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StartseiteTag für TagDreimal Silvester30.12.2011

Dreimal Silvester

Wahrheit und Legende dreier Kirchenmänner. Eine Spurensuche in Rom

Silvester, der letzte Tag des Jahres, ist mit drei Figuren der Kirchengeschichte fest verbunden: Papst Silvester I, der am 31.12.335 starb, dem mittelalterliche Papst Silvester II. Und San Silvestro Abbate, der 1231 den Orden der Silvestriner Patres gründete.

Von Corinna Mühlstedt

Silvester in Rom: Der Name Silvester hat eine lange Tradition in der ewigen Stadt - gleich dreifach.  (picture alliance / dpa / Vincenzo Tersigni / Eidon)
Silvester in Rom: Der Name Silvester hat eine lange Tradition in der ewigen Stadt - gleich dreifach. (picture alliance / dpa / Vincenzo Tersigni / Eidon)
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"Der 31. Dezember ist für uns der schönste Tag des Jahres. Denn an diesem Tag feiern wir den Heiligen Silvester. Er starb am 31. Dezember 335 und wurde hier in Rom in unserer Priscilla-Katakombe beigesetzt. Unser Fest hat eine lange Geschichte. Es war stets ein großes Ereignis mit einer feierlichen Messe und wunderbaren Gregorianischen Chorälen. Wir erhalten diese Tradition bis heute aufrecht."

Die Römerin Maria Francesca gehört zu einer Gemeinschaft von Benediktinerinnen, denen die Priscilla-Katakombe im Norden Roms anvertraut ist. Die unterirdische Grabanlage stammt aus den ersten Jahrhunderten nach Christus, in denen die jungen Gemeinden immer wieder grausam verfolgt wurden. Viele Märtyrer sind hier beigesetzt.

Der Heilige Silvester ist im Bewusstsein der Römer unablöslich mit dem befreienden Ende der Verfolgungen verbunden. Denn er wurde 314 Bischof von Rom, nur ein Jahr nachdem Kaiser Konstantin mit dem Mailänder Toleranzedikt im Römischen Reich erstmals Religionsfreiheit gewährt hatte. Legenden haben das damalige Geschehen fantasievoll ausgemalt:

Der Heilige Silvester hatte sich während der Verfolgungen unter Kaiser Diokletian in die Berge zurückgezogen, denn in Rom wütete das Schwert des Henkers. Er lebte in den Höhlen des Monte Soracte. Eines Tages bemerkte er bewaffnete Männer, die auf den steilen Fußsteigen emporkletterten. Er fürchtete, sie wollten ihn zum Martertod führen. Doch Kaiser Konstantin, der in Rom siegreich eingezogen war, hatte sie gesandt, um den Bischof zu holen, damit er seinen Sitz in Rom einnehmen könne.

In den 21 Jahren der Amtszeit Silvesters blüht die Kirche unter dem Schutz des Kaisers auf. Als der Bischof stirbt, wird er schon bald als Heiliger verehrt. Die Zahl der Legenden, die sich um sein Leben ranken, wächst. Doch eine schriftliche Fassung, die "Acta Silvestri", ist erst aus dem 9. Jahrhundert bekannt.

Die historische Forschung tappt nicht nur deshalb zur Person des Heiligen weithin im Dunkeln. Prof. Pius Engelbert lehrt seit 30 Jahren an der internationalen Benediktiner Hochschule von Sant’Anselmo in Rom mittelalterliche Kirchengeschichte:

"Über Silvester I weiß man ganz wenig. Es scheint so, dass er noch in der Diokletianischen Verfolgung gelitten hat, aber eben nicht Märtyrer wurde, und als die Kirche frei wurde unter Kaiser Konstantin, dann die Kirche weiter entwickeln konnte. Was sicher ist, ist der Todestag, der 31. Dezember. Eine Heiligsprechung hat es nie gegeben, er wurde einfach verehrt, so wie viele andere auch."

Nach der Legende basierte die Beziehung zwischen Konstantin und Silvester auf einer wundersamen Heilung, die der an Lepra erkrankte Kaiser durch Silvester erfuhr. - Pius Engelbert schüttelt den Kopf:

"Gerade weil man nichts wusste über ihn, entstanden Legenden. Die Legende ist hoch dramatisch: Konstantin ist zum Monte Soracte geritten und hat den Papst da getroffen, und der hat ihm gesagt: Er kann von der Lepra gerettet werden, wenn er in einem Wasser-Bad dreimal untertaucht und den Namen Jesu Christi anruft. Das hat er gemacht, und dann war er frei von der Lepra. Daraufhin hat Konstantin zur Belohnung dem Papst den Lateranpalast geschenkt – das war die kaiserliche Residenz – und hat seinen Wohnsitz von Rom nach Konstantinopel verlegt, damit der Papst in Rom frei agieren konnte und hat ihm die Oberherrschaft über das Weströmische Reich gegeben und ein Gebiet, das nicht immer in den Quellen klar begrenzt ist in Mittelitalien als speziellen Kirchenstaat."

Dieser letzte Teil der Legende wurde als "Donatio Constantini", als "Konstantinische Schenkung" weltberühmt. Doch das zugehörige Dokument wurde bereits im Mittelalter als Fälschung entlarvt.

Fest steht nur eines: Unter Konstantin erhielten der Bischof von Rom und die Kirche eine nie zuvor gekannte politische Bedeutung. Denn das Christentum sollte nach dem Willen des Kaisers dem vom Zerfall bedrohten Reich neue Einheit bescheren und ihn selbst politisch stützen. Die so lang verfolgte Kirche übernahm diese Aufgabe nur all zu gerne. Doch die tatsächliche Rolle Silvesters bei den Geschehnissen muss weitgehend offenbleiben.

Im historischen Zentrum von Rom, unweit der Spanischen Treppe, steht an der Piazza San Silvestro die kleine Kirche San Silvestro in Capite aus dem 16. Jahrhundert. Der irische Pallottiner, Father John Fitzpatric, betreut sie als Priester. Schon im 8. Jahrhundert, erklärt er, als sich plündernde Langobarden Rom näherten, habe man die Reliquien Silvesters aus der Priscilla-Katakombe zur Sicherheit hierher geholt. Damals sei zu Silvesters Ehren von Papst Paul I diese Kirche erbaut worden.

"Sehen Sie die Platte im Boden vor dem Haupt-Altar? Hier ist der Heilige Silvester heute begraben. Sein Haupt, das irgendwann vom Körper getrennt wurde, wird allerdings in einem Reliquienschrein in der Sakristei aufbewahrt. Dieser Schrein wurde 1969 gestohlen. Etwas später hat man ihn zwar zurückgebracht und im Beichtstuhl einem Priester übergeben, aber seither bewahren wir ihn aus Sicherheitsgründen in der Sakristei auf. Nur während der Messe am 31. Dezember tragen wir ihn feierlich in die Kirche und stellen ihn auf den Hochaltar, wo die Leute ihn gut sehen können. Denn aus diesem Anlass kommen stets viele Besucher, um die Reliquien des Heiligen zu verehren."

Nicht zuletzt ist die Zuneigung der Römer zum Heiligen Silvester auch in der Liebe zu ihrer Stadt begründet. Entstanden doch unter seiner Amtszeit im Auftrag des Kaisers die ersten der prachtvollen Kirchen, die Rom bis heute prägen. Eine der ältesten ist die Lateranbasilika.

In ihrem rechten Seitenschiff befindet sich das Grabmal eines Mannes, der Silvester I ausdrücklich zu seinem Vorbild wählte: Gebert von Aurillac. Der gelehrte Benediktiner war Berater des ehrgeizigen jungen Kaisers Otto III, der 998 Rom besetzte. Schon im darauf folgenden Jahr, 999, bestieg Gebert den Stuhl Petri als Papst Silvester II. - Professor Pius Engelbert:

"Kaiser Otto III wollte das Römerreich wieder herstellen, in einer romantischen Art. Er hat dafür gesorgt, dass Gebert von Aurillac Papst wurde. Und der hat sich bewusst nach Silvester I genannt, weil für ihn Otto III so etwas war wie Konstantin der Große. Er hat nichts getan ohne ständige Absprache mit Otto III."

Doch die Pläne, die auf eine Erneuerung des christlich-römischen Imperiums zielten, scheiterten. Kaiser Otto war bei den Römern ebenso unbeliebt wie sein Protegé, der Franzose Gebert. Im Jahr 1001 wurden beide aus der Stadt vertrieben, 1002 starb der Kaiser, 1003 Silvester II. Seither ranken sich auch um diesen Papst zahllose Legenden. Doch viele von ihnen sind düster, manche schreiben seinen rasanten Aufstieg und Fall sogar einem Bund mit dem Teufel zu.

"Also es gibt Silvester-Legenden, und die hängen mit seiner Gelehrsamkeit zusammen. Das kam den Zeitgenossen so merkwürdig vor, dass sie von Zauberei sprachen, dass er durch Zauberkünste alle diese Wissenschaften erlernt hätte, dass er das nur vom Teufel bekommen konnte. Das sind aber Legenden, die nicht zu seiner Zeit, sondern später entstanden sind."

Noch zwei Mal werden mittelalterliche Päpste den Namen "Silvester" wählen. Aber weder Silvester III noch Silvester IV können sich lange auf dem Stuhl Petri halten. Beide werden rasch Opfer der heißen Machtkämpfe zwischen den Kaisern und dem römischen Adel.

Erst im 13. Jahrhundert wird in Rom ein Mann namens Silvester bekannt, der eine radikale Alternative zu dem an Macht und Besitz orientierten Leben der damaligen Amtskirche sucht: Silvestro Guzzolini. Er ist in die Geschichte als San Silvestro Abate eingegangen – als heiliger Abt Silvester. Das Generalat der von ihm gegründeten Mönchsgemeinschaft der Silvestriner Patres, liegt in der römischen Altstadt unweit des Pantheons. Hier wohnt der langjährige Generalabt der Silvestriner, Don Antonio Jacovone:

"Im 12. und 13. Jahrhundert entstanden viele neue monastische Bewegungen. Der heilige Franziskus, Dominikus und San Silvestro Abate sind im Grunde Zeitgenossen. Sie alle suchten nach einer neuen Lebensform, ja, nach einer Rückkehr zum wahren Christentum. Silvestro Guzzolini wurde 1177 geboren. Er war Geistlicher in der Diözese von Osimo, in den heutigen Marchen und 50, als er sich zurückzog, um in der Einsamkeit Gott zu suchen."

Silvestro lebte daraufhin mehrere Jahre in einer Berghöhle als Eremit und widmete sich ganz dem Gebet. Schüler schlossen sich ihm an. 1231 gründete er am Monte Fano bei Fabbriano sein erstes Kloster und wählte dafür die Lebensregel Benedikts. Don Antonio Jacovone:

"Aber Silvestro hat seine eigenen Akzente gesetzt. Anders als damals üblich, wollte er in keinen reichen, prachtvollen Klöstern wohnen, sondern bevorzugte einsame und bescheidene Orte. Ja, Armut und Einfachheit des Lebensstils sind von jeher Kennzeichen unserer Bewegung."

Dem schlichten Mönch aus Fabbriano gelang es, diese frühchristlichen Ideale, die in manchen Teilen der Kirche längst verloren schienen, zukunftsfähig zu leben. Im 19. Jahrhundert wurden einige Silvestriner nach Sri Lanka und Indien gesandt, um dort den Ärmsten zu helfen. Heute, so Don Antonio, zähle die Gemeinschaft über 200 Mönche auf 5 Kontinenten:

"Mich hat das immer beeindruckt: Unsere Kongregation war nie groß, und sie hat furchtbare Zeiten durchgestanden – die Pest, die Kriege, die Säkularisierung, – aber sie hat die Ideale des Evangeliums auf ganz bescheidene Weise in alle Welt getragen, und unsere Mitbrüder leben sie dort bis heute."

Am Abend jedes 31. Dezember beschließen die Silvestriner in ihrer kleinen Kirche – wie in Rom üblich – das Jahr mit einem Te Deum. Der alte Hymnus drückt beides aus: Dank für den Segen der vergangenen Monate und Hoffnung auf eine gute Zukunft.

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