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StartseitePolitische Literatur (Archiv)Dirk Kurbjuweit: 'Unser effizientes Leben. Die Diktatur der Ökonomie und ihre Folgen'19.05.2003

Dirk Kurbjuweit: 'Unser effizientes Leben. Die Diktatur der Ökonomie und ihre Folgen'

Rowohlt. Reinbek 2003. 186 Seiten. 17,90 EUR

<strong>Nach drei Romanen hat der Ex-"ZEIT"-Redakteur und jetzige SPIEGEL-Mitarbeiter Dirk Kurbjuweit sein erstes Sachbuch vorgelegt: Titel: "Unser effizientes Leben." Eigentlich sollte das Buch "Die McKinsey-Gesellschaft" heißen, wie der Autor in einer Vorbemerkung erklärt. Aber dieser Titel wurde von der Beratungsfirma nicht genehmigt. Dafür hat Kurbjuweit nun jedes seiner Buchkapitel mit einem McKinsey-Titel versehen: Von der "McKinsey-Politik" über die "McKinsey-Biologie" bis zur "McKinsey-Religion. Gegenstand des Buches ist - wie der Titel schon andeutet - der in allen Bereichen der Gesellschaft zu beobachtende Trend zu möglichst effizienten - also zeit- und kostensparenden Abläufen, die den individuellen Spielraum des Einzelnen immer mehr einschränken.</strong>

André Drewelowsky

Haben Sie manchmal den Wunsch, perfekter, schneller, schöner zu sein? Hasten Sie morgens zur Arbeit, um möglichst als erster im Büro einzutreffen und dem Chef zu gefallen? Schlafen Sie nachts schlecht, weil Sie Angst um Ihren Job haben? Lassen Sie Ihr Handy nicht mehr aus dem Auge, weil Sie glauben, ständig erreichbar sein zu müssen? – Dann sind Sie ein McKinsey-Mensch. So jedenfalls würde Sie Dirk Kurbjuweit bezeichnen. Die Unternehmensberatung McKinsey ist für den Autor ein Symbol der fortschreitenden Ökonomisierung unseres gesamten Lebens. Die Aufgabe eines Unternehmensberaters besteht bekanntlich darin, Wirtschaftsabläufe in einer Firma so effizient wie möglich zu gestalten, die Gewinne eines Unternehmens so hoch wie möglich zu schrauben. Dies geschieht meist mit Hilfe von Rationalisierungsmaßnahmen, sprich: Arbeitsplatzabbau.

Effizienz ist das ganz große Wort unserer Zeit. Es wird nie angefochten, nie infrage gestellt. Ist es ausgesprochen, liegt es wie ein Fels im Raum, tonnenschwer und unverrückbar. Niemand würde im Ernst für Ineffizienz streiten. Effizienz ist gut. Seine Ziele mit dem geringstmöglichen Einsatz zu erreichen kann nur sinnvoll sein. Und doch glaube ich, dass eine Welt, die unter der großen, alles beherrschenden Überschrift Effizienz steht, keine besonders gute, besonders lebenswerte Welt ist. Das ist das Paradox, das hinter diesem Wort steht: In fast jedem Einzelfall ist es wahrscheinlich richtig, wenn effizient gehandelt wird. Wenn aber überall und von jedem effizient gehandelt wird, kommt insgesamt etwas Falsches dabei raus.

Damit hat Kurbjuweit das Thema seines Buches umrissen: Das Prinzip der Effizienz dringt in alle Lebensbereiche des Menschen vor und schafft am Ende eine Welt, in der der Mensch nicht mehr gerne lebt. Kaum ein Theater kann es sich heute zum Beispiel noch leisten, ineffizient zu wirtschaften. Anspruchsvolle Stücke, die kaum Zuschauer erwarten lassen, werden unaufführbar. Längst werden Krankenhäuser, Stadtverwaltungen, Kirchen und Universitäten – auch öffentlich- rechtliche Rundfunkanstalten – von McKinsey beraten. Alle müssen sie schneller arbeiten, flexibler, mobiler, sind ständigem Stress ausgesetzt, um überleben zu können. Die ICH-AG ist das Ideal der Zeit.

Fast jeder macht mit bei der Ökonomisierung, weil er denkt, es blieben noch Freiräume, Lebenswelten, die unberührt bleiben vom Effizienzdenken. Das ist das Trügerische. Sie schwinden von Tag zu Tag. Es gibt sie bald nicht mehr.

Das ist Kurbjuweits These. Im Folgenden kollagiert der Autor seine "ZEIT"- und "SPIEGEL"-Reportagen der vergangenen Jahre und stellt dem Leser typische McKinsey-Menschen vor: Von Jürgen Kluge, dem Chef von McKinsey Deutschland, über den CDU-Politiker Friedrich Merz, den Hamburger Pastor Axel Dennecke bis hin zum Modeschöpfer Wolfgang Joop. Sie alle verkörpern nach Meinung Kurbjuweits eines: die Macht der Zahlen, die Welt der Waren, Dienstleistungen und vor allem: der möglichen Kunden. In jeder Rolle werde der Mensch heute als Kunde gesehen: Als Bürger im Einwohnermeldeamt, als Fußballer im Sportverein, als Kind im Kindergarten. Das ist nach Kurbjuweit die "Diktatur des Ökonomismus":

Er ist gefräßig. Er will alles. Am Ende will er alles kriegen.

Natürlich darf da die Gentechnik nicht fehlen, die Gefahr läuft, den Menschen selbst als Ware zu behandeln, die es in Zukunft effizienter zu gestalten gilt.

Bislang ist der Mensch ein Zufallsprodukt. Er kann gut geraten oder schlecht. Er ist ein Geschöpf des Schicksals. Das soll nicht so bleiben. Der Zufall des menschlichen Werdens ist langfristig im Visier der Biotechnik, die damit einen Grundsatz von McKinsey beherzigt: Zufallsvernichtung. Die offenen Fragen sollen gelöscht werden, die Ungewissheit, die Angst. Tatsächlich ist die Geburt eines Kindes immer auch ein Moment der Angst. Man weiß nicht, wer da kommt. Gesund oder krank? Nicht behindert oder behindert? Schön oder hässlich? Stark oder schwach? Wer würde sich, könnte er wählen, für krank, behindert, hässlich und schwach entscheiden?

Nach all diesen beunruhigenden Fragen und nach einem warnenden Hinweis auf Huxleys "Schöne neue Welt" kommt Kurbjuweit schließlich auf die "Kernfrage" seines Buches:

Welches Menschenbild haben wir eigentlich? Es hat wohl nie eine größere Diskrepanz gegeben zwischen dem Menschen, wie er ist, und dem Menschen, wie er sein möchte, als derzeit. Wir leben mit einem Bild im Kopf, das aus Hollywood kommt, wenn es um Schönheit geht, und mit einem Bild, das von McKinsey kommt, wenn es um Leistungsfähigkeit geht.

Der Autor beschränkt sich nur auf eine Problembeschreibung. Er stellt nur Fragen, gibt aber keine Antworten. Er hat kein Alternativmodell zur Diktatur des Ökonomismus anzubieten. Eine Welt, in der die McKinsey-Gesetze vollständig abwesend sind, kennt er nicht. Der Leser fühlt sich nach den knapp 190 Seiten beklemmt, verunsichert, resigniert. Ja und - fragt man. Die Analyse des Ist-Zustandes war gut, aber ist denn keine Therapie in Sicht? – Nein, Kurbjuweit hält die fortschreitende Ökonomisierung des Lebens für unaufhaltsam. So betont er denn auch, dass der Sinn seines Buches nur darin bestehe, zu beschreiben.

Aber gibt es denn wirklich keine Gegenwelt zur Effizienz-Diktatur? Gibt es wirklich keinen Lebensbereich mehr, in dem die Gesetze der Wirtschaft nicht gelten? Was ist zum Beispiel mit Freizeit, Liebe, Sex? – Ach, nein, auch da gibt es schon spezielle Agenturen, Viagra und feste Wochenplanungen. Dirk Kurbjuweit ist tatsächlich nur auf zwei nicht sehr überzeugende Alternativ-Konzepte gestoßen: auf Carl Améry und die Abschaffung des Geldes – und auf die Amischen, eine Gemeinschaft in Pennsylvania, die noch heute so lebt wie im 18. Jahrhundert – ohne den Effizienzbegriff. Selbst der Kirche und der Bibel schreibt Kurbjuweit die Fähigkeit ab, eine Alternative zu bieten:

Für den Menschen, der unter großem Effizienz- und Leistungsdruck steht, hat die Bibel kein großes Versprechen, keinen großen Trost. Jesus war nicht effizient, wollte es nicht sein.

Von Kurbjuweit haben wir also keinen Ausweg aus der Ökonomiespirale zu erwarten.

Widerstand müsste bei jedem selbst beginnen,

fordert der Autor zum Schluss, wohl wissend, dass die Gesellschaft zu diesem Widerstand kaum fähig sein kann. Denn die Ökonomisierung schleicht sich auf leisen Pfoten in das Alltagsleben. Man merkt es kaum noch, dass man effizient handelt oder handeln will. Und so bleibt nur der Versuch, sich bewusst Ecken der Ineffizienz zu schaffen, in denen das Leben noch angenehm bleibt. Man könnte zum Beispiel einfach mal das Radio einschalten, um sich zu entspannen. Entspannungs-Nischen gibt es auch im sonst so effizient gestalteten Informationsprogramm des Deutschlandfunks.

Dirk Kurbjuweit: "Unser effizientes Leben. Die Diktatur der Ökonomie und ihre Folgen". Rowohlt Verlag Reinbek, 186 Seiten zum Preis von 17 Euro und 90 Cent.

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