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Wie groß darf der Einfluss von Unternehmen auf Deutschlands Universitäten sein? Je nach politischem Lager fällt die Antwort unterschiedlich aus. Die Bundesbildungsministerin fordert stärkeres Engagement der Wirtschaft - das linke Lager dagegen warnt vor zu großem Einfluss.

Von Claudia van Laak | 30.05.2011

    Universitäten freuen sich immer über mehr Geld – in diesem Fall über jährlich drei Millionen Euro. Damit finanziert die Deutsche Bank ein Institut für Angewandte Finanzmathematik einschließlich zweier Stiftungsprofessuren an der Humboldt-Uni und der Technischen Universität. Im Vertrag wurde festgeschrieben: Die Besetzung der Professuren erfolgt im Einvernehmen mit der Deutschen Bank, alle Forschungsergebnisse müssen zunächst dem Geldgeber zur Freigabe vorgelegt werden, und die beiden Berliner Universitäten verpflichten sich, die Deutsche Bank bei der Gewinnung zukünftiger Mitarbeiter zu unterstützen.

    "Das ist für die Freiheit der Wissenschaft, und die Selbstbestimmung der Universität als Institution hochgefährlich und es ist auch für die Studenten hochgefährlich."

    … kritisiert Peter Grottian, emeritierter Politikprofessor der Freien Universität Berlin. Grottian ist ein bekannter politischer Aktivist, Mitglied im Beirat von Attac und Mitorganisator der bundesweiten Bildungsproteste. Seine Kritik richtet sich nicht nur gegen die Deutsche Bank, sondern gegen die Politik, die zu wenig Geld in die Hochschulen investiere.

    "Dahinter steckt natürlich ein strukturelles Problem, und das strukturelle Problem ist, dass die Hochschulen im Moment so unterfinanziert sind, so einer Magerkost ausgesetzt sind, dass sie auf den Leim eines solchen Unternehmens gehen."

    Peter Grottian fordert auch von den Universitäten, genauer hinzusehen, wenn sie Finanzierungsverträge mit Unternehmen unterschreiben. Der Präsident der Humboldt-Universität Jan-Hendrik Olbertz ist erst seit einem halben Jahr im Amt, den Vertrag mit der Deutschen Bank hat sein Vorgänger unterschrieben. Aber:

    "Ich kann die kritischen Nachfragen verstehen, die dieser Vertrag durch seinen Wortlaut provoziert, in dem er dem Stifter, in diesem Fall der Deutschen Bank, erhebliche Rechte bei der Forschungsplanung zugesteht."

    Jan-Hendrik Olbertz ärgert sich besonders darüber, dass in strittigen Fragen nicht die Stimmen der Wissenschaftler ausschlaggebend sind, sondern die der Deutschen Bank. Im Vertrag heißt es dazu – Zitat:

    "Im Falle von Stimmengleichheit gibt die Stimme des Managing Directors den Ausschlag"

    – und dieser ist ein Mitarbeiter der Deutschen Bank. Außerdem wird dem Geldinstitut das Recht eingeräumt, in den Universitäten um Personal zu werben.
    Der Präsident der Humboldt-Uni sieht allerdings durch diesen Fall nicht die Wissenschaftsfreiheit in Gefahr, zumal der Vertrag in Kürze ausläuft.

    Auch Volker Meyer-Guckl hält diese Kritik für übertrieben. Der stellvertretende Generalsekretär des Stifterverbands für die Wissenschaft hält den Vertrag zwischen der Deutschen Bank und den Universitäten für durchaus üblich.

    "Die Wissenschaftsfreiheit ist dann in Gefahr, wenn es kein Geld mehr gibt zu forschen. Und natürlich ist die größte Unabhängigkeit durch staatliche Finanzierung gegeben. Bei jeder privaten Finanzierung gibt es einen Einfluss des Geldgebers, unbestritten, aber es gibt immer zwei Vertragspartner."

    Sprich – es hängt auch von den Hochschulen ab, inwiefern sie sich die Forderungen der Geldgeber diktieren lassen. Der Präsident der Humboldt-Uni, Olbertz, denkt jetzt über die Einführung eines Ethik-Kodexes an seiner Hochschule nach. Vorbild könnte der Stiftungskodex der Universität Frankfurt am Main sein. Er besagt, dass eine Stiftungsprofessur keine Auftragsforschung betreiben darf und dass die Forschungsergebnisse nicht in exklusiver Weise vom Geldgeber vereinnahmt werden dürfen.