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StartseiteKalenderblattDoch der Wedding lebt und Berlin bleibt rot29.11.2004

Doch der Wedding lebt und Berlin bleibt rot

Vor 75 Jahren trat die Agitprop-Gruppe "Der rote Wedding" erstmals auf

<em>Eines Tages rief ein Genosse der gerade gegründeten Truppe "Roter Wedding" bei mir an, man brauchte dringend und schnellstens ein Auftrittslied. Ich schrieb es so schnell es ging. Es wurde künstlerisch und ideologisch nicht eines der besten, aber da es nur für eine gewisse Zeit als Truppenlied gedacht war und der Text erfahrungsgemäß beim Kollektivvortrag auf der Bühne häufig verbessert wird, fiel dieser Mangel nicht allzu sehr ins Gewicht. Hanns Eisler bekam es warm aus der Schreibmaschine und setzte es ebenso eilig unter Musik.</em>

Von Thomas Klug

Ist Berlin rot? Der Stadtteil Wedding heute. (AP Archiv)
Ist Berlin rot? Der Stadtteil Wedding heute. (AP Archiv)

So erinnerte sich Erich Weinert 1932, drei Jahre, nach dem er den Text des Liedes "Der rote Wedding" geschrieben hatte. Da war ihm schon klar, dass er sich wenigstens in einem Punkt geirrt hat:

Keiner von uns beiden ahnte, dass das Produkt eine längere Lebensdauer haben könnte als bis zu dem Tag, wo es den Hörern aus dem Halse heraus hängen würde. Aber es kam anders. Kaum war das Lied einige Male von der Truppe gesungen worden, als die Zuhörer anfingen, mitzusingen. Nach einigen Monaten wurde es in allen Sälen als Kampflied gesungen. Bald erscholl es als Marschlied bei Demonstrationen.

Ende der 20er Jahre schossen Agitproptruppen wie Pilze aus dem Boden, weniger künstlerisch, als klassenkämpferisch motiviert. Agitprop ist ein Kunstwort aus den Begriffen Agitation und Propaganda, geprägt vom kommunistischen Jugendverband, der es seinerseits aus dem revolutionären Russland übernommen hatte. Die Agitproptruppen wollten aufklären, aufrütteln, agitieren. Wichtiges Erkennungszeichen war das jeweilige Auftrittslied. Eine Truppe mit dem Namen "Das rote Sprachrohr" hatte das Lied "Wir sind das rote Sprachrohr" und machte darüber hinaus das Einheitsfrontlied "Vorwärts und nicht vergessen" berühmt. Eine andere Truppe war eben "Der rote Wedding". Deren Auftrittslied wurde gleichzeitig ihr populärstes. Der Text wurde im Laufe der Zeit immer wieder verändert. Doch schon die Urfassung zeigt, wie vorausschauend Weinert war:

Drohend stehen die Faschisten, drüben am Horizont.

Erich Weinert charakterisiert in seinem Text zugleich die politische Lage im Berlin von 1929. In der Stadt galt ein Demonstrationsverbot, dass der sozialdemokratische Polizeipräsident Zörgiebel auch zum 1. Mai nicht aufheben wollte. Die KPD rief zu friedlichen Massenprotesten auf. Zörgiebel schickte die Polizei. Sie schoss nicht nur in den Demonstrationszug, sondern auch in Fenster. 33 Tote und über 200 Verletzte waren zu beklagen. Der Begriff "Blutmai" entstand und prägte die Auseinandersetzung der folgenden Monate und Jahre.

Trotz Zörgiebels Polizei!

Wir gedenken des Ersten Mai.
Der herrschenden Klasse blut'ges Gesicht.
Der rote Wedding vergisst es nicht.
Und die Schande der SPD.


Die Agitproptruppe Roter Wedding hatte sich so eine klare politische Richtung gegeben. Die ersten Auftritte wurden zwar noch als unbeholfen beschrieben, doch das änderte sich rasch. Später soll die Polizei schon mal die Bühne gestürmt haben. Doch die Popularität des Liedes vom Roten Wedding erreichte die Agitproptruppe selbst nie. Das einschneidende "links, links, links" war bald nicht mehr Erkennungszeichen einer Agitproptruppe, sondern musikalische Unterstützung bei Arbeiterdemonstrationen. "Der Rote Wedding", ein "ausgesprochenes Berliner Gelegenheitsliedchen", wie es sein Texter nannte, wurde bald auch auf Schallplatten gepresst. 40.000 Exemplare davon waren im Umlauf, was Erich Weinert bereits 1931 einen Prozess einbrachte. Die Anklagepunkte der Staatsanwaltschaft lauteten:

Aufreizung zum Klassenhass, Gotteslästerung und Verächtlichmachung der republikanischen Staatsform

Weinert wurde wegen Verjährung freigesprochen, sein Verleger musste 100 Mark Geldstrafe zahlen. Der Erfolg des Liedes war dadurch nicht aufzuhalten. Dreist bemächtigten sich die Nazis Eislers populärer Melodie, die sie mit einem stümperhaften Text versahen:

Drohend stehen die Marxisten
Zitternd am Horizont.
Jungarbeiter, du musst wissen,
HJ vor die Front.


Das Lied überdauerte die braune Diktatur. In der DDR war es vor allem Ernst Busch, der es - abermals umgedichtet - interpretierte. Die gleichnamige Agitproptruppe war da schon längst in Vergessenheit geraten.

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