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StartseiteDeutschland heuteWarum die Vernetzung der Gesundheitsämter hakt26.02.2021

Digitale KontaktverfolgungWarum die Vernetzung der Gesundheitsämter hakt

Das digitale Kontaktnachverfolgungssystem Sormas soll für einen reibungslosen Datenaustausch zwischen den Gesundheitsämtern sorgen. Bis Ende Februar sollte es flächendeckend verfügbar sein. Doch es hakt, auch weil zu spät mit der Umstellung auf die neue Software begonnen wurde.

Von Johannes Kuhn

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Mitarbeiter mit Gesichtsschutzschirm telefonieren im Lagezentrum des Gesundheitsamt Mitte. Das Gesundheitsamt Mitte führt eine neue Software-Lösung (Kontaktpersonen-Management-System SORMAS -Surveillance and Outbreak Response Management System) für die professionelle Verwaltung von Infektionsfällen ein (dpa /  Britta Pedersen)
"Die Neueinführung einer Software bedeutet immer Schulungsaufwand, sodass wir das Ziel der Bund-Länder-Beschlüsse, es Ende Februar flächendeckend einzuführen, für nicht zielführend halten, sagt Kay Ruge vom Deutschen Landkreistag. " (dpa / Britta Pedersen)
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Das Reizthema hat sechs Buchstaben: SORMAS, kurz für "Surveillance, Outbreak Response Management and Analysis System".

"Es gibt einen Beschluss der Ministerpräsidentenkonferenz, die sich verpflichtet haben, Sormas einzuführen in ihren Gesundheitsämtern. Und wir erwarten, dass das auch passiert", so ein Sprecher von Gesundheitsminister Jens Spahn diese Woche. Erwartungen sind das eine. Die Realität eine andere: 375 Gesundheitsämter gibt es in Deutschland, 254 davon haben Sormas installiert.

Gesundheitsamt Karlsruhe (dpa / Marijan Murat) (dpa / Marijan Murat)Die Behörde im Zentrum der Pandemiebekämpfung
Bei der Eindämmung der Pandemie spielen die Gesundheitsämter eine wesentliche Rolle. Sie kommen aber dadurch ihren sonstigen Aufgaben kaum noch nach. Deshalb schulen sie neues Personal und erhalten Hilfe von der Bundeswehr.

Installiert wohlgemerkt, nicht im Einsatz: Weniger als 90 Gesundheitsämter nutzen das Programm bislang aktiv, um in der Covid-Krise Kontakte nachzuverfolgen. Am Preis liegt die Zurückhaltung nicht: Die Software ist kostenlos, ihre Entwicklung fördert der Bund. Sitzen in den Gesundheitsämtern also Digitalmuffel?

"Die haben digitale Lösungen in hohem Umfang, die genutzt werden", widerspricht Kay Ruge vom Deutschen Landkreistag. "Die Neueinführung und Neuinstallation einer Software bedeutet immer Schulungsaufwand, bedeutet immer Komfortverluste, sodass wir das Ziel der Bund-Länder-Beschlüsse, es Ende Februar flächendeckend einzuführen, für nicht zielführend halten."

Dutzende Systeme sind im Einsatz

Als in den Gesundheitsämtern vor Jahren eine digitale Verwaltung aufgebaut wurde, waren Einheitlichkeit und Vernetzung zwecks Informationsaustausch kein Thema. Deshalb sind in Deutschland Dutzende Systeme im Einsatz.

Als im Frühjahr 2020 erste Corona-Infektionen auftauchten, fehlten zunächst Systeme zur Kontaktnachverfolgung. Die Ämter halfen sich selber: Teilweise mit händischen Excel-Konstruktionen oder Eigenprogrammierungen, teilweise bauten Software-Dienstleister einfach Module an das bestehende Behörden-System an. Zum Beispiel im Kreis Minden-Lübbecke, ganz im Nordosten von Nordrhein-Westfalen. Gesundheitsdezernent Hans-Joerg Deichholz:

"Wir hier im Kreis Minden-Lübbecke sind seit vielen Jahren digitalisiert mit einem eingeführten System, Gumax. Wir haben uns im letzten Jahr das zugehörige Covid-Modul beschafft, darauf viele Leute geschult und arbeiten damit reibungslos. Alles das, was eigentlich Sormas kann, außer bestimmten Verknüpfungen, können wir mit Gumax auch."

Genau diese Verknüpfungen aber sind der Grund, weshalb Robert Koch-Institut und Bundesregierung Sormas unbedingt einführen wollen. Denn so könnten die bundesweit 375 Gesundheitsämter Informationen zur Kontaktnachverfolgung digital über Landkreise hinweg austauschen und zwar datenschutzkonform. Nebenbei würde das RKI schnellere und bessere Daten zur Pandemie-Entwicklung erhalten.

Austausch mit den Nachbarkreisen

Gérard Krause ist Leiter des Helmholz-Instituts für Infektionsforschung, HZI. Dort wird Sormas federführend entwickelt - ursprünglich zur Eindämmung der Ebola-Epidemie in Afrika. Sein Argument für Sormas:

"Denken Sie sich einen Ausbruch in einer Schule oder in einer großen Firma, wo die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Firma aus ganz unterschiedlichen Landkreisen kommen. Und dann muss dieses erste Gesundheitsamt all diese Erhebungen, die es getan hat, dann wieder abtippen, ausdrucken, per Fax irgendwo hinschicken, wo es dann wieder abgetippt und irgendwo eingetragen wird."

Um sich genau das zu ersparen, hat der Rheinkreis Neuss Sormas bereits eingeführt. Im zweiten Anlauf, und intern zunächst auch skeptisch beäugt - nur in wenigen Gesundheitsämter sind die Mitarbeiter begeistert davon, im Corona-Dauerstress auch noch neue IT-Systeme zu lernen.

Doch der Umstieg lohne sich schon wegen des digitalen Austausches mit den Nachbarkreisen, so der Neusser Landrat Hans-Jürgen Petrauschke.

"Die können notfalls auch nachgucken, mit wem der wieder Kontakt hatte, damit die auch wieder weiterkommen. Es ist ja nicht so, dass nur diejenigen, die wirklich infiziert sind, sondern eben auch die Kontaktpersonen ermittelt werden müssen. Und dann geht das alles in einem Rutsch."

Stand jetzt: ziemlich unfertig

Doch die landkreisübergreifende Kontaktweitergabe, die der Landrat so lobt, ist noch gar nicht flächendeckend freigeschaltet. Sormas ist Stand jetzt noch ziemlich unfertig. Denn auch andere Programmschnittstellen fehlen: Zu Demis zum Beispiel, ein System über das die Labore die Testergebnisse verschicken. Oder zu Survnet, das die Infektionszahlen an das Robert-Koch-Institut übermittelt. Auch fehlen Schnittstellen, mit denen die Gesundheitsämter Sormas an ihr eigenes EDV-System anschließen können. Das erklärt auch, warum so viele Gesundheitsämter Sormas zwar installiert haben, es aber noch nicht benutzen.

"Wenn man jetzt darauf bestehen sollte, dass Sormas sofort anzuwenden ist, dann müssten wir unendlich viel schulen und zur Zeit vieles händisch doppelt eintragen", sagt Sormas-Skeptiker Deichholz aus dem Kreis Minden-Lübecke. Wenn die Schnittstellen da seien und anderswo funktionieren, werde man die Sache neu bewerten. Drei Viertel der Gesundheitsämter sehen das ähnlich, nur jede zehnte Behörde lehnt Sormas grundsätzlich ab.

Das Update Sormas-X soll die Schnittstellen-Schwäche beheben und auch endlich die Gesundheitsämter untereinander vernetzen. Nach erfolgenreichen Praxistests soll es in den kommenden Wochen flächendeckend eingeführt werden. Achim Berg, Chef des Digitalbranchenverbandes Bitkoms, hält das für viel zu spät.

Chance im Sommer verpasst

"Im Sommer hatten wir Chancen einzuführen, zu schulen, zu trainieren, und so weiter. Die Chance haben wir verpasst."

Dass man weiter sein könnte, gibt auch HZI-Chef Gérard Krause zu. "Sicherlich hätte man früher an den Punkt kommen können, an dem wir heute sind, wenn der ganze Prozess früher gestartet wäre. Ich darf daran erinnern, wir sind ja erst im Juli aufgefordert worden, das zu tun. Das heißt, unter normalen Maßstäben und auch unter Pandemie-Maßstäben sind wir schon sehr, sehr weit gekommen."

Das Sormas-Deutschland-Projekt läuft seit Juli 2020. Hätte das Bundesgesundheitsministerium die Entwicklung früher forcieren können? Dort verweist man darauf, dass Sormas zunächst ein Angebot an die Gesundheitsämter gewesen sei. Zur Einführung verpflichtet haben sich die Länder tatsächlich erst beim Kanzleramtstreffen vom 16. November, mitten in der zweiten Welle.

"Es wäre Zeit genug gewesen, Sormas einzuführen für die Gesundheitsämter. Es ist auch eine Frage des Willens", so ein Spahn-Sprecher. Dass die Sache etwas komplizierter ist, darüber dürften sich die Gesundheitsämter einig sein - diejenigen mit und diejenigen ohne Sormas.

Coronavirus (imago / Rob Engelaar / Hollandse Hoogte)Übersicht zum Thema Coronavirus (imago / Rob Engelaar / Hollandse Hoogte)

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