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StartseiteBüchermarktDinner mit einem Toten29.07.2010

Dinner mit einem Toten

Ismail Kadare: "Ein folgenschwerer Abend". Ammann

1943 lädt Doktor Gurameto den Kommandanten der deutschen Truppen, Oberst Fritz von Schwabe, zum Abendessen nach Hause ein. Jahre später verhört der albanische Geheimdienst den Arzt, weil sein damaliger Gast zu dem Zeitpunkt des Essens bereits tot war.

Von Martin Ebel

Im Mittelpunkt steht ein Abendessen in der nordalbanischen Stadt Gjirokastra. (AP Archiv)
Im Mittelpunkt steht ein Abendessen in der nordalbanischen Stadt Gjirokastra. (AP Archiv)

Albanien war vier Jahrzehnte lang das Nordkorea Europas. Sein steinzeitkommunistischer Diktator Enver Hoxha überwarf sich nach und nach mit allen Verbündeten und unterwarf seine Entourage immer wieder blutigen Säuberungswellen. Ismail Kadaré, der einzige Autor des Landes von internationaler Ausstrahlung, hat dieses Regime erlebt und überlebt, mit Blessuren und Kompromissen. Vor allem über Letztere weiß man nicht viel, sollte aber von außen auch nicht richten. Vermutlich wird Kadaré wegen des Nebels, der seine Existenz unter dem Hoxha-Regime umgibt, nie den Literaturnobelpreis erhalten. Das Stockholmer Nobel-Komitee fürchtet viel zu sehr, jemanden auszuzeichnen, über den dann möglicherweise noch das eine oder andere ans Licht kommen könnte. Verdient hätte Kadaré die Auszeichnung durchaus, unter anderem für den großartigen Roman "Der Nachfolger", der ein Diktatorenporträt auf die Höhe der Parabel hebt und sich mit den großen Gewaltherrscherromanen der südamerikanischen Literatur messen kann.

Dieses Niveau hält Kadarés jüngstes Werk nicht. Der Roman "Ein folgenschwerer Abend" folgt einer ähnlichen Ästhetik, schafft es aber nicht zu vergleichbarer symbolischer Verdichtung und Stringenz. Im Mittelpunkt steht ein Abendessen in der nordalbanischen Stadt Gjirokastra im September 1943, als die italienischen Besatzer geflohen und die deutschen Besatzer gerade eingezogen sind.

Gjirokastra ist übrigens die Geburtsstadt von Ismail Kadaré wie von Enver Hoxha. Zu diesem Abendessen lädt Doktor Gurameto, einer der führenden Ärzte der Stadt, den Kommandanten der deutschen Truppen, den Ritterkreuzträger Oberst Fritz von Schwabe, in dem er einen alten Studienfreund wiedererkannt hat. Genauer: lädt der "große Doktor Gurameto" - denn es gibt zwei dieses Namens in Gjirokastra – denjenigen ein, den er für den Oberst Fritz von Schwabe hält, denn dieses erweist sich im Fortgang als alles andere denn als sicher. Das Essen ist ein Versöhnungsversuch; die deutsche Vorhut wurde bei der Anfahrt auf Gjirokastra beschossen, von Schwabe nahm daraufhin Geiseln und wollte sie hinrichten lassen. Mit Einladung und Annahme derselben begeben sich Gast und Gastgeber in eine Beziehung, die nach dem uralten albanischen Kodex des Kanun keine Gewalttat mehr zulässt. Der Kommandant lässt die Geiseln frei, unter denen sich sogar ein Jude befindet.

So weit, so gut. Das Essen und seine erfreulichen Konsequenzen werden von der Stadt Gjirokastra beobachtet, kommentiert und mangels verlässlicher Informationen in einer Wolke von Vermutungen aufgelöst. Nicht einmal ein Kern an Fakten bleibt übrig. Nun wäre das nicht weiter schlimm, wenn nicht einige Jahre später, inzwischen sind die Kommunisten in Albanien an der Macht, jenes Essen erneut Neugier erregte, diesmal aber die des staatlichen und des staatsübergreifenden, systembeherrschenden Inquisitionsapparats. Gleich drei Geheimdienste, der albanische, der ostdeutsche und der sowjetische, wollen wissen, was damals genau passierte. Doktor Gurameto wird verhaftet und mitsamt seinem kleinen Namensvetter in eine Höhle geworfen, in der schon der legendäre Ali Pascha Tepelena seine Feinde folterte. So glaubhaft Gurametos Bericht auf den Leser wirkt, für seine Vernehmer muss er ein Lügner sein: Denn Schwabe war, als er bei seinem albanischen Freund zu Gast war, längst tot. Hat sich also ein anderer deutscher Offizier dessen Identität geliehen? Oder war es gar ein Toter, mit dem Gurameto gespeist und einen Deal abgeschlossen hat? Und wenn Gurameto lügt, warum und für wen lügt er?

Zusätzliche Brisanz erhält die Frage durch den Zeitpunkt des Verhörs. Es ist März 1953, Stalin liegt im Sterben, hat aber gerade noch seine letzte Säuberungswelle losgetreten, die sogenannte Ärzteverschwörung. Überall im Ostblock werden Mediziner verhaftet und gefoltert, um einem gigantischen Komplott auf die Spur zu kommen, das die Vernichtung der kommunistischen Führungselite zum Ziel hatte und selbstverständlich nur in der paranoiden Fantasie dieser Führungselite existierte. Durch die Einbeziehung in diesen welthistorischen Kontext erhält das Verhör Gurametos seinen eigentlichen Charakter: Es geht nicht mehr darum, die Wahrheit über das Abendessen zu finden, sondern das zu gestehen, was als Wahrheit von den Vernehmern schon vorgegeben ist. Wie ernst diese ihre Konstrukte nehmen, wie verzweifelt sie selbst daran glauben, zeigt ihr verrückter Glaube daran, ein Geständnis Gurametos, die rechtzeitige Aufdeckung des Komplotts könnte den todkranken Stalin vielleicht noch retten.

Kadaré geht es in diesem Roman allerdings nicht um die Analyse eines paranoiden Herrschaftssystems mit literarischen Mitteln, wie es ihm im "Nachfolger" glänzend gelungen ist. Er löst die konkreten Ereignisse – den prekären Herrschaftswechsel 1943 wie die Terrorwelle 1953 – in zweifacher Weise ins Nebulöse auf. Faschisten und Kommunisten treten ins Glied einer die Jahrhunderte übergreifenden Verfolgungs- und Gewaltgeschichte, und zugleich wird allem Faktischen der Boden entzogen, verschwindet die Historie im Singsang der Ballade, in der es je nach Version so oder auch anders gewesen sein kann.

Es ist etwas unfreiwillig Anti-Aufklärerisches, was Kadaré mit diesem Roman unterlaufen ist. Fast kurios wirkt dann der Kontrast zu dem klugen und dichten Nachwort des Übersetzers Joachim Röhm, der auch ein hilfreiches Glossar hinzugefügt hat und dem interessierten Leser klipp und klar, konkret und zweifelsfrei vermittelt, was sich in Albanien in jenen Jahren abgespielt hat. "Ein folgenschwerer Abend" ist eines der letzten Bücher des Zürcher Ammann-Verlages, der nach 30 Jahren in diesem Juni seine Geschäfte beendet hat. Neben vielen anderen Verdiensten hat Egon Ammann auch das, Kadaré im deutschen Sprachraum durchgesetzt zu haben – mit vorbildlichen Ausgaben wie dieser.

Ismail Kadare: Ein folgenschwerer Abend. Roman. Aus dem Albanischen von Joachim Röhm. Ammann, Zürich 2010. 202 S., 19.95 Euro.

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