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StartseiteWirtschaft am MittagBrauchen wir wirklich Scheine und Münzen?18.05.2015

Diskussion um Bargeld-AbschaffungBrauchen wir wirklich Scheine und Münzen?

Mit seiner Forderung, das Bargeld in Deutschland abzuschaffen, um kriminelle Machenschaften zu verhindern, hat der Wirtschaftsweise Peter Bofinger eine Diskussion um Sinn und Unsinn von Scheinen und Münzen begonnen. Die zentrale Frage dabei: Wie teuer ist physisches Geld?

Von Michael Braun

Europäische Banknoten und Münzen (picture-alliance / dpa / Stephan Persch)
Europäische Banknoten und Münzen (picture-alliance / dpa / Stephan Persch)
Weiterführende Information

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Wer das Bargeld abschaffen will, bekommt es mit dem Einzelhandel zu tun. Denn dort wird überwiegend bar bezahlt. Das gefällt der Branche. Zwei Gründe nennt sie dafür, die Akzeptanz und die Kosten. Ulrich Binnebößel, der Experte für Zahlungssysteme beim Hauptverband des Deutschen Einzelhandels HDE:

"Der Kunde wünscht es nach wie vor und insofern wird der Händler es auch weiterhin anbieten, die Barzahlung. Der zweite Grund ist: Bargeld ist tatsächlich nach wie vor das günstigste, für den Händler günstigste Zahlungsverfahren im Einzelhandel."

Die Kreditkarte ist die teuerste Alternative. Wird sie eingesetzt, müssen die Händler rund drei Prozent vom Umsatz an die Kartenorganisation abführen. Bei der Debitkarte, der früheren ec-karte also, sind es auch noch 0,25 bis 0,3 Prozent. Zugegeben – die Kosten für Münzprägung und den Druck der Geldscheine rechnen die Händler nicht. Sie schauen nur auf ihre Kosten: die Beschaffung des Bargeldes durch Werttransporte und die Versicherungskosten etwa. Verluste durch Falschgeld seien zu vernachlässigen, weil das kaum vorkomme, sagt Binnebößel. So sei Bargeld immer noch die billigste Art des Bezahlverfahrens, auch wenn die Bundesbank zuletzt für höhere Kosten gesorgt habe: Die Zahl der Bundesbankfilialen sank, die Wege wurden weiter. Bargeld liefert die Bundesbank zudem nur noch in Normcontainern an, die für viele Geschäfte zu viel Bargeld enthalten, was die Versicherungskosten erhöht.

Dennoch bevorzugt der Handel Bargeld. Und das trifft sich mit den Vorlieben der Deutschen. Die Bundesbank testet regelmäßig das Zahlungsverhalten der Deutschen. Die jüngsten Ergebnisse hatte Bundesbankvorstand Carl-Ludwig Thiele im März bekannt gegeben:

"Da zeigt sich eben, dass Bargeld das meist genutzte Zahlungsinstrument ist. Die Verwendung von Bargeld am 'point of sale' hat sich bei 53 Prozent der getätigten Umsätze stabilisiert."

Wenn der Anteil des Bargeldes am Zahlungsverkehr sinkt, dann vor allem zulasten der Onlinebezahlsysteme wie Paypal. Über dieses System werden schon mehr als 40 Prozent der Onlineumsätze getätigt. Damit wächst eine Marktmacht und Macht zur Preissetzung heran, die denen von Mastercard und Visacard im Kreditkartenmarkt ähnlich ist. Und die Händler deshalb umso lieber auf Barzahlung setzen lässt.

Hinzu kommt: Die Menschen fliehen in Krisenzeiten gern in Bargeld. Das haben sie auch in Deutschland auf dem Höhepunkt der Finanzkrise getan, obwohl die Bundesregierung die Spareinlagen für sicher erklärt hatte.

Was gegen Bargeld spricht: Damit können Schwarzarbeit, Prostitution und Drogengeschäfte abgewickelt werden. Vor sechs Jahren wurde auch ein gewaltiger Bargeldrücklauf spanischer Banken nach Deutschland festgestellt: Offenbar haben Deutsche Ferienhäuser in Spanien bar bezahlt. Ohne Bargeld könnte das Finanzamt deutlich besser nachvollziehen, was die Menschen mit ihrem Geld machen.

Dies hat den Wirtschaftsweisen Peter Bofinger veranlasst zu fordern, Bargeld abzuschaffen. Sein Kollege Lars Feld hält nichts davon. Bargeld sei "geprägte Freiheit", sagt er. Bargeld ermögliche es dem Einzelnen, sich dem Zugriff des Staates zu entziehen, wenn dieser Zugriff nicht legitim sei. Eine Möglichkeit: Sollte es zu negativen Sparzinsen kommen, könnte man sich diesem Vermögensverlust nur mit Bargeld entziehen. Unter Inkaufnahme des Risikos freilich, dass Diebe das Geld aus dem Bettkasten stehlen.

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