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StartseiteKultur heuteCastorf untersucht die Männlichkeit im "Doppelpack"30.06.2018

"Don Juan"Castorf untersucht die Männlichkeit im "Doppelpack"

Nach seinem XXL-Faust im letzten Jahr hat sich der Regisseur Frank Castorf in diesem Sommer mit einer weiteren Figur, die als Inbegriff männlicher Gier und Anmaßung gilt, beschäftigt. Sein "Don Juan" nach Molière am Münchner Residenztheater hat zwei Gesichter.

Von Sven Ricklefs

Frank Castorfs Inszenierung von "Don Juan" (Residenztheater München / Matthias Horn)
Frank Castorfs Inszenierung von "Don Juan" (Residenztheater München / Matthias Horn)

Eigentlich ist zunächst einmal alles wie immer bei Frank Castorf: Die Bühne ist ein Filmset von Alexander Denic und hat viele Welten: Mal innen mal außen. Diesmal ist sie mal Barockbühne mit Pappportal oder auch ein Stall mit drei beachtlichen Ziegen darin, mal Gelagetafel, Betten- oder Badelandschaft oder auch: trostloser Eingang zum Varieté. Ganz wie die Drehbühne es will. Das Ensemble ist auch immer mal wieder unter Dauerfeuer. Mal spielen sie sichtbar an der Rampe, mal sieht man sie im Close-Up übers Video.

Und der Text: auch der Text ist - wie gewohnt - nur zum Teil aus jenem Stück, das dem Abend seinen Titel gibt, der Rest stammt diesmal aus der Feder von Pascal, Puschkin, Bataille und fast unvermeidlich bei Castorf von Heiner Müller. Eigentlich also ist alles so wie immer bei Castorf und dann doch wieder ganz anders.

Don Juan-Schema leicht verändert

Das liegt sicherlich zum einen daran, dass er diesmal ein tatsächliches Theaterstück und nicht wie sonst fast immer einen Roman auf die Bühne bringt, zum anderen aber auch an seinem sehr spezifischen Interesse an der Figur des Don Juan, das sichtlich eher weniger dem im wahrsten Sinne des Wortes über Leichen gehenden Frauenverführer Don Juan gilt, sondern eher dem gottlosen Intellektuellen in ihm, der die Leere der Welt und die Leere in sich mit einem verzweifelten Aktionismus übertünchen will.

"Und deshalb kommt es vielleicht auch: dass das Spiel, der Umgang mit den Frauen, die Kriege und die Karriere so beliebt sind. Das ist nicht etwa deshalb, weil wirklich Glück darin steckt oder weil man sich vorstellt, die wahre Seligkeit wäre, sei es das Geld zu besitzen, das man bei dem Spiel gewinnen könnte. Oder es bestünde in dem Hasen, dem man nachjagt. Man würde ihn nicht haben wollen, wenn man ihn geschenkt bekäme."

Don Juan also als der Jäger aus Verzweiflung, das ist zwar nicht Originalton Molière, aber immerhin Blaise Pascal und den hat sich Castorf unter anderem hineingewürzt in seinen fast schon depressiven Abgesang auf das Leben als einen rastlosen Dauerlauf zum Tod. Wobei der Tod hier von Beginn an gegenwärtig ist, als Seuche: als Juckreiz, Pestbeule oder Blutsturz. Da hilft weder Wein noch edler Kelch noch Kronleuchter. Alle siechen dahin.

Dabei hat sich Frank Castorf mit Aurel Manthei und Franz Pätzold eigentlich zwei voll im virilen Saft stehende Darsteller ausgesucht, die seinen Don Juan gleich im Doppelpack auf die Bühne bringen: Mal als Kumpel, mal als Einzelkämpfer, mal im vollen Barockornat, mal in glitzernden Anzügen aus irgendeiner Show-Welt oder über lange Strecken auch mal nur mit schenkelhohen Seidenstrümpfen und ansonsten: nackt.

Zwei Don Juans sind besser als einer

"So wisst ihr durch mich, dass ich nie jemandes Diener sein werde, und dass der Himmel die Gottlosen früher oder später bestraft. Und dass ein übles Leben zu einem üblen Tod führen wird, oder?"

Tatsächlich fährt auch dieser Don Juan an der Hand des berühmten steinernen Gastes geradewegs zur Hölle, insoweit hält sich Castorf an den Plot der Geschichte, auch wenn man diese sonst in den ausufernden Fransen seiner Inszenierung auch mal vergeblich sucht. Also auch dieser getriebene Freigeist muss letztlich büßen, auch wenn man die beiden Don Juans dann kurz darauf zumindest im Video schon wieder im Duett auf der nächtlichen Maximilianstraße bummeln sieht.

Und so weiß man am Schluss tatsächlich nicht so ganz genau, wo Frank Castorf mit diesem Molièrschen Don Juan eigentlich letztendlich hinwollte, zumal er gegen Ende auch noch Texte zum Thema Kolonialismus unterbringt, die schon seinen Berliner Faust bestimmten, hier aber eher wie Fremdkörper wirken. Und trotzdem hat man über weite Strecken brillanten Darstellern in ungewöhnlichem Theater zugesehen. Und das ist dann doch wieder so wie immer bei Frank Castorf.

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