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StartseiteMusikjournalAushängeschild einer weltoffenen Kulturstadt 12.11.2018

Dresdner SinfonikerAushängeschild einer weltoffenen Kulturstadt

Die Gründer der Dresdner Sinfoniker wollten schon vor 20 Jahren neue Akzente im Klassikbetrieb setzen. So gab es Kollaborationen mit Bands wie Rammstein oder den Pet Shop Boys. Inzwischen gilt das Orchester als politisch - und als musikalischer Kontrapunkt zu AfD und Pegida.

Von Claus Fischer

Die Dresdner Sinfoniker stehen auf der Bühne nach der Aufführung des Konzertprojektes «Aghet» im Schauspielhaus Hellerau in Dresden (Sachsen) am Abend des 30.04.2016. Das Konzertprojekt «Aghet» zu den Massakern an den Armeniern 1915 ist bei seiner Aufführung in Dresden stürmisch gefeiert worden. ... (dpa / picture alliance / Martin Morgenstern)
Die Dresdner Sinfoniker wurden bei der Aufführung des Konzertprojektes "aghet" gefeiert (dpa / picture alliance / Martin Morgenstern)
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"Sie stellen sich nicht einfachen Themen, die sie einfach über die Musik und Schauspiel usw. versuchen zu transportieren."

So beschreibt Maria Schneider das, was die Dresdner Sinfoniker einmalig macht. Die Schlagzeugerin hat sich ganz bewusst für dieses Orchester entschieden, weil sie dort "durch die Musik" ihre politischen Anliegen öffentlich vertreten kann.

"Als klassische Musikerin hat man das nicht so oft!"

Die Mitglieder des Orchesters, betont der Gründer und Spiritus Rector der Dresdner Sinfoniker Markus Rindt, haben alle ein Gespür für die Probleme der Gegenwart.

Neue Akzente im konservativen Klassikbetrieb vor 20 Jahren

Ein dezidiert politisches Orchester hatten Markus Rindt und der Komponist und Arrangeur Sven Helbig bei der Gründung vor 20 Jahren nicht im Sinn. Wohl aber eines, so Markus Rindt, das im etablierten, konservativen Klassikbetrieb neue Akzente setzen sollte.

"Wir hatten uns damals zusammengesetzt, um eine Band zu gründen, das war der ursprüngliche Gedanke. Bei diesem Treffen kam dann irgendwann die Idee: Machen wir doch gleich ein Orchester draus!"

Die Ausgangsbedingungen dafür in Dresden waren günstig.

"Wir haben da ja schon mal ganz hervorragende Orchester wie die Dresdner Philharmonie und die Staatskapelle Dresden. Natürlich war von Anfang an klar: Wir möchten Musiker aus allen möglichen Orchestern Deutschlands holen und auch aus Europa! Es sind auch viele Freiberufler da, die spezialisiert sind auf zeitgenössische Musik, das ist klar."

Durchbruch mit Rammstein

Im Jahr 2003 sorgten die Dresdner Sinfoniker erstmals international für Aufsehen. Der Komponist Torsten Rasch hatte damals Titel der Berliner Band Rammstein für das Orchester arrangiert, Solisten waren der Bass René Pape und die Schauspielerin Katharina Thalbach, erzählt Markus Rindt.

"Die Idee war damals von Sven Helbig, denn er hatte mit der Band Feeling B, aus der Rammstein hervorgegangen ist, zusammengespielt."

Die CD-Produktion unter dem Titel "Mein Herz brennt" wurde ein Bestseller. Daraus, erwuchs dann ein Jahr später das nächste spektakuläre Projekt, mit einer anderen prominenten Band.

"Die Pet Shop Boys hatten diese CD sich gekauft in London, aufgrund einer Rezension im 'Spectator'. Das hat ihnen so gut gefallen, dass sie uns dann kontaktiert haben, ob wir mit ihnen eine Neuvertonung des Stummfilms 'Panzerkreuzer Potemkin' machen könnten."

Daraus ergaben sich eine weitere CD-Produktion und eine Tournee um die halbe Welt. Deren "Höhepunkt" im wahrsten Sinne des Wortes war ein Hochhauskonzert in der Prager Straße in Dresden, das sich hauptsächlich an den Fenstern von rund 70 Wohnungen abspielte.

"Jeder Musiker bei einer anderen Familie, der Dirigent auf einem Kran davor in 35 Metern Höhe hat er dann das Haus dirigiert und die 'Pet Shop Boys' oben auf dem Dach!"

Zum politischen Orchester durch Marc Sinan

Nach der "Hochhaussinfonie" stieg Mitbegründer Sven Helbig bei den Dresdner Sinfonikern aus, um mehr Zeit für seine eigenen Projekte zu haben. Im deutsch-türkisch-armenischen Gitarristen Marc Sinan fand Markus Rindt einen neuen kongenialen Partner. Sinan ist inzwischen so etwas wie der "Composer in Residence" des Orchesters. An Markus Rindt schätzt er besonders, wie er Kreativität und Hartnäckigkeit miteinander verbindet.

"Die Idee ist der zentrale Punkt für ihn! Und die wird dann auch durchgeritten bis man sie auf die Bühne gestellt hat!"

Durch Marc Sinan wurden die Dresdner Sinfoniker zum "politischen Orchester", sagt Markus Rindt. Das Konzertprojekt mit dem Titel "AGHET", an dem deutsche, türkische und armenischen Musiker beteiligt waren, erzürnte den türkischen Staatspräsidenten Erdogan, weil es deutlich den Völkermord der Türken an den Armeniern anprangerte und dessen Aufarbeitung anmahnte. Der Auftritt des Orchesters in der Türkei wurde verboten. Die Konzerte in Deutschland und Armenien fanden allerdings statt, sagt Marc Sinan, der es heute nicht mehr wagt, in die Türkei einzureisen, und sie haben ihre beabsichtigte Wirkung nicht verfehlt.

"Mich interessiert der Skandal O-Ton Sinan überhaupt nicht! Mich interessiert die Kunst, so! Wenn dann der Skandal da ist, dann möchte ich ihn bitte nutzen dafür, dass die Menschen uns zuhören."

Musik an Trumps Mauer

Die große Resonanz auf "AGHET" inspirierte Markus Rindt und seine Mistreiter im vergangenen Jahr zum nächsten spektakulären Projekt: Einem Konzert an der Grenze zwischen den USA und Mexiko, wo bereits eine Sperranlage steht, wie sie Präsident Trump für die komplette Grenze vorschwebt.

"Ursprünglich wollte ich es ja so machen, dass wir von beiden Seiten spielen", erzählt Markus Rindt.

"Musiker auf der amerikanischen Seite, Musiker auf der mexikanischen Seite und dass wir dann die Mauer dazwischen nehmen. Das hat aber nicht geklappt, weil die amerikanische Seite das dann verboten hat."

Aushängeschild einer weltoffenen Kulturstadt

Auch das Projekt "Tear down this wall" sorgte weltweit für Schlagzeilen. Und Markus Rindt hatte wieder sein Ziel erreicht, nämlich mit dem Medium Musik auf Missstände aufmerksam zu machen. Diese Mission, meint er augenzwinkernd wird er auch so lange er kann, verfolgen. Momentan wirken einige Mitglieder der Dresdner Sinfoniker beim aktuellen Projekt von Marc Sinan "I exist" mit. Darin geht es um die Vernichtung der Sinti und Roma in der NS-Zeit, aber auch um die indischen Wurzeln dieser beiden Völker. Demnächst ist wieder ein orchestrales Großprojekt geplant, dass sich – so viel kann man schon sagen - mit dem Klimawandel auseinandersetzen wird. Marc Sinan ist dankbar, dass er es mit Markus Rindt konzipieren darf.

"Ich glaube, dass er - mehr als irgendjemand den ich kenne in dem Kontext von zeitgenössischer Musik - ein Gefühl dafür hat, was Menschen hören wollen, was die neugierig macht, was die bewegt. Das hat was damit zu tun, dass er das Allerbeste verkörpert, was aus Dresden kommen kann, nämlich die unglaubliche Neugier!"

Damit, so Marc Sinan, verkörpert Markus Rindt im Verein mit seinen Musikern den perfekten Gegenpol zu AfD und Pegida. Es wäre zu wünschen, dass dieses Potenzial als Aushängeschild einer weltoffenen Kulturstadt auch im Dresdner Rathaus stärker wahrgenommen und entsprechend gefördert wird!

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