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StartseiteForschung aktuellDorsch in Öl20.02.2012

Dorsch in Öl

Osloer Forscher analysieren mögliche Folgen des Klimawandels auf die Meeresbewohner der Arktis

Der Klimawandel hat in der Arktis einen regelrechten Ölrausch ausgelöst. Denn wo Eis verschwindet, werden Land- und Meeresflächen frei, in denen gebohrt werden kann. Daher versuchen Forscher, die Folgen einer möglichen Ölverschmutzung auf die arktischen Ökosysteme abzuschätzen.

Von Christine Westerhaus

Die Barentssee gilt als die Kinderstube für den atlantischen Dorsch.  (picture-alliance/ dpa)
Die Barentssee gilt als die Kinderstube für den atlantischen Dorsch. (picture-alliance/ dpa)

Das Leben in einem eiskalten Gewässer stellt man sich als Mensch ziemlich ungemütlich vor. Doch die arktischen Meere gehören zu den reichsten Fischgründen der Erde. Die Barentssee beispielsweise ist die Kinderstube für den atlantischen Dorsch, auch Hering und Lodde nutzen sie als Laichplatz. Ein Ölunfall in diesem Gebiet hätte nicht nur dramatische ökologische, sondern auch ökonomische Konsequenzen. Besonders für ein Land wie Norwegen, in dem die Fischerei eine große Rolle spielt. Dag Øystein Hjermann arbeitet als Ökologe an der Universität Oslo. Er entwickelt Modelle, mit denen er die Auswirkungen einer Ölkatastrophe auf wirtschaftlich bedeutende Fischpopulationen möglichst realistisch voraussagen kann.

"Die ersten Berechnungen über die Folgen eines Ölunfalls auf Fische wurden 2003 veröffentlicht. Darin ging man davon aus, dass zwei Prozent des Bestandes verloren gehen, wenn zwei Prozent der Larven bei einem Ölunfall getötet werden. Doch für einen Fischbestand spielt es eine sehr große Rolle, welche Larven getötet werden. Denn die Überlebenswahrscheinlichkeit der verschiedenen Stadien ist extrem unterschiedlich."

Ein ausgewachsener Dorsch produziert bis zu neun Millionen winzig kleine Eier. Doch bis zur Geschlechtsreife überleben nur einige wenige Tiere. Ihr Schicksal hängt von der Wassertemperatur, dem Salzgehalt, aber auch vor allem davon ab, wohin sie die Meeresströme treiben.

"In unserem Modell vergleichen wir den Verlauf der Meeresströme mit der Häufigkeit der Fischlarven. Daraus können wir ablesen, wo die Larven besser überleben - eher in der Nähe der Küste, im offenen Meer, eher im Süden oder eher im Norden. Dieses Modell können wir dann auf den Ölplattformen einsetzen um beispielsweise voraussagen zu können: Zu dem und dem Zeitpunkt strömen viele Larven in der Nähe der Plattform vorbei, die für den Bestand wichtig sind. Darum ist es besser, in dieser Zeit auf bestimmte Operationen zu verzichten."

Gelangt Öl ins Meer, treibt es vor allem als Teppich auf der Wasseroberfläche. Die Fischlarven, die sich hier aufhalten, nehmen besonders große Mengen an Schadstoffen auf. Viele Bestände sind aber vor allem deshalb gefährdet, weil sie stark befischt werden. Dorschweibchen beispielsweise werden heutzutage schon viel früher geschlechtsreif als noch vor 50 Jahren. Und nur die wenigsten haben die Chance, sich mehrmals zu reproduzieren, bevor sie gefangen werden. Jüngere Weibchen legen jedoch weniger Eier als ihre älteren Artgenossinnen. Außerdem laichen sie über einen kürzeren Zeitraum und verteilen ihren Nachwuchs in einem kleineren Areal. Dadurch wird aber gewissermaßen das Risiko im Falle einer Havarie weniger weit gestreut und der Bestand insgesamt anfälliger für Störungen.

"Dieser hohe Fischereidruck führt dazu, dass die Dorscheier sich auf engem Raum und in einem kurzen Zeitraum konzentrieren. Ein Ölunfall trifft einen solchen Schwarm viel härter, als eine Population, die sich auf eine größere Fläche verteilt und in dem die Weibchen die Eier über einen längeren Zeitraum ablegen. Das Öl würde nur einen kleinen Teil eines solchen Schwarms schädigen."

Im Falle eines Ölunfalls sollten die Fischfangquoten gesenkt werden, empfiehlt Dag Øystein Hjermann. Dann hätten die betroffenen Bestände eher die Chance, sich zu erholen. Ein Ölunfall hätte aber nicht nur direkte, sondern auch indirekte Konsequenzen. Fischlarven ernähren sich von Zooplankton, also von kleinen tierischen Meeresbewohnern, die frei im Wasser schweben. Das Öl schädigt auch diese Organismen, so dass die Fische keine Nahrung mehr finden.

"Durch diesen indirekten Effekt können genauso viele Larven sterben, wie direkt durch das Öl getötet werden. Wir haben Planktonproben über einen Zeitraum von mehr als 30 Jahren ausgewertet. Dabei haben wir gesehen, dass die Anzahl der Jungfische direkt mit der Menge an Zooplankton zusammenhängt."

Ein Ölunfall hätte für die Norweger nicht nur ökologische, sondern auch ökonomische Konsequenzen. Allein der Dorschfang in der Barentssee bringt jährlich knapp 400 Millionen Euro Gewinn ein. Doch das Öl ist wirtschaftlich noch weitaus wichtiger: Norwegen ist der siebtgrößte Ölexporteur weltweit.

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