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Die Wiederentdeckung des Mondes

Still war es schon immer auf dem Mond, und lange Zeit war es auch ruhig um ihn geworden: die Apolloflüge Geschichte, die politische Interessenlage verändert, und so blieb der Mond auch Jahrzehnte nach jenem berühmten Riesenschritt für die Menschheit ein Unbekannter für den Menschen.

Von Dirk Lorenzen | 19.07.2009

"Wieso geht man eigentlich noch einmal zum Mond, zumal wenn man einen Trabanten wie den Mond besucht hat? Das hängt einfach damit zusammen, dass man ja sehr wenige Bodenproben vom Mond mitnehmen konnte."

"Genau der Mond erklärt uns, was auf der Erde in der Frühzeit passiert ist."

"Im Grunde genommen ist der nächste logische Schritt nach der Raumstation natürlich der Weg zurück zum Mond."

"Was man danach dann damit macht, liegt eigentlich nur in der Phantasie des Wissenschaftlers begrenzt."

Montag, 21. Juli 1969, kurz vor vier Uhr morgens mitteleuropäischer Zeit. 500 Millionen Menschen, so wird geschätzt, blicken gebannt auf das flimmernde Fernsehbild in schwarz-weiß. Etwas unscharf lässt sich erkennen, wie eine Person in klobiger weißer Montur ungelenk eine kleine Leiter hinunter klettert. Dann der Moment, an dem alle den Atem anhalten.

"... It's one small step for man... one giant leap for mankind.”"

Es ist in kleiner Schritt für einen Menschen, aber ein Riesensprung für die Menschheit. Neil Armstrongs Worte sind unvergessen. Gemeinsam mit seinem Kollegen Buzz Aldrin hinterlässt er als erster Mensch Spuren im Mondstaub. Mit Apollo 11 hat die Menschheit erstmals einen anderen Himmelskörper erreicht.

Die Mondmission war vor allem ein Riesensprung für das internationale Prestige der USA. Denn die Apollo-Flüge waren zuallererst eines: Politik im Kalten Krieg. Nachdem der Wettlauf zum Mond gegen die Sowjetunion gewonnen war, folgten zwar noch sechs weitere bemannte Mondmissionen – aber das öffentliche Interesse hatte schnell nachgelassen. So wurde im Dezember 1972 das Apollo-Programm sang- und klanglos eingestellt, bald auch das unbemannte Luna-Programm der Sowjets. Doch auch nach dem Ende der Apollo-Flüge blieben viele Fragen zum Mond offen – bis heute, denn unser Trabant geriet geradezu in Vergessenheit, bedauert der ehemalige Astronaut Ernst Messerschmid:

""Apollo ist fast zu schnell gewesen, zu erfolgreich und hat alle auf Abstand gehalten, alle Initiativen zurück zum Mond. Weil jeder sofort eingesehen hat, das ist nicht wiederholbar mit heutigen Budgets, mit der heutigen Willensbildung, die man braucht für solche Missionen. Im Grunde genommen ist der nächste logische Schritt nach der Raumstation, natürlich der Weg zurück zum Mond."

Mittwoch, 14. Januar 2004, kurz nach drei Uhr am Nachmittag - nicht auf dem Mond, sondern in der Nasa-Zentrale in Washington, DC. Die Führungsebene der Nasa ist versammelt, dazu viele Astronauten – gespannte Erwartung füllt den Raum. Präsident George Bush persönlich hat sich angesagt, um der Nasa mit der "Vision zur Weltraumerkundung" ein neues, altes Ziel vorzugeben:

"Our goal is to return to the moon by 2020, as the launching point for missions beyond. With the goal of living and working there for increasingly extended periods of time.”

"Unser Ziel ist, bis zum Jahr 2020 zum Mond zurückkehren - als Startpunkt für noch weiter entfernte Ziele. Wir wollen auf dem Mond für immer längere Perioden leben und arbeiten."

Die Rückkehr zum Mond kam deshalb so plötzlich auf die Agenda, weil China nur drei Monate zuvor seinen ersten bemannten Raumflug durchgeführt hatte – begleitet von der Ankündigung, man wolle bald auch mit Menschen zum Mond fliegen. Das war der Startschuss für einen neuen Wettlauf, wenn auch – verglichen mit Apollo auf dem Höhepunkt des Kalten Krieges – mit angezogener Handbremse.

Der Mond ist wieder in. Ließen die Raumfahrtnationen bei Flügen zu den Planeten Mars, Jupiter oder Venus den Mond lange links liegen, so gibt es dort mittlerweile fast Gedränge: In den letzten Jahren haben vier Sonden aus Europa, China, Japan und Indien den Mond erreicht und aus der Umlaufbahn erforscht. Viereinhalb Jahre nach dem Marschbefehl durch Präsident Bush hat jetzt auch die Nasa den nächsten Schritt getan.

"9, 8, 7, 6, 5, 4, 3, 2, 1, main engine ignition, and lift-off of the Atlas 5 rocket with LRO/LCross. America's first step of a lasting return to the Moon.”"

18. Juni 2009, 17.32 Uhr Ortszeit am Kennedy Space Center. Eine Atlas-5-Rakete steigt auf einem Feuerschweif in den Himmel. In der Spitze der schlanken Rakete befinden sich zwei Sonden: Der Lunar Reconnaissance Orbiter und LCross, die beiden neuesten Errungenschaften im Weltraum-Fuhrpark der Nasa. Sie sollen, wie ein Sprecher beim Start pathetisch verkündet, der Anfang sein einer dauerhaften Rückkehr Amerikas zum Mond.

""Watching the mission finally fly is like a life-long dream of many folks. That dream really started way back 40 years ago when we first landed people on the moon."

Für sein Team erfülle sich nun ein Traum, erklärt James Garvin, Chefwissenschaftler des Goddard Space Flight Center, auf der Website der Nasa. Dieser Traum habe vor 40 Jahren begonnen, als die ersten Menschen auf dem Mond gelandet waren.

"Damals ist uns klar geworden, dass wir da oben noch viele Dinge zu erforschen haben. Aber während der Apollo-Flüge war dafür keine Zeit. Jetzt gehen wir zurück zum Mond – mit weit aufgerissenen Augen. Wir führen da oben Messungen durch, wie wir sie nie zuvor bei einem anderen Himmelskörper gemacht haben."

James Garvin wird zum Mondpionier. Er erledigt das, was die Forscher vor 40 Jahren nicht tun konnten oder durften. Typisch für die Mondforscher der heutigen Zeit: Sie alle gehören zur "Generation Apollo":

"Das war die erste Mondlandung selber. Ich war damals noch in der Grundschule. Das war wirklich ein Ereignis erster Größenordnung. Ich erinnere mich, wie unser Lehrer einen Fernseher mitbrachte und wir dann gemeinsam dieses Ereignis angeschaut haben."

Dr. Urs Mall – Max-Planck-Institut für Sonnensystemforschung in Katlenburg-Lindau am Harz, das Kameras für die europäische und die indische Mondsonde gebaut hat.

"Und dann natürlich werde ich nie vergessen, die erste Landung auf dem Mond. Da durfte ich lange aufbleiben und gucken, auch wenn ich da gerade erst in die Schule gekommen bin."

Harald Hoffmann – Institut für Planetenforschung des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt in Berlin-Adlershof.

"Da habe ich zugeschaut, wie die Landung gemacht worden ist, von Apollo. Das war schon unglaublich beeindruckend, ich war da noch jung, na nicht ganz jung..."

Manfred Fuchs, Vorstandsmitglied der Raumfahrtfirma OHB-System in Bremen, die eine neue Mondsonde konzipiert hat.

"Ich erinnere mich, dass ich am Tag vor der Mondlandung mit einem Freund an den Bodensee gefahren bin. Ich versuchte ihn zu überzeugen, aufzubleiben und mit mir das anzusehen. Er hat es nicht getan und bitterlich bereut."

Ernst Messerschmid, vor über 20 Jahren selbst als Astronaut im All, heute Professor für Raumfahrttechnik an der Universität Stuttgart.

"May I use another bag? Folks, we are in the middle of... got dust on it... very good station... it is just too short…"

12. Dezember 1972. Bei Apollo 17, dem letzten der sechs erfolgreichen Mondflüge, ist mit Harrison Schmitt erstmals ein Geologe als Astronaut vor Ort. Gemeinsam mit seinem Kollegen Eugene Cernan untersucht er die Region Taurus-Littrow, bohrt ins Gestein und nimmt gezielt Proben mit zur Erde.

Wie ist der Mond entstanden? Wie ist er aufgebaut? Woraus besteht er? Grundlegende Fragen, auf die die Wissenschaftler bis heute keine klare Antwort haben – trotz der fast 400 Kilogramm Mondgestein, die die Astronauten von Apollo 11 bis 17 mit zur Erde brachten. Der Mond ist noch immer ein weitgehend unbekannter Körper, über den die Astronomen und Geologen mittlerweile weniger wissen als über den Planeten Mars. Der Geologe Harald Hoffmann ist an den Missionen beteiligt. Doch was macht ein Geologe, ein Erdwissenschaftler, am Mond?

"Wenn man versucht, die Erde zu verstehen als geologischen Körper, dann stellt man fest, in der Frühzeit der Erde gibt ja fast gar keine Gesteine. Das ganze Präkambrium, also alles, was älter ist als 1 Milliarde Jahre oder 600 Millionen Jahren im Endeffekt, da gibt es kaum Gesteine und wenn, sind sie sehr metamorph, also durch Plattenbewegung, Gebirgsbildung, Temperatur verändert und überprägt. Das heißt, ich weiß gar nicht an Hand der Erdgesteine, was damals passiert ist. Wir wüssten nie, was auf der Erde in der Frühzeit passiert wäre, hätten wir nicht die Mondproben zum Vergleich."

Anders als die Erde hat der Mond keine Atmosphäre, dort oben gibt es weder Wind noch Wetter. Auch Plattentektonik gibt es nicht, die auf der Erde mit der Zeit die Oberfläche komplett verändert. Und so sind auf der Mondoberfläche noch immer die Spuren aller Einschläge kosmischer Gesteinsbrocken zu sehen. Wie in einer Endlosbelichtung liefert der Mond ein Bild seiner Geschichte – einer Geschichte, die vor mehr als vier Milliarden Jahren begann. Hoffmann:

"Das ist ja das Schöne am Mond. Wir haben Mondproben und die konnten im Labor radiometrisch datiert werden."

Im Mondgestein gibt es – wie im Erdgestein auch – radioaktive Stoffe, die allmählich zerfallen. Damit lässt sich das Alter der Steine berechnen. Auch Bilder aus der Umlaufbahn liefern einen Hinweis auf das Alter bestimmter Mondgegenden. Je mehr Krater zu sehen sind, desto älter ist das Gebiet. Denn eine vier Milliarden Jahre alte Fläche ist natürlich viel häufiger von Brocken aus dem All getroffen worden als eine Fläche, die erst vor eineinhalb Milliarden Jahren von Lava überflutet wurde. Aus den Altersbestimmungen anhand der Laborproben und der Kraterzählungen zeichnet sich jetzt zumindest ein grobes Bild der Mondgeschichte ab

Demnach ist die junge Erde vor etwa viereinhalb Milliarden Jahren mit einem Objekt kollidiert, das etwa halb so groß war wie sie selbst. Kurz nach der Entstehung des Planetensystem zogen noch viele recht große Körper kreuz und quer um die Sonne. Die Erde war damals noch sehr warm, fast flüssig. Beim Einschlag wurde aus ihren oberen Schichten viel Material herausgeschleudert. Die Wucht war so gewaltig, dass die Trümmer nicht zurückstürzten. Sie verklumpten zu einem neuen Körper und kreisten von da an um die Erde: Der Mond war entstanden – und musste zunächst bewegte Zeiten durchleben. Harald Hoffmann:

"Von etwa 3,8 bis 3,9 bis zu 3 Milliarden Jahren hatten wir eine ausgeprägte vulkanische Phase. Hier sind also nachträglich durch Vulkanismus diese großen Becken, gefüllt wurden. Also all diese dunklen Flächen, die wir hier von der Erde aus sehen, das waren früher mal große Impaktkrater eigentlich, die dann erst später längere Zeit nach dem Impakt mit Vulkanismus gefüllt wurden. Die Hauptphase war vor etwa drei bis 3,1 Milliarden Jahren zu Ende. Seither ist der Mond geologisch doch relativ ruhig und wird dominiert durch die Wechselwirkung mit dem Weltraum."

Auch ohne auf dem Mond zu landen, lässt sich etwas über die chemische Zusammensetzung des Mondbodens herausfinden. Raffiniert konstruierte Spektralkameras an Bord der neuen Sonden zerlegen das vom Mondboden reflektierte Sonnenlicht in seine Wellenlängen. Das Spektrum verrät, welche chemischen Stoffe im Mondgestein vorkommen: Eisen, Silizium, Kalium, Magnesium, Kalzium, Sauerstoff – jüngst gelang sogar der Nachweis von Uran. Die chemischen Daten sind bedeutend, um die Entstehung und Entwicklung des Mondes nachzuzeichnen, betont Urs Mall:

"Wir zielen auf die Mineralogie ab, während wir andere Instrumente an Bord haben, die eigentlich mehr die atomare Zusammensetzung, also die Elementzusammensetzung liefern. Wenn wir nur die Elementzusammensetzung haben – das ist zwar sehr wichtig und auch sehr wichtig für den Vergleich zur Erde –, dann fehlt uns aber ein Teil. Die Geschichte, was eigentlich passiert ist, die Geschichte, die ist in den Mineralien fixiert oder abgelegt."

Kurz gesagt: Die Elemente bestimmen den Kuchenteig, und der Teig war mit der Entstehung des Mondes fertig. Die Mondoberfläche war zunächst ein kochendes Urmeer, das sich erst langsam abkühlte und dabei erstarrte. Was genau aus dem "Teig" wurde, hing ganz wesentlich von Druck und Temperatur ab. Mall:

"Je nachdem, wie diese Abkühlungsphase im einzelnen aussah, ändert sich eben auch die Mineralogie der Gesteine, die wir finden. Also da ist der Zusammenhang: Die Abkühlungsprozesse, die Kristallisationsphasen, die wieder direkt beeinflussen, welche Mineralien eigentlich vorhanden sein sollten. ... Weil das so eine lavaartige Masse war, gibt es da einen Prozess, dass schwere Materialien absinken. Wenn wir von tieferen Orten vom Mond eine Probe nehmen könnten, würden wir mehr über die Prozesse lernen, die dieses ganze Abkühlverhalten bestimmt haben."

Bei späteren Einschlägen großer Himmelskörper wurde auch Material aus dem Mondmantel herausgeschleudert - die Forscher erkennen das daran, dass sich in der Umgebung der großen Einschläge die mineralogische Zusammensetzung ändert. So fügt sich mühsam Information an Information, Bild an Bild, Mondprobe an Spektrum. Zwar ist das Bombardement mit Meteoriten längst nicht mehr so dramatisch wie in der Frühzeit des Planetensystems – doch der Dauerbeschuss aus dem All prägt den Mond noch immer, erklärt Harald Hoffmann.

"Die Mondoberfläche ist ein loser Staub, vorwiegend loser Staub, weil festes Gestein zerrüttet wurde durch Impakte. Im Laufe der Zeit, der Jahrmillionen, ist eben daraus eine mehrere Meter mächtige Schicht an losem Material geworden. Nur durch solche Impakte und vor allem kleinere Objekte. Das geht dann hin bis hin zum Sonnenwind, bis zu kleinen Kernen, die natürlich hier auch kräftig mitarbeiten. Aber dadurch ist er fragmentiert und zerkleinert worden."

Dem Dauerfeuer aus dem All verdanken die Astronauten die dicke Staubschicht auf dem Mond: Nur so konnten sie bei den Außenarbeiten ihre berühmten Fußabdrücke hinterlassen. Noch heute sehen sie so aus, als seien die Astronauten dort "gerade eben" entlang gegangen. Es wird wohl Millionen von Jahren dauern, bis sie von den einfallenden Teilchen "zugestaubt" sind. Von Zeit zu Zeit wirbelt auch ein größerer Brocken den Mondstaub auf. Es gibt gewaltige Krater, die erst einige zehn Millionen Jahre alt sind. Erde und Mond ziehen gemeinsam durchs All - was den Mond trifft, trifft im Prinzip auch die Erde. Harald Hoffmann:

"Damit zeigt uns der Mond, was auch auf der Erde passiert - wie häufig wir mit irgendwelchen Einschlägen zu rechnen haben. Bei einem Krater wie dem Nördlinger Ries: Die Häufigkeit, mit der man eigentlich rechnen muss, ist weniger als eine Million Jahre, vielleicht 500.000 Jahre. Und solch ein großer Einschlag, der zum Aussterben der Dinosaurier geführt hat, kann alle 50 bis 100 Millionen Jahre passieren. Und das wissen wir eigentlich nur durch den Mond."

Für die Geologen ist der Mond also eine Art riesiges Messinstrument, das den kosmischen Teil der Erdgeschichte aufzeichnet. Auf der Erde selbst sind durch Wind, Wetter, Meere und Plattentektonik die meisten Einschlagskrater verwischt. Doch auf dem Mond gibt es weder Wind noch Tektonik. Er hat keine Atmosphäre – somit toben auf ihm auch keine Stürme und flüssiges Wasser gibt es auch nicht. Hoffmann:

"Von den Modellierungsvorstellungen, von den Daten, die wir haben von den Apollo- und Luna-Mondproben und von dem, was wir kennen, ist der Mond eigentlich wasserfrei, er ist trocken, sehr trocken, staubtrocken, ... eigentlich dürfte dort kein Wasser vorhanden sein. Clementine, das war eine amerikanische Mission Anfang der 90er Jahre, hatte ja aufgrund von Radarmessungen, nennen wir es mal so, am Südpol so komische Signale detektiert. Die Frage ist: Ist das ein Messfehler, ist das im Rauschen drin? Die positiv Denkenden haben das entsprechend interpretiert: Hier ist Wasser, in Form von Eis."

Am Südpol gibt es Krater, die permanent im Schatten liegen: perfekte Kältefallen. Womöglich sind im Laufe der vergangenen vier Milliarden Jahre Kometen in diese Krater gestürzt. Kometen sind schmutzige Schneebälle aus viel Eis, Staub und Steinen. Da die Krater niemals Sonnenlicht abbekommen, könnte sich das Eis gehalten haben und noch immer im Krater zu finden sein. Doch die Daten von Clementine und später der US-Sonde Lunar Prospector blieben sehr vage. Auch die anderen Sonden, die in den vergangenen Jahren den Mond erforscht haben, konnten die Wasserfrage nicht abschließend klären. Jetzt wird die Nasa der Angelegenheit buchstäblich auf den Grund gehen.

Noch fliegt die Oberstufe der Mondsonde Lunar Reconnaissance Orbiter durchs All. Doch am Freitag 9. Oktober 2009, gegen 13:30 mitteleuropäischer Sommerzeit, soll sie in einen jener ewig im Schatten liegenden Krater einschlagen. Geht alles nach Plan, wird eine große Explosionswolke aufsteigen und Sekunden später von der Tochtersonde LCross passiert. LCross wird Bilder machen, die chemische Zusammensetzung analysieren und zur Erde funken. Unmittelbar danach soll auch sie im Krater zerschellen.

"LCross ist wirklich ein Experiment mit Knalleffekt. Wir nutzen einfach die Oberstufe, die sonst nutzlos durch das All geflogen wäre. Beim Einschlag werden wir etliche Meter tief in den Mondboden graben. Teleskope am Erdboden und die LCross-Kapsel werden die Explosionswolke genau verfolgen. Uns interessiert, woraus der Mondboden dort besteht. Könnte er unter anderem gefrorenes Wasser enthalten?"

In den Kratern des Mondes konserviertes Eis wäre ein willkommener Rohstoff für künftige Astronauten, für Trinkwasser oder Treibstoff. Ein solcher Befund könnte die bemannte Rückkehr zum Mond erheblich beflügeln.

Nach bisheriger Planung sollen etwa im Jahr 2020 wieder Astronauten auf dem Mond landen. Ab 2024 soll es sogar eine dauerhaft besetzte Basis geben. Anders als in den 60er Jahren beim Apollo-Programm geht es nicht mehr nur um Stippvisiten, sondern um lang andauernde Aufenthalte auf dem Mond.

"This is the first step in making humanity a multi-planet-species."

Dies sei der erste Schritt, aus der Menschheit eine Spezies zu machen, die auf mehreren Himmelskörpern lebt, verkündet vollmundig Simon Worden, Astronom, Luftwaffengeneral und Chef des Nasa-Ames-Forschungszentrums bei San Francisco. Einziges Hindernis: Noch hat die Nasa keine Rakete, die Menschen zum Mond tragen könnte – und es deutet sich an, dass die neue US-Regierung deren Entwicklung aus Haushaltsgründen verzögert. Barack Obama lässt die Pläne derzeit von einer Expertenkommission prüfen, die Entscheidung ist für den Herbst angekündigt.

Harrison Schmitt war 1972 als einer der letzten Astronauten des Apollo Programms auf dem Mond – drei ganze Tage lang, an denen er sich offensichtlich prächtig amüsiert hat.

"Bei Apollo hat man alles mitgenommen, was man zum Leben und für den Rückflug brauchte. Wir haben da oben nur die Proben eingesammelt, sonst nichts. Jetzt wollen wir langsam eine Infrastruktur aufbauen, die zum Beispiel die im Mondboden vorkommenden Elemente Wasserstoff, Helium, Kohlenstoff und Stickstoff nutzt. Wir müssen Geräte mitnehmen, die diese Stoffe aus dem Boden herauslösen. Dieses Material ließe sich zur Herstellung von Treibstoff, anderem Gerät oder Nahrung nutzen. Nur so könnte man auf dem Mond eine unabhängige Siedlung aufbauen."

Nur wer auf dem Mond übt, sich selbst zu versorgen, könnte irgendwann einmal sogar zum Mars fliegen. So ein Projekt ließe sich nur durchführen, wenn die Astronauten auf dem Mars für den Rückflug auftanken. Ernst Messerschmid, heute Raumfahrtprofessor in Stuttgart, war 1985 mit einem Space Shuttle im Weltall - wäre aber auch damals schon lieber zum Mond geflogen...

"Es gibt auch unter Astronauten bestimmte Abstufungen: Den ersten Streifen bekommt man, wenn man im erdnahen Weltraum war, mit dem Shuttle oder Soyuz. Die Stufe1b ist, wenn man einen Ausstieg macht und außen arbeitet. Dann die zweite Stufe ist, zum Mond zu fliegen. Und die dritte Stufe, das ist noch den zukünftigen Astronauten vorbehalten, ist der Flug zum Mars. Aber schon mal im erdnahen Weltraum gewesen zu sein, das ist schon erhebend. Und man weiß dann auch, wovon man spricht, wenn es darum geht, die nächsten Ziele zu definieren. Man weiß, was geht, vielleicht auch viel leichter geht, als die meisten sich vorstellen."

Und so sieht Ernst Messerschmid, obwohl er "nur" ein Astronaut der Stufe 1 ist, die künftigen Mondpläne aus einer ganz professionellen Perspektive. Er mahnt zur Geduld. Lieber solle man etwas später zum Mond zurückkehren, dann müsse man aber auch wissen, warum man das macht. Die Rückkehr zum Mond sei nicht Selbstzweck.

"Bei jeder Mission von Menschen zum Mond müssen Dinge zurückbleiben, die nachfolgende Missionen nutzen können. Fahrzeuge, Behausungen, Technologien zum Überleben. Nur dann werden wir eines Tages eine Mondstation ähnlich auffassen wie wir heute Antarktisstationen auffassen, wo man auch nicht immer leben will und muss, sondern einfach als Außenstelle der Menschheit, einerseits für Forschung, aber auch zur Ausweitung von menschlichen Erfahrungen."

So wie die Stationen im Südpolargebiet der Erde heute längst nicht nur für die Polar- und Klimaforschung genutzt werden, wäre auch der Mond für viele andere Zwecke interessant. Herausragende Bedeutung hätte er für die Astronomie. Heino Falcke von der Universität Nijmegen etwa hofft auf ein riesiges Radioteleskop. – Die Pläne liegen bereits in seiner Schublade. Eine Kapsel könnte auf dem Mond landen und mit kleinen autonomen Fahrzeugen gut 30 Antennen in einigen Kilometern Umkreis verteilen. Damit ließe sich die extrem langwellige Radiostrahlung aus dem All empfangen. So ein Mond-Teleskop böte einen einzigartig klaren Blick in die Tiefen des Kosmos.

"Auf der Erde haben wir natürlich sehr viele Störungen. Die kommen durch jeden Motor, durch Transformatoren, durch Handys und alles andere. Das sehen wir tatsächlich sogar bis zum Mond. Deswegen müssen wir hinter den Mond gehen, denn da ist es komplett radioleise. Es ist tatsächlich so, dass die Rückseite des Mondes eine geschützte Zone ist. Sie dürfen auf der Rückseite des Mondes ihr Handy nicht anmachen. Das ist durch die internationale Telekommunikationsvereinigung verboten worden."

Der Mond zeigt der Erde immer dieselbe Seite. Deshalb gilt die Rückseite des Mondes Radioastronomen schon seit langem als buchstäblich himmlischer Standort für ein Teleskop – und sie steht sozusagen unter Naturschutz. Sollte die Europäische Raumfahrtagentur Esa tatsächlich den Mut haben, so eine Mission durchzuführen, würde sie damit viel mehr unterstützen als ein reines Astronomie-Projekt, betont Heino Falcke:

"Was man dort hinsetzt, ist ja nicht nur ein Radioteleskop. Man setzt da eine ganze Infrastruktur hin. Eine Struktur, die kommunizieren kann mit der Erde mit hohen Datenraten, die Computer hat, die Stromversorgung bietet, an die ich sehr viel andere Dinge anschließen könnte, wenn ich da noch einmal hinfliegen will. Das heißt: Das ist der erste Schritt, überhaupt einmal auf den Mond zu kommen und was man danach dann damit macht, liegt eigentlich nur in der Phantasie des Wissenschaftlers begrenzt. Denn dann sind viele andere Dinge möglich, die wir jetzt noch nicht für möglich halten."

Manche Nasa-Strategen träumen von einer dauerhaft besetzten Mondstation. Ganz Eifrige wähnen den Mond schon voller Fabriken, die Solarzellen zum Einsatz vor Ort herstellen. Die gewonnene Energie ließe sich per Laser zur Erde übertragen. Phantasten meinen, vor Ort würde das Isotop Helium-3 abgebaut und in künftige Fusionsreaktoren auf der Erde geschafft. Politikern dient der Mond schlicht als Prestigeprojekt, an dem sich die eigene Überlegenheit beweisen soll. – Und für Realisten schließlich ist der Mond einfach ein noch recht unerforschter Himmelskörper, der in nächster Zeit besondere Beachtung verdient.

Ganz gleich, aus welchem Grund man auf den Mond möchte. Jede Mission erfordert eine präzise Landung – eine Technik, die die Ingenieure seit Apollo verlernt haben und sich nun wieder aneignen müssen. Das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt hat Anfang Juni dieses Jahres eine Machbarkeitsstudie an die Bremer Raumfahrtfirma EADS Astrium vergeben. Für knapp eine Million Euro sollen geeignete Landetechniken entwickelt werden, die künftige Sonden sanft und präzise ans Ziel bringen.

Günstige Standorte müssen die Forscher mit viel Umsicht auswählen. Doch bisher mangelt es an präzisem Kartenmaterial. Das wird nun der Lunar Reconnaissance Orbiter LRO ändern. Die ersten Bilder, die LRO zur Erde gefunkt hat, lassen Großes erwarten, freut sich Jim Garvin vom Goddard Space Flight Center der Nasa:

"By the end of august we are mapping the moon as never done before. And LRO is the gateway of a new era of human exploration."

Ab Ende August wird die neue Sonde den gesamten Mond so genau kartieren, wie nie zuvor. Selbst die vor 40 Jahren zurückgelassenen Gestelle der Apollofähren werden zu erkennen sein – nur nicht die Fußabdrücke im Mondstaub.

Wie geht es jetzt, 40 Jahre nach Apollo, weiter am und auf dem Mond? Wird die wissenschaftliche Erkundung mit Robotern diesmal mehr als ein Strohfeuer sein? Gibt es noch einmal den unbedingten Willen, Menschen sicher auf den Mond und wieder zurück zur Erde zu bringen? Stiefeln in zehn bis 15 Jahren tatsächlich Menschen durch den Mondstaub und errichten eine dauerhaft besetzte Station? Technisch wäre eine Wiederholung und Fortführung des Apollo-Abenteuers sicher möglich. Entscheidend sind politischer Wille und finanzielle Ressourcen. Wie viel ist der Mond dem neuen Präsidenten Obama wert? Wie viel den Chinesen?

Harrison Schmitt, einer der zwölf Menschen, die bisher den Mond betreten haben, verfolgt die Entwicklung mit größtem Interesse. Nach seiner Astronautenkarriere war er sechs Jahre lang republikanischer Senator im US-Kongress. Wann erwartet er den 13. Menschen auf dem Mond?

"I think, it is a horse race somewhere around 2020, maybe a little earlier, depending on whether the international climate heats up, if the competition heats up.”"

Das Rennen werde wohl um das Jahr 2020 entschieden, vielleicht aber auch schon etwas früher, wenn sich der internationale Wettbewerb verschärfe. Und wird der nächste Mensch auf dem Mond ein Amerikaner oder ein Chinese sein?

""I cannot predict that."

Das könne er nicht sagen, meint Harrison Schmitt - für einen amerikanischen Politiker ungewohnt zurückhaltend. Das Rennen sei völlig offen.