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StartseiteCampus & KarriereBesser lernen mit Smartphone und Social Media?12.04.2019

Digitalisierung und BildungBesser lernen mit Smartphone und Social Media?

Zu Beginn des Gymnasiums wäre Benjamin Hadrigan fast durchgefallen, nur studiert er parallel zur Schule – als Schlüssel seines Erfolgs nennt er Smartphone und Social Media. Die Erkenntnisse der Medienpädagogin Paula Bleckmann zeigen etwas ganz anderes, wie sie im Dlf-Gespräch mit Hadrigan erläutert.

Benjamin Hadrigan und Paula Bleckmann im Gespräch mit Thekla Jahn

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Schüler hält im Unterricht ein Handy in den Händen  (dpa/Jens Kalaene)
Umstritten: Der Einsatz von Smartphones in der Schule und zum Lernen (dpa/Jens Kalaene)
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Thekla Jahn: Digitale Medien in der Bildung – bei diesem Thema steht die Euphorie-Fraktion der Skepsis-Fraktion gegenüber. Als es vor zwei Wochen im Deutschlandfunk in einer Diskussionssendung um den Menschen im digitalen Zeitalter ging, hatte sich ein Hörer zu Wort gemeldet, Doktor Ziskoven, seit 34 Jahren Hausarzt.

Ziskoven: Der Homo analogicus kommt auf die Welt als kleines Baby, und der ist nicht direkt ein digitaler Mensch. Aber wir machen Monster daraus. Die digitale Welt entwickelt sich innerhalb kürzester Zeit, aber die Entwicklung der Menschheit nicht. Die kleinen Kinder, die heute nur noch über Smartphones wischen können, die werden total durch die digitale Welt überfahren und an die Seite geschoben, und das ist ein Verbrechen an den Kindern.

Jahn: Erziehen wir kleine Monster - oder alles halb so wild? Darum soll es jetzt gehen. Anlass sind zwei Bücher, ganz analog, zum Thema. Eines habe ich eingangs schon erwähnt, und die Mitherausgeberin und Medienpädagogin Paula Bleckmann ist jetzt am Telefon. Schönen guten Tag!

Paula Bleckmann: Guten Tag!

Jahn: Das andere Buch trägt den Titel "#Lernsieg: Erfolgreich lernen mit Snapchat, Instagram und WhatsApp" und stammt von Benjamin Hadrigan, uns ebenfalls telefonisch zugeschaltet. Hallo!

Benjamin Hadrigan: Hallo, guten Tag!

Das Handy – Risiko oder Schlüssel für den Schulerfolg?

Jahn: Herr Hadrigan, das Handy, ein rotes Tuch für viele Pädagogen. Für Sie ist es der Schlüssel zum Schulerfolg. Muss man Bedenken wie die des Hörers eben nicht ernstnehmen?

Hadrigan: Na ja, ich glaube, das muss man auch sehr differenziert betrachten, das Handy und das Smartphone, die Digitalisierung, macht den Jungen nunmal wahnsinnig Spaß, in Verbindung zu sein. Und warum sollte man das nicht verbinden mit dem Lernen?

Jahn: Paula, Bleckmann, Sie sind Medienpädagogin und trotz Digitalaffinität skeptisch. Warum das nicht so machen, wie Herr Hadrigan gerade geschildert hat, also das nutzen, was die Jugendlichen ja sowieso gerne tun, nämlich mit dem Handy rumdaddeln?

Bleckmann: Wenn ich Herrn Hadrigan so als Nachhilfelehrer mir vorstelle, ich finde ja ganz vieles, was er so sagt, lernen soll Spaß machen, absolut richtig. Und Schüler sollen vor allem nicht das Gefühl haben, wenn es nicht klappt mit dem Lernen, dann bin ich schuld, und ich bin ein Versager. Also ich möchte da jetzt nicht so in die offensive Angriffshaltung gehen. Ich möchte nur einfach sagen, warum sollte man das nicht tun – weil wir wissen, dass gerade die schwächeren Schüler, für die ist ein Smartphone als Ablenkungsfaktor und Social Media als Ablenkungsfaktor eines der größten Risiken für den Schulerfolg heute. Da kommt dann bei den Jugendlichen die falsche Botschaft an.

Wir wissen das aus einer Studie an englischen Schulen, wo man Schulen mit Smartphone-Verbot verglichen hat mit Schulen ohne Smartphone-Verbot. Die guten Schüler sind in beiden Schulen gleich gut. Die schlechteren Schüler werden sehr, sehr stark abgelenkt durch digitale Medien und auch durch Social Networks während der Pause und während des Unterrichts, haben signifikant schlechtere Schulnoten. Das sollte man ernstnehmen. Zudem kommt ja dann auch, wenn man sagt, lernen über Social Media, die falsche Botschaft bei Eltern an, nämlich: Mein Kind braucht dann wohl ein Smartphone, damit es besser lernt. Das Gegenteil ist aber der Fall. Je früher Kinder ihre Smartphones bekommen desto schlechter sind die Schulleistungen.

Lernen mit Snapchat, Instagram und WhatsApp

Jahn: Herr Hadrigan, welche Vorteile bietet denn Social Media gegenüber analogem Lernen?

Hadrigan: Der erste große Vorteil ist die Perspektive und die Einstellung der Schüler und die Wahrnehmung der Schüler vom Lernen. Wenn man einen schlechten Schüler fragt, wieso lernst du nicht gern? Weil es langweilig ist, ich finde das doof, ist doch alles blöd und ich will das nicht. Und wenn ich ihn dann frage, gut, was machst du am liebsten? Dann sagt er Instagram. Ja gut, dann lerne mal damit. Die haben strahlende Augen, die Kinder. Die wollen das wirklich wissen. Und dann haben sie eine ganz andere Erwartungshaltung, da gehen die ganz anders ran, weil das wie ein Hobby ist.

Jahn: Wie genau lerne ich denn besser mit Snapchat oder Instagram oder WhatsApp?

Hadrigan: Ich führe das kurz aus. Es gibt ja diese drei – Instagram, Snapchat und WhatsApp –, und jeder hat seine eigene Aufgabe im Prozess des Lernens. Auf Instagram, kurz, das dient der Strukturierung, der Archivierung, man macht hier einen neuen Lern-Account, man macht hier einen neuen Ort, und an dem vereinfacht man den Stoff und archiviert den. Das heißt, man befasst sich mal damit, je nach Lernziel unterschiedlich, logischerweise. Und dann, der zweite Schritt ist die Wiederholung, das Festigen, die Geschwindigkeit, die Schnelligkeit. Und da ist Snapchat perfekt, das ist eine interaktive, sehr intuitive App. Man kann mit anderen kommunizieren, das geht relativ rasch, man kann einstellen, wie lange der andere braucht, um zu antworten. WhatsApp sehe ich als prio eigentlich als administrative Basis. Also dass man das getrennt voneinander hat, die organisatorischen Sachen, den Prüfungsstoff, wann ist die Prüfung, WhatsApp-Gruppen und so weiter.

Mit neuen Medien besser lernen?

Jahn: Frau Bleckmann, was sagen Sie zu diesem Lernsieg, wie Benjamin Hadrigan seine Lernstrategie mit den Social Media bewertet?

Bleckmann: Also ich glaube, dass 75 Prozent von dem, was ich gehört habe, nämlich Schülern soll Lernen Spaß machen, Schule müsste sich ändern, Lernstrategien müssen bewusst gemacht werden, würde ich alles so unterschreiben. Die letzten 25 Prozent, dass das besser geht mit Social Media, da würde ich jetzt als Wissenschaftlerin einfach sagen: Diese Behauptung ist ja nicht neu, mit neuen Medien besser lernen. Wir haben diese Behauptung immer wieder gehört in der Geschichte der Medienpädagogik. Da hieß es, mit Schulbüchern wird alles besser, mit Schulfunk wird alles besser, mit Schulfotografie wird alles besser, mit Schulfernsehen. Also die Behauptung, das neue Medium würde die schlechten Lehrer ersetzen, das neue Medium wird bessere Binnendifferenzierung leisten, und die Schüler werden motivierter sein, die gab es schon mindestens neun Mal für verschiedene Medien.

Und es gab jedes Mal eine Phase der Euphorie – alles wird besser –, der Stagnation – nämlich wenn man wissenschaftliche Begleitforschung gemacht hat und dann gemerkt hat, so viel toller ist das alles gar nicht –, und dann Ernüchterung, wo man dann irgendwann gemerkt hat, es ist nicht alles falsch, aber es ist auch nicht alles so rosig, wie wir uns das am Anfang vorgestellt haben. Ich würde da Herrn Hadrigan – der ist ja auch jung – also in so eine Phase der Euphorie einordnen, und jetzt müsste man gucken, was taugt das denn. Das nennen wir Technikfolgenabschätzung. Also was sind die langfristigen Chancen und Risiken dieser digitalen Lernstrategie im Vergleich zu der analogen, also beispielsweise Instagram oder Karteikarten. Ich will gar nicht sagen, dass das alles nur falsch ist. Ich denke, für ältere Schüler können da durchaus auch Potenziale sein, aber diese Behauptung, irgendwie alles wird besser mit Social Media, sehe ich überhaupt nicht so. Vieles wird auch schlechter.

Risiken für die Entwicklung

Jahn: Frau Bleckmann, wo sind denn die Risiken, die Sie sehen, wenn Sie so sagen, eine Technikfolgenabschätzung? Können Sie denn da sehen, wo Risiken sein könnten für die Entwicklung von Schülern, von Menschen, von jungen Menschen?

Bleckmann: Also je jünger ein Schüler, je länger die Bildschirmzeiten, je weniger zum Entwicklungsstand die Inhalte passend sind, desto höher ist das Risiko für die folgenden Beeinträchtigungen der körperlichen, psychosozialen und kognitiven Entwicklung. Ich fange mal mit dem körperlichen Bereich an: Da gibt es Übergewicht, Kurzsichtigkeit und Schlafstörungen. Deswegen bin ich da auch sehr skeptisch. Schlaf ist ein ganz wichtiger Lernfaktor. Wenn die Schlafdauer und die Qualität nachlässt, dann ist das für das Lernen ein Nachteil.

Im psychosozialen Bereich sind es Konzentrationsstörungen, auch in die Richtung ADHS-ähnlicher Symptomatiken, Empathieverlust, das ist natürlich für den kommunikativen Lerner dann echt ein Nachteil, wenn es mit der Kommunikation mit anderen Menschen nicht so gut klappt. Und im kognitiven Bereich Sprachentwicklungsverzögerung und auch bei höheren Bildschirmzeiten im Elternhaus, sage ich jetzt, also Ablenkung durch Bildschirmmediennutzung, sprich schlechtere Schulleistungen.

Bildschirmmedienkonsum in der frühen Kindheit vermindern

Jahn: Herr Hadrigan, ist das bedenkenswert, die Skepsis berechtigt?

Hadrigan: Ich habe aufmerksam zugehört. Was ist denn die Alternative? Jetzt hat jeder ein Handy, jetzt verbringen wir da die Zeit. Was ist die Lösung für dieses Problem, was schlagen Sie da vor? Dass man das Handy wegwirft? Dass man in der Schule ein Bewusstsein schafft, oder was ist dann die Lösung dazu?

Bleckmann: Also eine gute Lösung wäre, dass Schülerinnen und Schüler ihr erstes Handy erst dann bekommen, wenn sie damit voraussichtlich so umgehen können, dass es eine gute Chancen-Risiken-Balance gibt. Das ist wahrscheinlich auch mit 13 für die meisten nicht der Fall. Es kann sein, dass ein Hochbegabter – also so schätze ich Sie jetzt ein, wenn ich höre, dass Sie zugleich auch Jungstudent sind mit 17 schon –, dass man da auch schon mal mit 13 sagen kann, ja, jetzt überwiegen die Chancen. Aber das würde für mich doch heißen, diesen ausufernden Bildschirmmedienkonsum in der frühen Kindheit zu vermindern, damit Kinder besser lernen. Das heißt aber auch, mit den Pädagogen arbeiten an dem Thema und mit Eltern arbeiten an dem Thema.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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