Montag, 22. April 2024

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Digitales Logbuch
Baby I - Ein Tagebuch der ersten sechs Monate

Das Baby ist da! Ein Mädchen! Es kam in einer anthroposophischen Klinik im warmen Schein einer Salzkristalllampe zur Welt. Hier sind Handys verboten. Um kurz meine Eltern anzurufen, schleiche ich mich auf den Parkplatz, wo die anthroposophischen Krankenschwestern heimlich rauchen.

Von Tobias Bungter | 04.06.2016
    Monat 1: Das Baby ist bereits digital. Es kennt nur Null und Eins, aus oder an, Schlafen oder Schreien - binär. Es ist ungefähr so klein wie ein Phablet. Ein Phablet, das weiß die Kleine noch nicht, ist eine Mischung aus Phone und Tablet, so wie die Kleine selbst eine Mischung aus Mama und Papa ist.
    Monat 2: Sie kann mit den Händchen patschen! Höchste Zeit, sie mit dem Touch Screen meines Smartphones bekannt zu machen. Man soll die Kinder, das sagt einem jeder, von digitalem Schnickschnack fernhalten. Smarthphones sind pfui, Bilderbücher sind toll. Ich habe andere Vorstellungen: Wenn mein Baby in einer durchdigitalisierten Welt bestehen soll, muss es sich so früh wie möglich damit beschäftigen. Die Apps, die sie in den ersten Tagen durch ihr Herumpatschen heruntergeladen hat, sind übrigens toll.
    Monat 3: Sie kann lächeln! Seitdem machen wir andauernd Selfies. Ich hoffe, sie schafft das bald allein. Ich habe ihr auch endlich Accounts bei Facebook, LinkedIn, Pinterest, YouTube und BabyVZ eingerichtet. Damit die Kleine ihre digitale Kompetenz auch wirklich mit der Muttermilch einsaugt, surft meine Frau beim Stillen ausschließlich auf den Seiten von Computer-Fachmagazinen.
    Monat 4: Der erste Brei! Ein Ereignis, das über 100.000 Likes auf Facebook generiert hat.
    Monat 5: Die Kleine beginnt, zu sprechen. Kein Wunder, sie hat eine gute Sprachtrainerin: Siri. Das Baby redet mehr mit Siri als mit den Eltern, das ist ein großer Fortschritt. Heute morgen hat sie ihr erstes Wort gesprochen. Es war "online".
    Monat 6: Alles, aber auch alles, stopft sich die Kleine in den Mund. Ich tausche den Akku des Smartphones aus, sehr vorsichtig. Dabei lasse ich ein paar Teile für eine Sekunde aus den Augen. Schon hat das Baby die Hauptplatine, den Fingerabdruck-Sensor und ein bisschen vom Arbeitsspeicher verschluckt. Krankenhaus? Aber nein, sie sieht so glücklich aus.