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StartseiteCampus & Karriere"Vielfalt ist eine wirtschaftliche und gesellschaftspolitische Notwendigkeit"28.05.2019

Diversity-Tag"Vielfalt ist eine wirtschaftliche und gesellschaftspolitische Notwendigkeit"

Diskriminierung am Arbeitsmarkt gibt es in Deutschland nach wie vor häufig. Unternehmen müssten den Mitarbeitern vorleben, dass kein Raum für Vorurteile und Diskriminierung sei, sagte Diversity-Expertin Aletta Gräfin von Hardenberg im Dlf. Dazu gehöre es auch, die Rekrutierungsprozesse zu verändern.

Aletta Gräfin von Hardenberg im Gespräch mit Kate Maleike

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Ein Team junger Kreativer arbeitet zusammen im Büro. (imago images / Westend61)
Diversity am Arbeitsplatz: "Wirtschaftliche und gesellschaftspolitische Notwendigkeit" (imago images / Westend61)
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Kate Maleike: Egal, welches Alter, egal, welche Herkunft, egal, welche Hautfarbe: Ein vorurteilsfreies Arbeitsumfeld, das wünschen sich sehr viele in Deutschland, doch es gibt immer noch Diskriminierung, zum Beispiel bei der Arbeitssuche. Die Charta der Vielfalt ist eine Arbeitgeberinitiative, die seit 2006 versucht, mit einer Art Selbstverpflichtung eben genau dieses vorurteilsfreie Arbeitsumfeld zu schaffen. Und jedes Jahr gibt es einen Diversity-Tag, also einen Tag der Vielfalt, der mit vielen Aktionen bundesweit zeigen soll, dass die Unternehmen viel davon haben, wenn sie eben Vielfalt leben. Die Geschäftsführerin der Charta der Vielfalt ist Aletta Gräfin von Hardenberg. Guten Tag, Frau Hardenberg!

Aletta Gräfin von Hardenberg: Hallo!

Maleike: Heute, Frau von Hardenberg, ist der siebte bundesweite Diversity-Tag hier in Deutschland. Woran merkt man das eigentlich?

Hardenberg: Man merkt daran, dass heute Diversity-Tag ist, dass an über 2500 Institutionen und Organisationen heute etwas zu Vielfalt stattfindet.

"Noch viel Raum nach oben" bei der Diversität

Maleike: Das ist ein Rekord - seit Jahren, also Sie sind seit 2006 ja am Start, um eben ein anderes, vorurteilsfreies Arbeitsumfeld in Deutschland zu schaffen: Das bedeutet, das die Unternehmen verstanden haben, dass sie dazu was leisten müssen, sich stärker öffnen müssen?

Hardenberg: Ja, das kann man feststellen. Natürlich sind 2500 für uns schon eine enorme tolle Zahl und wir freuen uns, dass so viele mitmachen, aber da ist natürlich noch sehr viel Raum nach oben und wir wünschen uns natürlich noch mehr und hoffen, damit auch noch andere zu sensibilisieren und aufmerksam zu machen, sich daran zu beteiligen, und nicht nur einmal im Jahr, sondern hoffentlich täglich.

Maleike: Was bedeutet es, ein Unternehmen zu sein, das Diversity lebt?

Hardenberg: Also es geht natürlich maßgeblich um ein vorurteilsfreies Arbeitsumfeld, und da geht es um jegliche Dimension, egal, wie vielfältig Menschen sind, und sie sollen nach ihren Talenten beurteilt werden und eingesetzt werden und nicht wer oder was sie sind, und das ist ganz wichtig. Und warum sich Unternehmen überhaupt diesem Thema annehmen, das ist ja nicht nur einfach, weil es jetzt gerade ein hippes Thema ist, sondern weil es einfach eine wirtschaftliche und gesellschaftspolitische Notwendigkeit ist.

Vorurteile als gesamtgesellschaftliches Problem

Maleike: Natürlich möchte man gerne in einem Unternehmen arbeiten, das vorurteilsfrei ist, aber tatsächlich sieht die Arbeitswelt immer noch anders aus. Was sind denn die größten Probleme zurzeit?

Hardenberg: Ich glaube, Vorurteile, unbewusste Vorurteile sind dabei ganz wichtig, und die werden momentan ja leider in unserer Gesellschaft durch viele Strömungen auch noch unterstützt und den Menschen teilweise auch Angst gemacht vor Andersartigkeit. Wenn man also Menschen, die anders sind, egal, ob schwul oder lesbisch oder mit Migrationshintergrund oder auch die Thematik alt und jung, hat jeder gleich ein Bild im Kopf, und das zu überwinden und sich vielleicht mal zu überlegen, wofür es doch gut ist, das ist die große Herausforderung, und damit setzen sich immer mehr Unternehmen auseinander, um eine solche Unternehmenskultur auch sicherzustellen.

Maleike: Es gibt eine Studie des Wissenschaftszentrums für Sozialforschung aus dem letzten Jahr, die ganz eindeutig gezeigt hat, dass Diskriminierung am Arbeitsmarkt in Deutschland immer noch häufig vorkommt.

Hardenberg: Das ist sicherlich so, aber dagegen arbeiten wir eben, um Unternehmen eben auch Instrumente an die Hand zu geben, um genau diese Vorurteile abzubauen, um damit Diskriminierung zu vermeiden. Und da ist es ideal, wenn man den Diversity-Tag nutzt und irgendeine Veranstaltung für die Belegschaft nach innen oder auch für Kundinnen und Kunden nach außen macht, um zu zeigen: Hier haben Vorurteile, hier hat Diskriminierung keinen Raum.

Maleike: Also das eine ist, zu zeigen, wir sind offen für diese Themen, wir sind offen für diese Menschen, aber welche Instrumente sind es konkret?

Hardenberg: Na ja, also wenn ich über die Belegschaft rede, sind natürlich ganz oft Workshops, wo es ganz bewusst darum geht, wie gehe ich mit unbewussten Vorurteilen um oder mit Vorurteilen um, aber es ist auch ganz wichtig, dass von der Geschäftsleitung vorgegeben wird, in unserer Organisation hat so was keinen Raum, und das vorgelebt wird.

Prozesse und Recruiting umstellen

Maleike: Eine Möglichkeit, Vielfalt im Unternehmen zu leben, ist natürlich, eine Personalpolitik zu betreiben, die Vielfalt auch zeigt. Bedeutet das, dass in den Personalabteilungen das Problem zu finden ist?

Hardenberg: Ach, das würde ich gar nicht sagen, dass sie besonders in den Personalabteilungen sitzen, aber da sitzen auch Menschen aus unserer Gesellschaft. Und es ist nicht damit getan, sagen wir jetzt mal, unser Herzstück, die Charta der Vielfalt zu unterschreiben, und die hänge ich mir jetzt an die Wand und sage, ich lebe danach - ich muss auch wirklich meine Prozesse verändern. Ein Beispiel ist der Rekrutierungsprozess: Wenn ich meinen Rekrutierungsprozess noch immer so mache, wie ich ihn schon immer gemacht habe, mit dem gleichen Team, da sitzen zwei, sagen wir jetzt mal, mittelalterliche Männer oder auch zwei mittelalterliche Frauen, die selber keine Vielfalt abbilden, dann ist es ganz schwer, das umzusetzen. Also die Prozesse müssen wirklich angefasst und geändert werden, zum Beispiel gemischte Auswahlteams, die Führungskräfte müssen vorbereitet werden. Keiner sagt, dass es einfach ist, ein solches Team zu führen, also man muss da auch sensibilisiert sein und vielleicht auch begleitet werden, um in der Lage zu sein, vielleicht auch mal solche Spannungen auszuleiten. Aber ganz viele, die sich damit beschäftigen, stellen ja fest, wie toll es ist und wie innovativ und kreativ dann ein Team arbeitet. Jeder Arbeitgeber, egal ob öffentlich oder privat, wird solche Veränderungen nur anstoßen, wenn er oder sie auch einen Vorteil sieht. Das eine ist, wir haben eine demografische Entwicklung in unserem Land, die zu einem Fachkräftemangel führt, wir haben Generationen von jung und alt zusammen. Wenn eine Unternehmung gemeinsam alt wird und der Altersdurchschnitt bei weit über 40 liegt, da muss ich mir überlegen, wie komme ich an jüngere Menschen, um das wieder aufzumischen? Also diese Herausforderungen, die Arbeitgeber momentan in unserem Land haben, kann ich mit einem aktiven Diversity-Management beheben oder unterstützen.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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