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Die Zeiten der Birkenstockträger sind vorbei

Ins Ausland gehen, um Lebensverhältnisse zu verbessern und gegen die ungleiche Verteilung von Armut und Reichtum etwas zu tun: Viele Menschen haben schon einmal davon geträumt, als Entwicklungshelfer nach Südamerika, Asien oder Afrika zu gehen. Die wenigsten aber tun es auch - und verzichten dafür auf Komfort, Freunde, Familie. Die meisten Entwicklungshelfer kehren nach einigen Jahren wieder nach Deutschland zurück, um entweder hier zu bleiben oder auch, um erneut ins Ausland zu gehen. Wie die Rückkehr auch aussieht: Leicht ist sie für die wenigsten.

Von Antje Allroggen | 16.07.2005
    " Ich war zweimal Entwicklungshelferin mit dem DED: Einmal so kurz nach dem Studium. Von 1993 bis 98 war ich Entwicklungshelferin in Brasilien. Ich bin von meinem Ursprungsprofil Agrarökonomin und habe dort Bauernorganisationen beraten im Bereich Betriebswirtschaft, Fortbildungen gemacht. Danach war ich ein Jahr in Deutschland, habe bei Brot für die Welt gearbeitet, eine Vertretungsstelle, na ja, dann war der Winter kalt und die Berufsaussichten auch nicht so gut, dann bin ich noch mal nach Peru gegangen für zwei Jahre und habe dort in einem ländlichen Entwicklungsprojekt Organisationsberatung gemacht . Na ja, und danach bin ich zurück nach Deutschland."

    Die Rückkehr aus Brasilien hatte sich Jutta Heckel anders vorgestellt: Sie hatte viele praktische Berufserfahrungen gesammelt - doch kaum ein Arbeitgeber wollte sie in Deutschland haben. Allerhöchstens habe man sie aus bloßer Neugier zu Bewerbungsgesprächen eingeladen, weil man einmal jemanden kennen lernen wollte, der jahrelang nur in der Hängematte gelegen und Caipirinha geschlürft habe, erzählt Jutta Heckel. Schon nach ihrem ersten Auslandsaufenthalt war der Weg nach Deutschland abgeschnitten. Deshalb entschloss sich Jutta Heckel dazu, erneut ins Ausland zu gehen - dieses Mal für zwei Jahre nach Peru.

    " Ich habe dann angefangen während meines Auslandaufenthaltes, ein Fernstudium zu machen an der deutschen Hochschule im Bereich Erwachsenenbildung, was ich dann auch fast in der Zeit abgeschlossen habe. Ich bin dann noch schwanger geworden im Ausland, bin dann mit Mann und Kind zurückgekommen nach Deutschland, und dadurch wurde dann alles komplizierter, was zu finden. Und letztendlich bin ich dann ja wieder beim DED gelandet, nach so einer größeren Schleife."

    Nachdem sie zwei Jahre nach einer geeigneten Stelle für sich gesucht hatte, koordiniert Jutta Heckel nun die entwicklungspolitische Bildungsarbeit des DED. Die meisten Entwicklungshelfer haben ähnliche Probleme: Je länger sie im Ausland waren, desto schwerer gestaltet sich für sie der Einstieg ins Berufsleben nach ihrer Rückkehr. Zu diesem Ergebnis kommt auch eine interne Studie des DED. Der Anteil der Langzeitarbeitslosen ist bei den Entwicklungshelfern sogar überproportional hoch und liegt bei über 20 Prozent. Für die Rückkehrer gibt es beim DED ein eigenes Förderungswerk, das Fort- und Weiterbildungen anbietet, um den Jobeinstieg zu erleichtern, erklärt Christine Fach, DED-Referentin für Personal.

    " Es gibt Möglichkeiten über dieses Förderwerk, jetzt beruflich noch mal Tipps zu kriegen oder sich noch mal weiter zu entwickeln. Viele machen dann ein Zusatzstudium oder so was, aber eine systematische, psychische Betreuung in der Hinsicht, dass jemand hier wieder schwer Fuß fasst, gibt es nicht. Es sei denn, er steht in der Tür und bittet um ein Gespräch."

    Statt einer aufwendigen Nachbetreuung verfolgt der DED eine andere Strategie: Um große Probleme bei der Rückkehr von vornherein zu vermeiden, werden die Bewerber intensiv auf fachliches Können und Persönlichkeit getestet. Christine Fach.

    " Wir müssen da sehr genau hingucken, weil vielfältige Anforderungen auf die Entwicklungshelfer zukommen. Die Zeiten der Birkenstock und Idealismuszeiten, die sind wirklich vorbei. Es geht darum, dass es wirklich fachlich versierte Personen sind. Und vor allen Dingen natürlich auch persönlich. Diese beiden Standbeine sind uns wichtig und im Grunde auch gleichwertig."

    Weil der Bedarf an Entwicklungshelfern hoch ist, versucht der DED, Familienpartner in die Vorbereitungen auf den Auslandseinsatz so gut es geht mit einzubeziehen. Damit geeignetes Personal der Entwicklungsarbeit vor Ort nicht verloren geht, sollen vor allem junge Leute früh an das Gehen und Wiederkommen gewöhnt werden: Das Nachwuchsförderungsprogramm ist ein einjähriges Stipendium, das dazu dienen soll, erste praktische Erfahrungen in der Entwicklungszusammenarbeit zu erwerben. Voraussetzung sind Berufserfahrung oder ein abgeschlossenes Studium. Dabei gibt es die Möglichkeit, den Aufenthalt als Entwicklungshelfer zu verlängern oder aber nach Deutschland zurückzukehren. Der Vorteil des Programms: Der berufliche Einstieg oder auch Wiedereinstieg verläuft in der Regel schonender.

    Sandy El Berr war mit dem Programm als Ethnologin ein Jahr lang in Bolivien. Bei der Rückkehr gab es für sie kaum Probleme: Zuerst arbeitete sie für das Zentrum für Entwicklungsforschung in Bonn, jetzt promoviert sie mit konkreten Plänen für die Zukunft.

    " Ich habe ganz bewusst nach diesem Nachwuchsprogramm die Option gewählt, wieder zurückzukehren nach Deutschland und nicht dort zu bleiben und weiter zu arbeiten, weil ich das Gefühl hatte, ich möchte mich hier noch weiterbilden. Das möchte ich dann auch im Rahmen der Dissertation tun. Und dazu werd ich wieder ins Ausland gehen für ein Jahr, vielleicht nach Ecuador. Und wenn ich wiederkomme, möchte ich gern an der Schnittstelle arbeiten zwischen Forschung und Praxis."

    Für Jutta Heckel war die Rückkehr nicht nur beruflich, sondern auch persönlich ganz besonders hart: Sie wird sich von ihrem Partner und Vater ihres Kindes, den sie in Peru kennen lernte, trennen. Doch verzichten möchte sie deswegen nicht darauf , irgendwann wieder ins Ausland zu gehen. Auch, wenn es dann wieder mit ihrer beruflichen Karriere nicht so glatt weiter geht.

    " So die Schwierigkeiten der Rückkehr wären für mich jetzt kein Grund, noch mal überhaupt irgendwann raus zu gehen. Ich denke, man muss sich dessen bewusst sein, und was ich zu wenig gemacht habe in meinem Auslandaufenthalt war einfach, Kontakte zu pflegen nach Deutschland. Ich habe hier auch angefangen mit einer weit unterqualifizierten Stelle, ne ganz normale traurige Sachbearbeiterstelle. Und ich denk, das muss man einfach in Kauf nehmen."