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StartseiteCorsoGlobaler Cluberhalt01.04.2020

Digitale Partys "United We Stream"Globaler Cluberhalt

DJs und Musiker*innen im Livestream, der Tresen wird zum Chatroom: Seit ihrer Schließung übertragen die Berliner Clubs Partys und Konzerte auf der Plattform "United We Stream" und betonen: Ihnen geht es dabei um mehr, als nur um Selbsterhalt.

Kolja Unger im Gespräch mit Susanne Luerweg

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Ein DJ legt vor einem leeren Raum im berliner Techno-Club Watergate auf. (Watergate)
Der Berliner Club "Watergate" während der Übertragung von United We Stream (Watergate)
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Susanne Luerweg: Heute Mittag hat das Projekt "United We Stream" eine Zwischenbilanz gezogen, natürlich ebenfalls per Livestream. Kolja Unger hat die Präsentation verfolgt. Herr Unger, ist das mehr als eine verzweifelte Arbeitsbeschaffungsmaßnahme?

Kolja Unger: Definitiv. Nach zwei Wochen werden die Konzerte und DJ-Sets sehr gut angenommen. Und zwar weit über die Grenzen von Berlin hinaus. Mit insgesamt mehr als fünf Millionen Abrufen ist es derzeit die wichtigste Plattform für Musik- und Clubkultur in Zeiten von Corona. Jeden Abend ab 19 Uhr gibt es einen mehrstündigen Livestream aus jeweils einem anderen Berliner Club.

Spendenverteilung: kompliziert aber solidarisch

Gleichzeitig ist "United We Stream" aber auch eine Austauschplattfom und solidarische Interessenvertretung. Einerseits leistet sie Lobbyarbeit, etwa für ein Förderpaket vom Bund. Andererseits wird zum Spenden für die von der Quarantäne betroffene Künstler*innen und Clubs aufgerufen. Bislang sind 300.000 Euro zusammengekommen.

Luerweg: Und wie werden die Spendengelder verteilt?

Unger: Die Initiatorinnen von der Clubkommission und "Reclaim Club Culture" haben eine unabhängige Jury einberufen. Nach einem relativ komplizierten, aber solidarischen Verteilungsschlüsssel soll die Ausschüttung unter Berücksichtigung individueller Härtefälle vorgenommen werden.

Wichtig ist dabei: Acht Prozent der Spenden gehen in jedem Fall an den "Stiftungsfond zivile Seenotrettung". Der Solidaritätsgedanke soll ja weder an den Grenzen der Quarantäne, noch an denen der EU halt machen.

"United We Stream" wird überregional

Luerweg: Wenn dann alle aus ihren Wohnzimmern Berliner Konzerte und Partys streamen, was heißt das dann für die Clubs in anderen Städten, die ja genauso geschlossen sind?

Unger: Ab Samstag sollen auch Clubs aus anderen Städten bei "United We Stream" aufgenommen werden. Angefangen mit Clubs aus Hamburg, Stuttgart und Wien. Die Plattform versteht sich also nicht als eine reine Berliner Interessenvertretung, sondern denkt globaler für den Cluberhalt und holt auch Locations aus anderen Städten Europas mit ins Boot.

Die bekommen dann, so Lutz Leichsenring von der Berliner Clubkommission, "eine eigene Webseite, die Möglichkeit, Spenden zu sammeln. Wir haben viele Medienpartnerschaften aufgebaut, zum Beispiel mit 'Arte Concert', die wir den anderen auch gerne zur Verfügung stellen."

Als Gegenleistung dafür müssten die teilnehmenden Clubs allerdings auch den eben genannten Verteilungsschlüssel akzeptieren.

Ein gesamtpolitisches Projekt

Luerweg: Was wurden für Exit-Visionen von Seiten der Clubbetreiber*innen geäußert, für die Zeit, wenn die Krise überstanden ist?

Unger: Clubs sind wohl die, die nach der Krise als letztes wieder aufmachen, aber ihre Ausfälle wohl kaum kompensieren können. Ihre Mitarbeiter*innen sind sowieso schon häufig am Existenzminimum. Wenn jetzt kein Maßnahmenpaket vom Bund kommt, dann wird es vermutlich über viele Jahre keine Partys und Konzerte geben, um zu feiern, dass wir die Krise überstanden haben werden.

Dass sich "United We Stream" aber nicht nur als Interessensvertretung, sondern als ein dezidiert politisches Projekt versteht, wird deutlich, wenn man die Visionen hört, die Rosa Rave von der Initiative "Reclaim Club Culture" für den Point Zero, also die Zeit nach Corona, äußert: "Wir wollen uns um Care-Arbeit kümmern. Wir wollen über das Aussetzen der Gewerbemieten diskutieren. Wir wollen über das Bedingungslose Grundeinkommen diskutieren."

Die Notwendigkeit, sich zu vernetzen, um weiterhin digital und zentral erreichbar zu sein, bereitet auch vielen Künstler*innen Clubs, die Möglichkeit, nicht nur ihre Existenzprobleme zu diskutieren und gebündelte Forderungen an die Politik zu stellen.

Auf "United We Stream" findet täglich von 19 bis ca. 24 Uhr ein Livestream mit DJ-Set jeweils aus einem anderen Club oder Veranstaltungsort statt.

Vom 1. bis 8. April läuft täglich jeweils ab 21 Uhr auch die Arte-Konzertreihe "Berlin Live" aus dem Neuköllner Szene-Club SchwuZ. Mit dabei sind junge Berliner Bands wie Kadaver, Say Yes Dog, Drangsal, Fatoni, Alice Phoebe Lou, ÄTNA, Odd Couple und Malakoff Kowalski.

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