Mittwoch, 08. Dezember 2021

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DopingBesorgt ums Image

Obwohl überführt, darf die jamaikanische Sprinterin Veronica Campbell-Brown nach zehn Monaten Zwangspause wieder starten. Nun behauptet sie fälschlicherweise, die überraschende Entscheidung des obersten Sportsgerichtshofs habe ihre "Unschuld bestätigt". Typisch für das Selbstverständnis der gedopten Leichtathleten von der Karibikinsel. Sündenböcke sind schnell gefunden.

Von Jürgen Kalwa | 02.03.2014

Die Nachricht kam für viele überraschend. Aber so einfach geht das manchmal.
“Welcome back to Sports Watch, this Wednesday. Jamaican sprint star Veronica Campbell-Brown has been cleared to resume competition...”
Die zweifache 200-Meter-Olympiasiegerin Veronica Campbell-Brown darf wieder laufen, meldete das Fernsehen auf Jamaika. Zehn Monate nach einem Dopingtest, bei dem ein auf der Verbotsliste stehendes Entwässerungsmittel entdeckt wurde, kam der oberste Sportgerichtshof in Lausanne zu dem Resultat: Alles nicht so schlimm.
In ihrer Heimat wurde diese Entwicklung sachlich und distanziert gemeldet. Wohl auch, weil jedem klar war: Dies ist allenfalls ein Freispruch zweiter Klasse, verbunden mit einer öffentlichen Verwarnung. Dass der CAS, dessen Begründung noch aussteht, ihre “Unschuld bestätigt”, wie die Sprinterin behauptet, davon kann gar nicht die Rede sein.
Der Umgang mit den Nachrichten aus dem Milieu der gedopten Sprinter hat sich auf Jamaika deutlich geändert, seit Premierministerin Portia Simpson Miller im letzten Jahr im Parlament ihre Rede hielt und dabei zum ersten Mal offenbarte, was alles hinter den Türen der Jamaikanischen Anti-Dopingagentur an Verschleierung ablief.
“Lasst uns nicht entmutigen”, forderte sie und sorgte für mehr Fördergeld und für lang fällige Umbesetzungen an der Spitze von der Organisation, abgekürzt JADCO.
Die Intervention war notwendig. Denn längst drängte die WADA und warnte vor Konsequenzen. Eine so laxe Arbeit, wie sie bis dahin abgeliefert worden war, könne zum Ausschluss aller Athleten von der Insel von internationalen Wettbewerben führen.
Die Neuen an der Spitze sind angesehene Männer: Den Posten des Vorstandsvorsitzenden übernahm Danny Williams, ein erfolgreicher Versicherungsunternehmer. Ein Geschäftsführer wurde im Oktober verpflichtet. Carey Brown ist Chemiker, hat Erfahrungen in der Pharmaindustrie und arbeitete zuletzt im Jugend- und Kulturministerium in Kingston.
Kaum im Amt machte er sich denn auch auf den Weg nach Montreal zur Welt-Antidopingagentur. Er ließ auf Drängen von Politikern in einem Parlamentsausschuss vor ein paar Tagen durchblicken, dass die WADA noch immer ein besonderes Auge auf JADCO geworfen hat. Die nächste offizielle Delegation soll schon bald zur Kontrollvisite auf der Karibikinsel eintreffen.
“Hello, good afternoon, JADCO.”
Mister Brown ist in diesen Tagen sehr beschäftigt. Ihn zu sprechen, ein Ding der Unmöglichkeit. Seine Assistentin kann das erklären:
“Because of what is going on he has been very tied up, but usually he’s very responsive.”
Es ist viel los. Eine Besprechung nach der anderen, so heißt es. Es geht vermutlich auch um die immer noch laufenden sportjuristischen Anklagen gegen Asafa Powell, den einstigen 100-Meter-Weltrekordler, und Sherone Simpson, Goldmedaillengewinnerin in der 4x100 Meter-Staffel von Athen. Die beiden waren im Sommer bei einem Sportfest in Kingston positiv auf Oxilofrin getestet worden. Die Substanz sorgt für höheren Blutdruck und ist als Dopingmittel klassifiziert.
Beide Sprinter sind derzeit gesperrt und gaben bei Anhörungen im Januar und Februar einem kanadischen Physiotherapeuten und den von ihm verabreichten Nahrungsergänzungsmitteln die Schuld. Er soll Simpson sogar das umstrittene Mittel Actovegin injiziert haben. Obwohl er erst kurz zuvor von der Trainingsgruppe der beiden Leichtathleten verpflichtet worden war, genoss er vollstes Vertrauen und sieht sich nun als Sündenbock.
Dafür eignet sich der Kanadier womöglich sogar recht gut. Er arbeitete nämlich früher für seinen Landsmann Dr. Anthony Galea. Der Arzt behandelte Sportler in den USA illegal mit Wachstumshormon und eben auch Actovegin sowie mit Eigenblutbehandlungen. Er erhielt 2011 eine Bewährungsstrafe und darf nicht mehr in die USA einreisen.
Auf die Entscheidungen des JADCO-Schiedsgerichts in den Verfahren gegen Powell und Simpson wird man wohl bis April warten müssen. Die Urteile werden zeigen, ob in Jamaika ein neuer Wind weht. Oder ob noch immer die Haltung dominiert, die ein Trainer im Herbst formulierte: “Der Rest der Welt hat es auf uns abgesehen.”
Immerhin betrachten die Medien das alles sehr viel weniger durch die nationalistische Brille. Fernsehjournalist Kayon Raynor, der den jamaikanischen Sport seit Jahren begleitet, signalisierte dem Deutschlandfunk gegenüber eine gewisse Skepsis:
“Man könne nur hoffen, dass sie die Regeln anwenden”, sagte er. Und dass sie testen und Sportler überführen, egal ob die absichtlich gegen die Anti-Doping-Bestimmungen verstoßen oder auch nicht.”