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StartseiteSport am WochenendeDoping in West-Deutschland26.09.2011

Doping in West-Deutschland

Wissenschaftler stellen brisante Forschungsergebnisse vor

Zur Wahrung der Chancengleichheit mit dem Ostblock-Sport hat es laut einer Studie auch in der Bundesrepublik in den 70er- und 80er-Jahren "staatlich subventionierte Anabolika-Forschungen" und ein "systemisches Doping" gegeben. Dies sagte Professor Giselher Spitzer von der Berliner Humboldt-Universität bei der Vorstellung des zweiten Zwischenberichts zur Studie "Doping in Deutschland".

Von Robert Kempe

Laut Studie sollen staatliche Gelder in die Forschung mit verbotenen Substanzen wie Anabolika und Testosteron geflossen sein. (picture alliance / dpa)
Laut Studie sollen staatliche Gelder in die Forschung mit verbotenen Substanzen wie Anabolika und Testosteron geflossen sein. (picture alliance / dpa)

Das Projekt, das die Geschichte des Dopings in der Bundesrepublik aufarbeiten soll, wurde vom Bundesinstitut für Sportwissenschaften BISP in Auftrag gegeben. Dem Institut kommt nun laut den ersten Ergebnissen in den 70er- und 80er-Jahren eine zentrale Rolle in der Anwendung des Dopings bei Sportlern zu. Staatliche Gelder sollen über das BISP in Forschungen mit verbotenen Substanzen wie Anabolika und Testosteron geflossen sein. Giselher Spitzer von der Berliner Humboldt –Universität spricht daher von "systemischen Doping":

"Sie müssen sich vorstellen, dass in Wirklichkeit nicht Grundlagen des Muskelstoffwechsels erforscht worden sind, sondern es wurde mit dem Ziel geforscht, es in die Praxis umzusetzen - in praktisches, sportliches Training. Und wenn Sie denken, dass die Auftragnehmer tatsächlich Kaderathleten betreut haben – in Freiburg über Eintausend mit Keul und Klümper – dann wäre der angemessene Begriff dafür systemisches Doping."

Besonders oft sollen diese Fördergelder an die Sportmedizin der Universität Freiburg und an das Institut für Kreislaufforschung der Deutschen Sporthochschule in Köln gegangen sein. Die Dopingforschung soll stets vertraulich gelaufen sein, doch - so ein Ergebnis der Wissenschaftler - war der Kreis der Mitwisser groß, hochrangige Sportfunktionäre bis hin zu Vertretern des Bundesinnenministeriums sollen Kenntnis von den Dopingpraktiken gehabt haben. Die Wissenschaftler ziehen ihre Erkenntnisse neben Archivdokumenten des Deutschen Olympischen Sportbundes oder BISP auch aus 50 Befragungen von Zeitzeugen. Beim Auftraggeber, dem BISP, sieht man sich momentan noch nicht in der Lage die vorgestellten Ergebnisse zu bewerten. Dr. Karl Quade, stellvertretender Direktor des BISP

"Sie müssen verstehen, dass ich als Wissenschaftler natürlich erst einmal die Unterlagen im Detail anschauen muss. Das ist noch nicht geschehen, das wurde ja heute bei der Pressekonferenz deutlich gemacht. Der Umfang ist riesengroß. Der Beirat tagt darüber, die Beiratsmitglieder geben auch noch ihre Einschätzung ab. So dass ich – Stand heute – dazu sicherlich nicht Stellung nehmen kann."

Die Aussage überrascht umso mehr als das die Forschungsergebnisse dem Bundesinstitut schon seit gut 4 Wochen vorliegen sollen. Erst Mitte Dezember will das BISP die komplette Arbeit - gut 700 Seiten - der Öffentlichkeit zugänglich machen. Abzuwarten bleibt, ob es bis dahin inhaltliche Veränderungen gibt. So soll es starke Auseinandersetzungen zwischen den Wissenschaftlern und dem BISP geben. Dieses will offenbar das Nennen von Namen in der wissenschaftlichen Publikation etwa von Sportfunktionären und Sportmedizinern verhindern. Noch einmal der Historiker Giselher Spitzer:

"Wir können nicht auch noch dafür sorgen, dass die Ergebnisse in irgendeiner Weise passend sind. Wir stellen unsere Ergebnisse vor und hoffen, dass sich dann auch Handlungen daraus ergeben können um Doping zu verhindern. Im Übrigen, denke ich, der Sport gewinnt bei der ganzen Sache, wenn er sich dem Problem stellt, dass wir auch im Westen das Problem haben, dass eine relativ kleine Zahl von Wissenschaftlern und Funktionären dieses eigenartige verdeckte System gefördert hat."

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