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StartseiteCampus & KarriereEin Drittel der Schüler könne "nur klicken und wischen"05.11.2019

Digitale Kompetenz in der MittelstufeEin Drittel der Schüler könne "nur klicken und wischen"

Die IT-Kompetenzen von Achtklässlern sind maximal mittelmäßig. Zu dem Ergebnis kommt eine internationale Vergleichsstudie. Ein Drittel der Schüler sei nicht in der Lage, Fake News zu erkennen, sagte die Autorin der Studie, Birgit Eickelmann, im Dlf. Dabei gebe durchaus gute Förderkonzepte.

Birgit Eickelmann im Gespräch mit Manfred Götzke

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Eine Schülerin arbeitet einem Klassenzimmer an einem Tabletcomputer. (picture alliance / Wolfram Kastl)
Es gebe eine enge Kopplung zwischen dem Bildungserfolg auch im digitalen Bereich und dem Status der Schülerfamilien, sagte Schulpädagogin Eickelmann im Dlf (picture alliance / Wolfram Kastl)
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Am Dienstag wurden die Ergebnisse einer internationalen Vergleichsstudie zu Computer- und Informationskompetenzen von Achtklässlern veröffentlicht. Je nach Interpretation sind sie aus deutscher Sicht mittelmäßig bis verheerend. Ein geringer Anteil der Jugendlichen erreicht die Leistungsspitze, und ein Drittel verfügt nur über rudimentäre Computerkenntnisse. Manfred Götzke hat mit Birgit Eickelmann von der Universität Paderborn gesprochen, die die Studie verfasst hat.

Manfred Götzke: Frau Eickelmann, wie haben Sie denn die Schüler genau getestet?

Eickelmann: Wir haben wie schon bei der Studie ICILS 2013 computerbasierte Testmodule eingesetzt, das heißt, die Schülerinnen und Schüler bekommen ganz konkrete Aufgaben aus einem anwendungsnahen Kontext, also beispielsweise ein Plakat zu erstellen für einen Musikwettbewerb oder eine Präsentation zu erstellen zum Thema Umweltschutz. Und dann bearbeiten diese Schülerinnen und Schüler die Testmodule in interaktiven, computerbasierten Lernumgebungen.

Götzke: Die deutschen Schüler schneiden wie gesagt nur mittelmäßig ab. Was heißt das, also was können sie und woran scheitern die meisten?

Ein Drittel erkennt Fake News nicht

Eickelmann: Wir haben etwa ein Drittel der Schülerinnen und Schüler auf den unteren beiden Kompetenzstufen, das ist recht besorgniserregend. Wenn man mal genau schaut, was diese Schülerinnen und Schüler können, dann ist das vor allen Dingen das Anklicken eines Links oder das Öffnen einer E-Mail. Und was sie eben nicht können – und das ist wirklich etwas, was uns Sorge geben sollte –, ist, dass sie eben keine Information reflektiert bewerten können.

Götzke: Was heißt das denn genau, was bedeutet das? Sie können keine Informationen reflektiert bewerten, das heißt, sie können noch nicht mal vernünftig etwas im Internet lesen, recherchieren, sich raussuchen?

Prof. Dr. Birgit Eickelmann vom Institut für Erziehungswissenschaft an der Universität Paderborn spricht bei der Bundespressekonferenz. (imago)Prof. Birgit Eickelmann vom Institut für Erziehungswissenschaft an der Universität Paderborn (imago)

Eickelmann: Genau, die Schülerinnen und Schüler, die auf den unteren beiden Kompetenzstufen sind, die würden eine Information beispielsweise im Internet finden und würden die nicht hinterfragen, würden nicht schauen, von wem sind diese Informationen, wie sind die einzuordnen und auch nicht wissen, ob sie diese Informationen für weiteres Lernen zum Beispiel benötigen würden.

Götzke: Empfängnisbereit für Fake News?

Eickelmann: Ja, das könnte man schon sagen. Was wirklich besorgniserregend daran ist, dass man im Prinzip sagen kann, wenn diese Jugendlichen beispielsweise auch auf Informationen stoßen, die von Seiten sind, die eher von rechts kommen oder die Fake News sind, dann würden diese Jugendlichen das nicht bemerken.

Keine Verbesserung seit 2013

Götzke: Die Ergebnisse haben sich seit dem ersten Test 2013 nicht oder kaum verbessert. Heißt das, weder Politik noch Schulen sind in der Lage, die Kinder sachgerecht aktuell zu unterrichten, auszubilden, wenn es um Computerkenntnisse geht?

Eickelmann: Die Kompetenzen haben sich tatsächlich nicht verbessert und nicht verändert seit der vorherigen Studie, das ist natürlich auch ein Ergebnis schon mal für sich. Was wir aber natürlich gesehen haben in Deutschland, dass sich in den vergangenen Jahren die Schulen auf den Weg gemacht haben. Das dokumentiert auch die Studie. Wir sehen schon, dass Schulleiterinnen und Schulleiter beispielsweise in dem Bereich Digitalisierung verstärkt auch schulische Bildungsziele ansetzen und dass auch Lehrkräfte deutlich oder zu deutlich höheren Anteilen jetzt digitale Medien nutzen, das war ja 2013 noch ein sehr verhalten geringer Anteil an Lehrkräften. Aber auf der anderen Seite sind so substantielle Dinge, was kommt bei den Schülerinnen und Schülern an, wozu nutzen sie digitale Medien im Unterricht, da hat sich nicht viel geändert, sodass wir da noch viele Hausaufgaben haben.

Götzke: Was muss sich denn ändern. Es hat sich ja bislang nicht ausgewirkt, zumindest nicht bei den Kompetenzen der Schülerinnen und Schüler.

Eickelmann: Genau. Man muss ein bisschen berücksichtigen, dass die Daten im Frühjahr 2018 erhoben worden sind, seitdem sind ja einige Maßnahmen schon auf den Weg gebracht worden. Aber viele Maßnahmen, die wir auf den Weg bringen in Deutschland, beziehen sich ganz oft, das haben auch die verganenen Jahre schon gezeigt, es ist nicht so, dass der Digitalpakt das erste Mal wäre, dass wir in Ausstattung investieren. Wir müssen viel mehr in pädagogische Konzepte investieren, wir müssen in Lehrkräftequalifizierung investieren, müssen die Schulen bei ihren Schulentwicklungsprozessen unterstützen.

Wir müssten wie zum Beispiel Dänemark, das ja als Spitzenreiter der Studie abgeschnitten hat, also über überdurchschnittlich hohe Kompetenzen verfügt und auch eine Bildungsgerechtigkeit zum Vorschein bringt, müssten wir zum Beispiel wie Dänemark Unterrichtsressourcen für die einzelnen Fächer bereitstellen.

Deutschland hinkt hinterher

Götzke: Sie haben Dänemark genannt, was machen denn insgesamt die Spitzenreiter, Finnland, Frankreich sind ja auch weit besser als Deutschland, was machen die insgesamt besser?

Eickelmann: Die bringen natürlich insgesamt den Bereich der Digitalisierung in Schulen mit mehr Nachdruck auf den Weg, die haben schon ihre Curricula verändert. In Deutschland sind wir ja gerade erst dabei, wir haben uns das vorgenommen seit der Implementierung der KMK-Strategie Bildung in der digitalen Welt, da ist so eine Schrittfolge vorgesehen und da möchte man eben, dass die Lehrpläne in den Schulen bis 2021 überarbeitet werden sollen. Aber dann sieht man sozusagen, dafür haben wir uns in Deutschland fünf Jahre Zeit gegeben, was in den anderen Ländern hervorsticht, ist, dass die einfach schneller sind in ihren Entwicklungen und die Dinge mit mehr Nachdruck vorantreiben.

Götzke: Verliert Deutschland da den Anschluss?

Eickelmann: Wenn Sie mich fragen, hat Deutschland schon vor Jahren da leider den Anschluss verloren, das haben wir 2013 auch schon zeigen können. Wir müssen jetzt, glaube ich, viel Anstrengung investieren, dass wir mit den Entwicklungen mithalten können. Und irgendwann wäre es, glaube ich, auch mal ganz schön, wenn wir nicht nach Estland oder nach Dänemark fahren würden und uns da Digitalisierungsprozesse anschauen, sondern wenn wir Besuch aus Nachbarländern hätten, und die schauen, wie toll wir die Dinge auf den Weg bringen.

Götzke: Woran liegt das denn? Es wird ja viel darüber geredet, über digitale Kompetenzen, über die Digitalstrategie der Bundesregierung et cetera. Wird da zu viel geredet und zu wenig getan oder was ist da aus Ihrer Sicht das Problem?

Eickelmann: Ich glaube, das ist eine ganz gute Analyse. Wir haben ja gute Ideen und gute Konzepte, aber wir brauchen unheimlich lange in Deutschland, um die in die Tat umzusetzen. Und wir müssen jetzt wirklich schauen, wie kommen wir in die Umsetzung. Wir haben auf der anderen Seite ja auch viele Schulen in Deutschland, die sich schon längst auf den Weg gemacht haben, vielleicht sollten wir auch noch mal schauen und von diesen Schulen einfach lernen, wie die die Dinge in die Hand genommen haben.

Aber man weiß auch von dem Bereich der Digitalisierung, dass nicht alleine die Schulentwicklungsarbeit vor Ort ausschlaggebend ist. Die Schulen brauchen einfach gute Rahmenbedingungen, das ist technischer Support, das ist pädagogischer Support, das ist eine pädagogisch sinnvolle IT-Ausstattung, das sind Lehrkräfte, die in dem Bereich qualifiziert sind, Lehrkräfte, die für den Bereich auch entsprechende Materialien zur Verfügung haben. Das sind viele Dinge, die wir in Deutschland derzeit in der Fläche noch nicht hinbringen können – und dann kommen eben solche Ergebnisse zustande.

Herkunft bestimmt das Abschneiden

Götzke: Auch in diesem Bereich hat sich ja wieder gezeigt, dass der Erfolg von der sozialen Herkunft abhängt. Kinder aus Familien mit wenig Geld schneiden deutlich schlechter ab als die anderen. Was heißt das für diese Kinder, werden die abgehängt sein, massiv schlechtere Jobchancen in der Zukunft haben?

Eickelmann: Ja, also, was man sich vor Augen führen muss, ist, dass wir ja hier über ein Merkmal sprechen, dass zunächst mal mit schulischen Leistungen nichts zu tun haben dürfte, es ist nämlich der Geldbeutel der Eltern. Wenn man dann sieht, dass wir wieder so eine enge Kopplung haben zwischen dem Bildungserfolg jetzt im digitalen Bereich und dem sozioökonomischen Status der Schülerfamilien, dann ist das erst mal hochgradig besorgniserregend.

Und wenn man dann weiß, dass von diesen Schülerinnen und Schülern, die eben nicht sozial privilegiert sind, da viele auf den unteren Kompetenzstufen sind und das eben genau diese Gruppe ist, die eben nur klicken und wischen können eigentlich und eben nicht sozusagen reflektiert und produktiv und kreativ mit digitalen Medien umgehen können, dann sind die einfach sowohl in der Arbeitswelt und von ihren beruflichen Perspektiven abgehängt.

Aber man muss eben auch sehen, das hatten wir auch gerade schon kurz angesprochen, dass die eben auch sehr anfällig sind für Fake News und für Informationen von außen, die sie einfach in ihrem Alltag nicht bewerten können. Und da kommen zwei Dinge zusammen, einmal die Perspektive für die Zukunft und die Lebenswelt der Kinder und Jugendlichen.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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