Mittwoch, 19.09.2018
 
Seit 13:35 Uhr Wirtschaft am Mittag
StartseiteBüchermarktDokumente des Exils13.02.2006

Dokumente des Exils

Madeleine Rietra und Rainer-Joachim Siegel trugen Briefwechsel Joseph Roths zusammen

Joseph Roth war entschieden in seinem Handeln. Mit der Machtübernahme Adolf Hitlers beendete er seine Karriere in Deutschland. Fortan schrieb er für niederländische Verlage. In "Geschäft ist Geschäft" ist der Briefwechsel aus dieser Zeit dokumentiert.

Von Agnes Hüfner

Joseph Roth flüchtete vor den Nationalsozialisten ins Exil. (AP)
Joseph Roth flüchtete vor den Nationalsozialisten ins Exil. (AP)
  • E-Mail
  • Teilen
  • Tweet
  • Drucken
  • Podcast

Im Januar 1933 reist Joseph Roth, wie schon so oft, von Berlin nach Paris, um in der geliebten Stadt zu leben und zu arbeiten. Jetzt wird er bis zu einem Tod dort bleiben, ein Emigrant unter Emigranten. Roth ist Ende 30, hoch angesehen als Autor der Romane "Hiob" und "Radetzkymarsch", Starjournalist unter anderem der "Frankfurter Zeitung". Mit der Machtübernahme Hitlers beendet er seine Karriere in Deutschland. Er lehnt alle Angebote, dort weiterhin zu publizieren, ab.

"Böse und gescheit", wie er sich selbst charakterisiert, schreibt er für die Exilpresse Artikel und Polemiken gegen das Dritte Reich. Die Veröffentlichung seiner Werke vertraut er den niederländischen Verlagen an. Er fordert Kollegen und Weggefährten auf, keine Kompromisse zu schließen, verlangt, den entschiedenen Bruch mit allen, "die heute für Deutschland, in Deutschland tätig sind". Er postuliert: Die Absage an die Nazis unterscheide den Menschen vom Tier.

Dem Freund Stefan Zweig gegenüber, der ihm Deutschenphobie vorhält, erklärt er:

"Sie haben nicht recht, wenn Sie meinen defensiven Zorn einen aggressiven Haß nennen. Das ist nicht überlegt von ihnen, der Sie mich so gut kennen sollten. Daß ich, Josel Roth aus Radziwillow, gemeinsam mit der ganzen großen deutschen Vergangenheit Deutschland verteidige, ist mir vollkommen klar. Mein Judentum ist mir nie anders als eine akzidentielle Eigenschaft erschienen, etwa wie mein blonder Schnurbart (er hätte auch schwarz sein können). Ich habe nie darunter gelitten, ich war nie darauf stolz. Ich leide auch jetzt nicht darunter, daß ich deutsch denke und schreibe, sondern darunter, dass 40 Millionen mitten in Europa Barbaren sind."

Finanziell kann Roth sich seine Entschiedenheit gegenüber den Nazis, diesem "Auswurf der Hölle", nicht leisten. Der Verlust des deutschen Marktes bringt ihn in größte Schwierigkeiten. Er wohnt in Paris im Hotel, er trinkt. Er bezahlt den Klinikaufenthalt für seine an Schizophrenie leidende erste Frau. Er kommt für die beiden Töchter der Lebensgefährtin Andrea Manga Bell auf. Er lebt vom Artikelschreiben, von Vorschüssen, von Zuwendungen des Freundes Stefan Zweig. Kaum einer der 233 Briefe an Allert de Lange und Querido, in denen Roth nicht vom Geld spricht, die nächste Rate anmahnt, nach den Honoraren aus den Auslandslizenzen fragt, das nächste Werk ankündigt. Er kümmert sich um die Werbung, schickt den Verlagen lange Listen, an welche Kritiker Rezensionsexemplare zu senden sind. Nach einem halben Jahr in Paris, im Juni 33, schreibt er an Hermann Kesten, vormals Lektor in Roths deutschem Verlag Gustav Kiepenheuer, nun Leiter der deutschen Sektion bei Allert de Lange.

"Lieber teurer Freund, ich erwarte den Chec mit Ungeduld. Es empfiehlt sich, ihn express abzuschicken. ... Ich schreibe, sehr schlecht, sehr unglücklich, ohne Geld. ... Gott helfe uns."

Roth kennt die Adressaten seiner oft täglich expedierten Briefe und Telegramme gut. Außer Hermann Kesten arbeitet bei Allert de Lange Walter Landauer, früher Lektor des Berliner Verlags "Die Schmiede", der Roths erste Romane herausbrachte. Der dritte Ansprechpartner ist Fritz H. Landshoff, einer der Direktoren des Gustav Kiepenheuer Verlags, seit dem Frühjahr 33 Inhaber der deutschen Abteilung beim Querido Verlag. In der Regel besteht Roth auf Sachlichkeit. Er trennt genau zwischen Freundschaft und Geschäft. Er zeigt sich als informierter Geschäftsmann, rechnet vor, was ihm zusteht und verrechnet die Honorarvorschüsse mit den gelieferten beziehungsweise avisierten Büchern. Die Briefpartner antworten respektvoll, oft besorgt, in Geldfragen gelegentlich streng. Je kleiner die Absatzgebiete werden – zuerst fallen die Schweiz, Jugoslawien, Rumänien, nach 1938 Italien und Österreich aus -, desto mehr schrumpfen die Einnahmen der Exilverlage, desto nervöser reagiert der Autor Joseph Roth. Er bombardiert die Verlage mit Post, droht mit Verlagswechsel, bittet um Verständnis für seine Lage.

Anfang April 1935 übt Fritz H. Landshoff, dem Roth einen Anwalt auf den Hals geschickt hat, Nachsicht. Er habe, schreibt er, sich angestrengt, nicht beleidigt zu sein.

"Es gibt augenblicklich wichtigere Dinge, sowohl im allgemeinen als auch im besonderen ... Landauer sagte mir, daß Sie dieser Tage Ihren Roman abschließen und dann hierher kämen. Ich wünsche Ihnen von Herzen, daß Sie mit Ihrer Arbeit fertig werden und hier dann alles erreichen, was Sie sich wünschen."

Joseph Roth arbeitet ununterbrochen. In den Jahren zwischen 33 und 39 schreibt er an die zehn Bücher, unter anderem die Romane "Tarabas", "Beichte eines Mörders", "Die Kapuzinergruft", "Die Geschichte der 1002. Nacht". Posthum erscheinen die Novellen "Die Legende vom heiligen Trinker" und "Der Leviathan". Er veröffentlicht die Streitschrift "Der Antichrist", verfasst Hunderte von Artikeln für die Exilpresse. Mal ist er mit sich unzufrieden, mal vom Gelingen der Arbeit überzeugt. So teilt er Walter Landauer nach Fertigstellung der "Legende" mit, er wage zu sagen, dass die Novelle zu den "besten Sachen der Emigration" gehöre.
Bei aller Not kümmert sich Roth bis ins Detail um die Gestaltung der Bücher, um Format, Umbruch, Typographie. Er bestimmt, wie der Buchumschlag auszusehen habe, tobt über Druckfehler.
In einem seiner letzten Briefe an Allert de Lange, zu Händen Walter Landauer adressiert, dankt er für die Kopie der Druckfahnen, die er anbei korrigiert zurückschicke.

"Ich bin überzeugt, daß die Legende sich verkaufen lassen wird, auch in anderen Sprachen. Ich bitte Sie nur um eine schöne Antiqua. Schreiben Sie mir einmal ein persönliches Wort.
Herzlich Ihr alter, sehr alter Joseph Roth."

Kiepenheuer & Witsch hat den Briefwechsel zwischen Joseph Roth und den Verlagen Allert de Lange und Querido in derselben schönen Leinenausstattung herausgebracht wie die große Werkausgabe. Madeleine Rietra und Rainer-Joachim Siegel, die Editoren, bieten dem Leser jede Hilfe, die komplizierte Lage des Autors in den letzten Jahren seines Lebens und die nicht unproblematische Situation der Exilverlage zu verstehen. Außer den Briefen enthält der Band eine ausführliche Einleitung, Anmerkungen, Anhänge, Literatur- und Briefverzeichnis, Register und den Bericht darüber, mit welcher Sorgfalt die Herausgeber das über viele Länder verstreute Material gesucht und zusammengetragen haben. Fehlende Dokumente - bei Einmarsch der Deutschen in den Niederlanden vernichteten Mitarbeiter des Querido Verlags das Archiv – bemühten sie sich durch die Lektüre biografischer und autobiogrfischer Schriften anderer Emigranten soweit wie möglich zu ersetzen.

Madeleine Rietra und Rainer-Joachim Siegel (Hrsg.): Geschäft ist Geschäft
Briefwechsel zwischen Joseph Roth und Exilverlagen
Kiepenheuer & Witsch
September 2005

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk