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StartseiteForschung aktuell"Diese Radioaktivität klebt überall auf den Oberflächen"11.08.2011

"Diese Radioaktivität klebt überall auf den Oberflächen"

Fünf Monate nach dem Reaktorunglück: die Lage um Fukushima

Umwelt.- Vor genau fünf Monaten ereignete sich der Super-GAU im Kernkraftwerk von Fukushima. Die Wissenschaftsjournalistin Dagmar Röhrlich war nun eine Woche lang in Japan, um sich einen Überblick darüber zu verschaffen, wie heute die Situation entlang der Sperrzone ist.

Wenige Wochen nach dem Unglück: Arbeiter am Reaktor im japanischen AKW in Fukushima.  (picture alliance / dpa)
Wenige Wochen nach dem Unglück: Arbeiter am Reaktor im japanischen AKW in Fukushima. (picture alliance / dpa)

Arndt Reuning: Zunächst einmal begrüße ich hier im Studio meine Kollegin Dagmar Röhrlich. Sie berichtet nun auf den Tag genau seit fünf Monaten über die Vorgänge in Fukushima. In den ersten Monaten hier von Köln aus, doch nun ist sie für acht Tage in Japan gewesen, um sich ein Bild vor Ort zu machen. Gerade wieder heimgekehrt – Frau Röhrlich, wie nahe sind Sie denn überhaupt diesem Reaktor gekommen?

Dagmar Röhrlich: So um die 33 Kilometer. Näher ist halt wegen der Sperrgebiete nicht möglich. Und es wäre auch sehr unklug wirklich zu versuchen, zum Reaktor hinzukommen. Dort ist es einfach viel zu gefährlich. Wir konnten evakuierte Regionen um die Stadt Iitate besuchen. Das ist der Ort, der später evakuiert worden ist. Als man dort feststellte, dass die Strahlung sehr viel zu hoch war. Und wir haben auch einige Gebiete besucht, die nicht evakuiert worden sind, wo die Leute noch wohnen und die entsprechend ängstlich sind und auch Befürchtungen um die Gesundheit und vor allem die Gesundheit ihrer Kinder haben.

Reuning: Wie sieht es denn aus dort?

Röhrlich: Wo jetzt keine Menschen mehr sind – das ist sehr bizarr, richtig gespenstisch, weil halt überhaupt niemand mehr da ist. Ganz selten fährt mal ein Auto entlang. Man sieht vielleicht nochmal eine Katze irgendwo laufen. Aber in den Gebieten, wo jetzt die Menschen noch sind, dort sind überall an den Bürgermeisterämtern Messgeräte aufgestellt worden, die die Radioaktivität in der Luft gerade messen. Und dort haben wir beispielsweise eine Schule besucht, wo uns dann vorgeführt worden ist, wie man diese Schule beispielhaft gereinigt hat. Und das waren jetzt nicht etwa Regierungsvertreter, die dort gereinigt haben, sondern Nicht-Regierungsorganisationen, die einen Wissenschaftler hingeschickt haben. Die haben dann wirklich geschaut: Wie bekommt man so ein Gebäude so sauber, dass Kinder wieder dort gefahrlos unterrichtet werden können?

Reuning: Was sind dabei die Haupt-Herausforderungen?

Röhrlich: Diese Radioaktivität klebt überall auf den Oberflächen. Das Cäsium, das noch da ist. Das Jod ist ja inzwischen verschwunden. Aber das Cäsium muss man richtig runter holen. Und das geht nicht einfach durch abwaschen, sondern da muss man die oberste Schicht beispielsweise von Teerflächen abhobeln, die obersten Millimeter. Man muss Risse reinigen, man muss Rohre austauschen oder sehr, sehr sorgfältig die oberste Schicht abbürsten. Das ist ein sehr aufwendiges Verfahren. Und so bekommt man aber - wenn man das ganz sorgfältig macht und auch ... wegräumt, Gras mäht – die Radioaktivität schon erheblich deutlich messbar gesenkt, zu unkritischen Bereichen in diesem speziellen Fall. Das wurde uns auch vorgeführt, wie das auf einem Bauernhof gemacht worden ist – ganz ähnlich: Man hat auch die oberste Erdschicht dort abgetragen, die obersten zwei, drei Zentimeter. Das Problem war dort der Wald hinterm Haus. Die Gegend von Iitate ist eine wunderschöne bewaldete Gegend. Und auf diesen Wäldern – sofern es Nadelbäume sind – ist die Radioaktivität halt drauf, weil dort Schnee draufgefallen ist und es abgelagert hat. Und dann muss man die Bäume entweder fällen oder man kann dorthin nicht zurück für lange Zeit.

Reuning: Diese Reinigungsarbeiten – lässt sich denn schon abschätzen, was das finanziell für Japan bedeuten wird?

Röhrlich: Der erste Ort, der jetzt großflächig sein Gebiet reinigen will, das ist Minamisoma-City. Dort wird es sechs Millionen Euro mindestens kosten. Das ist ein relativ kleiner Ort. Und sie haben einen Plan erstellt, die Schulen zu säubern, die Kanalisation zu säubern, das Wasserwerk wieder gängig zu kriegen, Krankenhäuser. Und allein dafür sind dann sechs Millionen Euro fällig. Die Regierung unterstützt das jetzt. Die hat gesagt, dass Städte wie Minamisoma ... dass noch vier weitere Städte jetzt bitte Pläne ausarbeiten, wie man die Städte säubern kann. Und dass dorthin dann Menschen zurückkommen sollen, sobald die Phase zwei beim Kernkraftwerk abgeschlossen ist, das heißt, sobald dort keinerlei Emissionen in die Umwelt mehr sind, man die Reaktoren also verpackt haben wird, wird man noch weitere Gebiete freigeben und vorher reinigen. Das ist also ein riesiger Aufwand, der dort betrieben werden muss.

Reuning: Zeichnet sich denn schon ab, wann diese Sperrzone wieder irgendwann einmal besiedelt werden kann?

Röhrlich: Also diese 20- bis 30-Kilometer-Zone, wo diese Orte liegen, die jetzt gesäubert werden, da, wenn man Glück hat, vielleicht in den nächsten ein bis zwei Jahren, dass viele Leute wieder zurück sein können. Aber wenn die Messwerte zu hoch sind, dann sind das dauerhafte Sperrgebiete, die 30, 40, 60, 100 Jahre nicht mehr bewohnt werden können.

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