Sonntag, 14. April 2024

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Dresden Frankfurt Dance Company
Uraufführung von Godanis Tanzproduktion C.O.R.E.

"Creative Organization Reactive to Evolution" – oder kurz C.O.R.E. ist die zweite Tanzproduktion des italienischen Choreografen Jacopo Godani für Dresden Frankfurt Dance Company. Verhandelt werden darin die menschliche Evolution und der technische Fortschritt.

Von Elisabeth Nehring | 06.02.2016
    Die 15 Tänzer erinnern weniger an eine soziale Gruppe als eher an vorzivilisatorische Wesen. Wellenförmig biegen sich ihre Oberkörper, Arme und Beine greifen pflanzenhaft aus in den Raum. Organisch wirken ihre komplizierten Bewegungsmuster, manchmal auch animalisch. Die amorphe Masse entlässt immer wieder einzelne Tänzer zu Soli oder Duetten, in denen sie isoliert von den anderen ihre schnellen, komplizierten und in sich verdrehten Körperchoreografien ausführen. Die ins Halbdunkel getauchte, enge Blackbox schränkt den Bewegungsradius der Tänzer sichtbar ein. Und auch der akustische Raum, der aus verzerrten Stimmen und Industriesounds sowie an Science Fiction erinnernde musikalische Sprengsel besteht, scheint die lebendigen Wesen auf der Bühne in ein computergeneriertes Programm einzupferchen.
    Choreograf Jacopo Godani verschränkt in seiner Tanzproduktion mit dem leicht monströsen Titel "Creative Organization Reactive to Evolution" – oder kurz C.O.R.E. – zwei in der zeitgenössischen Choreografie derzeit sehr beliebte Themen: die menschliche Evolution und den technologischen Fortschritt. Da bekommen wir in einer überlebensgroßen Animation die Entwicklung vom Vierfüßler zum aufrechten Gang erklärt oder können die Bewegungsabläufe eines Dinosauriers nachvollziehen. Auch choreografisch lassen sich diese Studien in manchen Momenten wiederentdeckten.
    Eine Stimme aus dem Off gibt dagegen immer wieder kurze Statements oder Befehle von sich: ‚from nothing to experience' etwa, oder: ‚confirmating presence in space' – in welchem Zusammenhang diese Sätze aber mit dem choreografischen Material stehen, ist nicht zu erkennen.
    Nun wurde zwar eine ‚vielschichtige und rätselhafte Arbeit' angekündigt, doch ist die Grenze zwischen ‚rätselhaft' und ‚zusammenhangslos' oft sehr fließend und hier wollen sich die verschiedenen visuellen und akustischen Elemente partout nicht zu einer sinnstiftenden Verbindung fügen.
    Zweite Tanzproduktion für die Dresden Frankfurt Dance Company
    Ganz offensichtlich möchte Jacopo Godani mit seiner zweiten Tanzproduktion für die Dresden Frankfurt Dance Company viel; ganz sicher steckt in diesem Abend eine Menge inhaltlicher Recherche und künstlerischer Sorgfalt. Das Problem ist nur, dass Thema und Choreografie so allgemeinplatz-artig verarbeitet werden, dass man vor lauter wechselnden Tänzer-Konstellationen, bedeutungsschweren Geräuschattacken und sinnentleerten Computerbefehlen gar nicht weiß, worum sich dieses Stück eigentlich dreht oder worauf es hinauslaufen soll.
    Denn nur selten gelingen Godani wirkliche eindrückliche Bilder, wie ganz zum Schluss, als sieben Tänzer im aufrechten Gang sieben andere auf allen Vieren wie an einer Leine führen. Nur einer von ihnen konnte sich schon mit den Händen vom Boden lösen und steht halb aufgerichtet mit nacktem Oberkörper neben seinem – ja, was? Begleiter, Peiniger? Auch die Bedeutung dieser Szene bleibt vollkommen offen, aber ihre Mehrdeutigkeit macht Sinn: Sie zeigt sowohl zwei Stadien der evolutionären Entwicklung, aber auch die gewaltigen Machtverhältnisse, die in ihrem Verhältnis zueinander schon angelegt sind.
    Solcherart Herausarbeitung eines spezifischen Moments bleibt Godani aber über weite Strecken schuldig – und hinterlässt so nur die Erinnerung an einen Abend, an dem sich weder Thema noch Tanz wirklichen entfalten konnten.