Schlagzeilen aufgefallen. Von Verschwendungssucht bis zum unangemessenen Einfluss auf Gesetzestexte reichten die Vorwürfe. Da kam der Queen eine positive Nachricht aus dem eigenen Haus sicherlich gelegen: der "Königliche Chor" hat mit einer bemerkenswerten neuen CD einen Blick in die glorreiche Vergangenheit der Institution geworfen.

Für das schottische Label Delphian Records nahm "The Choir of Her Majesty’s Chapel Royal" geistliche Werke von Pelham Humfrey aus dem 17.Jahrhundert auf, teilweise zum ersten Mal. Dabei hat Joseph McHardy, seit gut drei Jahren Leiter des Chores im St. James-Palast, auch interessante aufführungspraktische Lösungen vorgeschlagen.

Musik: Pelham Humfrey - Service in E Minor / Communion Service: Gloria

Dies war – in einer Erstaufnahme - das Gloria in e-Moll von Pelham Humfrey aus dem "Communion Service", der anglikanischen Eucharistiefeier.

Humfrey kam 1660 als Knabensopran in die Königliche Kapelle – gerade, als Karl II. sie am Ende des englischen Bürgerkriegs wiedergründete. Nach seinem Stimmbruch schickte man den talentierten Teenager für mehrere Jahre auf Studienreise nach Frankreich und wahrscheinlich auch Italien.

Als Pelham Humfrey zurückkehrte, brachte er nicht nur das Wissen über moderne musikalische Strömungen auf dem Kontinent mit, sondern auch ein gesundes Selbstbewusstsein – um nicht zu sagen: eine gehörige Portion Arroganz gegenüber den etablierten Musikern bei Hofe. So jedenfalls hat es der berühmte Tagebuchschreiber Samuel Pepys überliefert.

Früher Tod

Humfrey wurde als königlicher Lautenist und Sänger angestellt, bevor er mit 25 die Leitung der Chorknaben in der "Chapel Royal" übernahm - unter seinen Schülern befand sich ein mindestens ebenso begabter Junge namens Henry Purcell.

Doch bereits zwei Jahre später starb Pelham Humfrey – laut der Hof-Akten an "Erschöpfung". Auch er ist also einer der vielen Fälle des "what if", wie die Engländer sagen – was hätte er wohl noch erreichen können, wenn er länger gelebt hätte?

Musik: Pelham Humfrey - O Lord my God (Anthem)

Ashley Riches sang am Beginn des klagenden Stückes "O Lord my God", einer Vertonung des biblischen Psalms 22. Es ist ein sogenanntes "Verse Anthem", eine typisch englische Form, bei dem die Bibelverse teilweise für Solisten und teilweise für Chor gesetzt werden.

Ausladende Anthems, kurze liturgische Gesänge

Geistliche Kompositionen nehmen den größten Teil von Pelham Humfreys überschaubarem Œuvre ein; daneben hat er ein paar Stücke zu Ehren des Königs und für das Theater geschrieben – reine Instrumentalmusik hat sich nicht von ihm erhalten.

Innerhalb seiner Kirchenmusik gibt es markante Unterschiede. Joseph McHardy und dem Chor der Königlichen Kapelle gelingt es bestens, diese auf ihrer neuen Platte nachvollziehbar zu machen. Auf der einen Seite sind drei ausladende "Verse Anthems" – sie werden auch "Symphony Anthems" genannt, da Humfrey darin auch breite instrumentale Abschnitte für Streicher vorsieht. Hier hat der Komponist französische Einflüsse von seiner Zeit am Hofe Ludwigs XIV. aufgenommen – ganz im Sinne von Humfreys Dienstherrn Karl II., der die Versailler Musikkultur seines Cousins Ludwig nachahmte.

Andererseits finden sich auf dem Album acht Vertonungen der feststehenden Teile der drei zentralen anglikanischen Gottesdienste – den morgendlichen, den abendlichen und den Kommunion-Gottesdienst. Diese Sätze hat Pelham Humfrey viel weniger verziert und lässt sie instrumental nur vom Continuo begleiten.

In der neuen Aufnahme besteht es aus Orgel, Theorbe und Cello. Jedoch sind auch in diesen liturgischen Gesängen Chorabschnitte mit Einsätzen der vier Gesangssolisten kombiniert.

Musik: Pelham Humfrey - Service in E Minor / Morning Service: Jubilate

Der schwarze Dirigent dirigiert mit der rechten Hand und schaut auf den Chor, er trägt eine Brille, kurze schwarze Haare und eine blaue Jacke mit einem mittelblauen Schal  (Foxbrushfilms.com) Joseph McHardy leitet den Choir of Her Majesty's Chapel Royal, St. James‘s Palace seit gut drei Jahren (Foxbrushfilms.com)

Seit 2017 ist Joseph McHardy der Musikdirektor der Königlichen Kapelle im St James’s Palace. Sie ist die direkte Nachfolgerin jener "Chapel Royal", in der Pelham Humfrey bis 1674 diente. Oder besser gesagt: Sie ist eine der Nachfolgerinnen. Denn es gibt heutzutage in den verschiedenen Palästen und Kirchen der Windsors insgesamt vier Chöre unter der Schirmherrschaft der Queen.

Die beiden wichtigsten sind die Schwesterchöre im St. James-Palast und im Hampton Court-Palast. Sie treten in Gottesdiensten und bei zeremoniellen Veranstaltungen des Königshauses auf.

Neue Reputation für den St. James-Chor der "Chapel Royal"

Der von McHardy geleitete Chor besteht aus zehn Knaben und sechs sogenannten "Gentlemen-in-Ordinary", erwachsenen Profisängern.

Seit der Restauration tragen die Knaben bei offiziellen Anlässen eine auffällige feuerrote Staatsuniform. Für die Aufnahme der geistlichen Werke von Humfrey kamen vier externe Solosänger sowie sechs Instrumentalistinnen und Instrumentalisten hinzu.

Chordirektor McHardy versucht mit dieser Produktion an die Blütezeit seiner Institution im frühen Barock anzuknüpfen. Denn zuletzt haben die großen englischen Kathedralchöre der "Chapel Royal" in der öffentlichen Wahrnehmung den Rang abgelaufen.

Doch seine junge Sängerschar schlägt sich prima in der Aufnahme, die in der schmalen Kapelle des St. James-Palastes mit ihrer angenehmen, überhaupt nicht halligen Akustik stattfand.

Man mag kleine Intonations-Eintrübungen bei den Kindern bemängeln und dass sie manchmal ein wenig ausdrucksvoller hätten singen können. Doch derlei Probleme sind bei Knabenchören üblich und außerdem ist gerade die Besetzung ein großer Pluspunkt dieser neuen Platte.

Es hat zuvor erst zwei Alben gegeben, die ausschließlich der Musik von Pelham Humfrey gewidmet waren – und dieses ist das erste, das historisch korrekt sowohl Chorknaben einsetzt als auch auf Sängerinnen verzichtet.

Musik: Pelham Humfrey - By the waters of Babylon (Anthem)

Expressiver Gesang "in the Italian manner"

Dies war ein Ausschnitt aus dem Anthem "By the waters of Babylon" über den Psalm 137 – und man konnte hier einen zentralen Aspekt heraushören, um den es Joseph McHardy bei der Interpretation der Musik von Pelham Humfrey ging. Dessen Dienstherr Karl II. hatte italienische Musiker angestellt und Humfrey selbst muss die neuesten musikalischen Trends aus Frankreich und Italien gekannt und geschätzt haben. Dort hatte sich vor allem ein neuer, dramatischer Gesangsstil breitgemacht mit reichen Verzierungen bei der gesanglichen Deklamation.

McHardy geht davon aus, dass Humfrey diese Art der Aufführung auch in der Londoner "Chapel Royal" etablierte. Der Komponist und Herausgeber William Boyce schrieb im 18.Jahrhundert, Pelham Humfrey habe als Erster Pathos in die Wortvertonung bei der Kirchenmusik gebracht. Und deshalb hat Joseph McHardy die Gesangssolisten bei der Aufnahme zu einem besonders expressiven, theatralischen Singen ermutigt.

Hie und da sind die vier Sänger beim Einsatz des Vibrato ein wenig über das Ziel hinausgeschossen – insbesondere für Ohren, die an den schlackenlosen, sehr gerade geführten Gesang gewöhnt sind, wie er in der historischen Aufführungspraxis üblich ist. Aber man hört der Aufnahme in jedem Moment das Feuer der Begeisterung für Humfreys Werke an, und wenn man sich an den Duktus gewöhnt hat, erkennt man, dass die Anthems dadurch noch ausdrucksstärker und dramatischer wirken.

Musik: Pelham Humfrey - O give thanks unto the Lord (Anthem)

Pelham Humfrey (1647-1674)
Sacred choral music
Service e-moll (Morning Service, Communion Service, Evening Service); O give thanks unto the Lord; By the waters of Babylon; O Lord my God
Künstler: Choir of Her Majesty's Chapel Royal, St. James's Palace. Leitung : Joseph McHardy
Label: Delphian, DCD 34237

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