Alberto Nessi beginnt seine Erzählung in der Kindheit seiner traurigen Heldin. In Waisenhäusern wächst sie auf, in Heimen für verwahrloste Jugendliche und kirchlichen Internaten unter den gestrengen Blicken züchtigender Nonnen. In kleinen Episoden entwirft Nessi das Bild eines Mädchens, das sich in die Welt geworfen fühlt, von niemandem gewollt, geschweige geliebt, das notdürftig aufbewahrt und versorgt wird von den "Wohltätern der Menschheit". "Und was ist das Leben, im Grunde genommen, wenn nicht ein Zielschießen? Wir balancieren auf einem Mäuerchen, und von weitem behält uns jemand im Auge, zielt auf uns. Die Lebensalter verstreichen, stürzen heillos die Steilhänge der Jahre hinab, und dann fällt das letzte Blatt. Aber Tosca wollte leben und befreite sich aus der Belagerung der Toten durch Gesang."
In der Musik, in den Arien und Geschichten der Carmens, Traviatas und Toscas vermag sie in die Welt der großen Gefühle und des Ruhms zu entfliehen. Tatsächlich kommt es auch in ihrem Leben zum großen Aufbruch: Sie zieht nach Zürich, hält sich mit Jobs über Wasser und studiert am Konservatorium mit Erfolg Gesang. Hier erinnert die Erzählung an den Ton neoromantischer Künstlerbiografien wie die eines Peter Camenzind von Hermann Hesse: Fremdheit und Einsamkeit in der großen Stadt, glückhafte Momente im Erleben der Kunst, leise Sehnsucht nach Liebe und Lebensfülle und das Gefühl von Naturverbundenheit: "Sie fühlte sich in Einklang mit der Vegetation", heißt es da, was Nessis sentimentale Neigung zum Vorschein bringt: "Meine Lyrik soll Geschichten erzählen. Ich drehe in meiner Lyrik den Ton nach unten und in meine Prosa hebe ich ihn an. Ich bemühe mich darum, ein Realist zu sein, der hier und dort kleine poetische Flammen entfacht."
Die verhaltene Atmosphäre der Geschichte entsteht unter anderem dadurch, daß Nessi im Prinzip chronologisch erzählt, die wichtigen Ereignisse im Leben seiner Portagonistin aber immer erst benennt, wenn sie schon eine Weile zurückliegen, und der Erzähler sich bereits zuvor Toscas Empfindungen widmen konnte, die mit jenen Ereignissen in unmittelbarem Zusammenhang standen. Formal bedient sich Nessi unterschiedlicher Erzählformen. Briefkorrespondenzen kommen vor, Tagebucheintragungen und Liedtexte, was streckenweise eher aneinandergereiht als organisch miteinander verwoben wirkt. "Eines meiner Stilmittel ist die Verbindung von Dokumentarischem und Fiktionalem. ‘Die Wohnwagenfrau’ ist ein traditioneller Roman mit experimentellen Zügen. Ein bißchen wie ein Collage. Was mich aber vor allem interessiert, das sind die kleinen Dinge, die man gewöhnlich übersieht. Die Dinge wählen mich gewissermaßen aus. Das ist möglicherweise eine Eigenart der lombardischen Literatur, und wir sind ja als Tessiner eng mit der Lombardei verbunden, ja, da gibt es die Freude am Konkreten und an den kleinen Dingen."