
"Was will denn Friedrich Merz in Indien?",
fragt die FRANKFURTER RUNDSCHAU.
"Da war doch zuletzt zu Ampelzeiten Bundesarbeitsminister Hubertus Heil zwecks Fachkräfteanwerbung – und das hat auch kaum gefunzt. Ja, den Kanzler treibt die lustlose deutsche Wirtschaft dorthin, denn der Subkontinent hat das weltgrößte ökonomische Potenzial und kommt bei dessen Heben mal schneller, mal langsamer voran. Partnerschaftliche Hilfe aus Europa wird da kaum ausgeschlagen werden. Und da Merz das mit einem spezifisch deutschen Hilfeersuchen verbindet, dürfte der nationalen Würde Indiens als wachsender Regionalmacht Genüge getan sein. Verlässliche Partner sind genau das, was Indien gebrauchen kann. Russland wird volatil bleiben, China ist und bleibt Konkurrent, die USA sind ein Pulverfass mit Implosionspotenzial."
Die SÜDDEUTSCHE ZEITUNG findet, enge Beziehungen zu Indien seien für Europa keine Selbstverständlichkeit.
"Die wirtschaftliche Zusammenarbeit wächst zwar. Aber Modi hat in globalpolitisch stürmischen Zeiten ein traditionelles Leitbild indischer Außenpolitik verfeinert: die strategische Autonomie. Kein anderes Land der Welt schafft es besser, sich mit rivalisierenden Nationen passabel bis gut zu verstehen: Modi unterhält mit China, Russland, den USA und Europa stabile Beziehungen. Indiens strategische Autonomie basiert auf einer langen Tradition. Zu Zeiten des Kalten Krieges gehörte das Land zu den blockfreien Staaten. War es Modis Vorgängern noch besonders wichtig, den USA zu gefallen, achtet der Regierungschef in Delhi vor allem auf zwei Dinge: niemanden zu provozieren und vor niemandem einzuknicken."
In den USA kommen heute die Finanzminister der G7 und weiterer Industriestaaten zusammen, auch Deutschlands Ressortchef Klingbeil reist an. Die FRANKFURTER ALLGEMEINE ZEITUNG findet, das Treffen lasse aufhorchen.
"Den Amerikanern geht es um eine der geostrategisch wichtigsten Fragen dieser Zeit: Wie lässt sich die Abhängigkeit von kritischen Rohstoffen aus China beenden? Die Vereinigten Staaten haben das Thema längst zur Frage der nationalen Sicherheit gemacht und setzen viele Milliarden Dollar ein. Dass sie den Rahmen der G7 suchen, zeigt aber: 'America First' auf diesem Gebiet muss nicht 'America Alone' heißen. Die Europäer wären trotz aller Verstimmungen nach Trumps aggressiven Ansagen an Grönland und Drohungen gegen Dänemark gut beraten, diesen Gesprächskanal zu nutzen."
