Samstag, 04.04.2020
 
Seit 23:05 Uhr Lange Nacht
StartseiteCorsoWeibliche Revolte im Nachkriegsdeutschland18.03.2016

Dreiteiler "Kudamm 56"Weibliche Revolte im Nachkriegsdeutschland

Vergessen, arbeiten und zu Wohlstand kommen - der ZDF-Dreiteiler "Kudamm 56" erzählt die Geschichte der Familie Schöllack, die im Berlin der 50er-Jahre eine Tanzschule betreibt. Im Mittelpunkt stehen die drei Töchter der Familie, die nicht nur unter ihrer strengen Mutter, sondern auch unter der gesellschaftlichen Enge und der Frauenrolle jener Zeit zu leiden haben.

Von Michael Meyer

Caterina Schöllack (Claudia Michelsen, Mitte rechts) mit ihren Töchtern Eva Schöllack (Emilia Schüle, l.), Monika Schöllack (Sonja Gerhardt, Mitte links) und Helga Schöllack (Maria Ehrich, r.) (obs/ZDF/Stefan Erhard)
Die Hauptdarstellerinnen des Dreiteilers "Kudamm 56". (obs/ZDF/Stefan Erhard)
Mehr zum Thema

Johanna Holmström: "Asphaltengel" Mitreißendes muslimisches Coming-of-Age

Drehbuchautorin Annette Hess "Ich bewege mich gern in fremden Welten"

Geschichte geht in Serie Von Drittem Reich bis Mauerfall - deutsche Vergangenheit in der Fernsehfiktion

Mutter Caterina Schöllack führt am Kudamm Nr. 56 eine Tanzschule.  Doch hier geht es nicht nur um Tanz, sondern vor allem auch um Benimm und Betragen. Die strenge Tanzschulbesitzerin Schöllack, großartig mit stets leiser Stimme gespielt von Claudia Michelsen, ist von einer einzigen Sorge beseelt: ihre drei Töchter sollen endlich unter die Haube kommen.  Bei Helga hat das schon geklappt – sie heiratet einen künftigen Staatsanwalt.  Eva umgarnt ihren Chef, den wesentlich älteren Oberarzt einer Nervenklinik - nur Monika, gespielt von Sonja Gerhardt, bekannt aus "Deutschland 83", will in keines der vorgegebenen Rollenbilder passen: 

"Du bist einfach zu gar nichts zu gebrauche. Sie kann doch tanzen….du könnest sie doch unterrichten lassen, du sparst einen Tanzlehrer, ja, Mutti ich kann doch tanzen. Du wirst eines Tages noch der Grund sein, warum ich mit dem Strick auf den Dachboden gehe!"

Claudia Michelsen spielt die gestrenge Mutter derartig überzeugend, dass es zum Fürchten ist. Die Figur der Caterina Schöllack ist voller unterdrückter Scham und Schuldgefühl, ihre eigenen Ängste und Versäumnisse projiziert sie in die drei Töchter hinein. Und ihre oberste Devise ist natürlich:  Ja nach den gesellschaftlichen Regeln spielen, vor allem natürlich in der Tanzschule:  

"Ist das etwa Nagellack…..Das möchte ich nie wieder sehen!"

Frauen in gesellschaftlicher Enge

"Kudamm 56" ist von den Kostümen und Kulissen her sorgfältig ausgestattet, das hat man in dieser Liebe zum Detail allenfalls in "Mad Men" schon einmal so gesehen. Das eigentlich spannende Moment an "Kudamm 56" sind aber die vier weiblichen Charaktere: Nur selten sieht man im Fernsehen und Kino Frauen als Hauptfiguren in jener Zeit. Bedrückend muss es damals gewesen sein, als Frauen damals kaum herauskamen aus der gesellschaftlichen Enge. Selbst in der Ehe hatten sie nach den Regeln der Männer zu spielen. Helga, die frisch verheiratete Tochter, wird von ihrer Schwiegermutter beiseite genommen:

"Helga … Sie müssen wissen, ich bin mit der Wahl meines Sohnes einverstanden…Danke! Aber ich möchte doch gern ein paar Grundsätzlichkeiten klären: Mein Sohn neigt zur Strenge, er ist so erzogen worden. Er wird keine Unordnung dulden und keine Schlampereien, bei Pünktlichkeit oder Zubereitung der Speisen. Es ist möglich, dass sich nicht alles so romantisch gestaltet, wie Sie sich das vorstellen."

Die Hauptfigur der Serie, Tochter Monika, muss viel durchstehen: Erziehungsheim und Vergewaltigung, den Kampf gegen die bigotte Mutter und misogyne Männer. Nachdem Monika vom Fabrikantensohn Joachim Frank, gespielt von Sabin Tambrea, missbraucht wurde, hält ihre Mutter zunächst noch zu ihr: 

"Er hat mich festgehalten, ich wollte das nicht. Ich wollte nicht, dass….wer? Wer, Monika, wer war das? Joachim Frank, sie wollte ihm einen Kaffee machen in der Wohnung. O Gott, wir müssen das von einem Arzt feststellen lassen, was dir passiert ist, ist zig Frauen passiert, man überlebt das."

Vom Aschenputtel zur Rock ’n’ Roll-Tänzerin

Dann aber, nach einer Konfrontation mit Joachim Frank und seinem Vater, fällt Mutter Caterina Monika wieder in den Rücken. Monika wird sich trotz aller Widrigkeiten vom Aschenputtel in eine erfolgreiche Rock ’n’ Roll-Tänzerin entwickeln – dieser Handlungsstrang ist ein wenig vorhersehbar.

Die Drehbuchautorin Annette Hess erzählt, dass Grundlage der Serie Schilderungen und Briefe ihrer eigenen Mutter sind:   

"Diese Monika hat ein reales Vorbild, die hieß auch Monika, ein junges Mädchen, wo die Eltern meiner Mutter ihr gesagt haben, gib dich nicht mit der ab, verabrede dich nicht mit der, die poussiert mit Jungs rum, die liest Romane, das war ganz verpönt, meine Mutter hat das ganz wertneutral erzählt und durfte mit der Monika nicht spielen und ich bin dann drauf angesprungen, ich fand das faszinierend. Ich habe gedacht, die hätte ich gern gekannt, also mit der wäre ich gern um die Häuser gezogen, ne."

Doch "Kudamm 56"  geht weit über ein reines Familiendrama und "Coming of Age" Geschichte hinaus: Ähnlich wie in den hochgelobten amerikanischen Serien vermischen sich hier Privates und Politisches:  Unterdrückte Nazi-Schuld, Zwangsenteignung von jüdischem Eigentum, die Tabuisierung von Sex, auch die Kriminalisierung von Homosexualität oder die brutalen Methoden der damaligen Medizin. 

Immer wieder werden Filme über Jugendrevolten wie "Denn sie wissen nicht was sie tun" mit James Dean in der Serie zitiert. Im echten Leben ließ der ersehnte Aufbruch im muffigen Nachkriegsdeutschland noch ein paar Jahre auf sich warten. Richtige Veränderungen sollten erst in den sechziger Jahren kommen. "Kudamm 56" zeigt eindrucksvoll drei junge Frauen, die bereits früher aus der drangvollen Enge der gesellschaftlichen Verhältnisse ausbrechen wollen. 

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk