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StartseiteTag für Tag"Mir tun die Kleriker leid"22.04.2019

Drewermann über die katholische Kirche"Mir tun die Kleriker leid"

Hätte man damals sein Buch über Kleriker ernst genommen, wären viele Missbrauchsfälle verhindert worden. Davon ist der Theologe und Psychotherapeut Eugen Drewermann überzeugt. Jetzt ist eine neue Ausgabe von "Kleriker. Psychogramm eines Ideals" erschienen. Drewermann sagte im Dlf, auch Täter seien Opfer.

Eugen Drewermann im Gespräch mit Christiane Florin

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 Eugen Drewermann, Theologe und Psychologe, aufgenommen am 08.03.2002 in der ZDF-Sendung "Nachtstudio" in Berlin.  (picture alliance / dpa / Klaus Franke)
Eugen Drewermann, Theologe und Psychologe (picture alliance / dpa / Klaus Franke)

Christiane Florin: Auf dem Studiotisch liegt ein gewaltiges Buch. "Kleriker, Psychogramm eines Ideals" heißt es. Es ist 30 Jahre alt, geschrieben hat es ein Theologe, ein katholischer Priester, ein Psychoanalytiker. Aber was er zu sagen hatte, war offiziell unterwünscht. 1991 verlor der Autor seine kirchliche Lehrerlaubnis. Jetzt gibt es eine Neuauflage des Buches mit einem frischen Vorwort und es gibt sogar frisches klerikales Lob. Eugen Drewermann, so heißt der Autor, sei ein Prophet, sagte kürzlich ein Bischof. Vor dieser Sendung habe ich mit Eugen Drewermann gesprochen. Herr Drewermann, warum wollten Sie römisch-katholischer Priester, also Kleriker, werden? Sie sind 1966 geweiht worden.

Eugen Drewermann: Ich hatte als Kind vor, nach Albert Schweitzers Modell irgendetwas zu tun, das sinnvoll ist. Und beides mochte ich eigentlich – Priester und Arzt werden. Priester zu sein entspricht mir, wenn darunter verstanden wird, Seelsorge für Menschen in Not zu betreiben. Das hielt ich damals für noch viel wichtiger als Arzt zu sein. Davon haben wir genügend. Die sind gut dotiert und anerkannt in der Gesellschaft. Aber wer kümmert sich um das stumme Leid von Menschen, die keine Worte haben? Wie erwärmt man die Seele von Menschen, denen die Gefühle erkaltet wurden? Das sind Fragen, die mich als Jugendlicher schon beschäftigt haben, die ich in der Literatur vor allem wiedergefunden habe. Französischer Existenzialismus, russische Literatur war damals mein Anliegen. Und das steht vor allem bei Dostojewski. Der Grundgedanke Christentum besteht darin, Menschen zu verstehen und durch verstehen zu sich selbst zu führen.

"Dass die Kirche Freiheit liebte - darin habe ich mich getäuscht"

Florin: Und warum glaubten Sie, dass in der Katholischen Kirche der 60er Jahre – vor dem Konzil, haben Sie ja Ihr Studium angefangen – in der Katholischen Kirche der 60er Jahre leben zu können? Gab es dafür Vorbilder?

Drewermann: Ich hatte gehofft, es würde welche geben. Natürlich gab es Jesuiten, Teilhard de Chardin, Karl Rahner. Die waren sehr fern, aber glaubten doch den Eindruck vermitteln zu können, dass die Katholische Kirche Dialog und Freiheit liebte. Und darin freilich habe ich mich getäuscht.

Papst Pius XII.sitzt am Schreibtisch (undatiertes Foto). (dpa / picture alliance / epa ansa Ettore Ferrar)Papst Pius XII. (undatiertes Foto). (dpa / picture alliance / epa ansa Ettore Ferrar)

Florin: Welches Priesterbild wurde Ihnen im Studium vermittelt?

Drewermann: Eigentlich noch das aus der Zeit von Pius XII. Das war sehr streng, vor allem, was die Sexualmoral anging. Man nahm die Katholische Kirche damals ernst. Man nahm auch ihre Dogmen ernst. Und das wurde dann mein Anliegen, die Inhalte so zu interpretieren, dass sie nicht mehr der Verurteilung und der Gehorsam, Nachsprechbarkeit dienlich sind, sondern dem eigenen Denken, dass sie sich symbolisch mitteilen, dass sie Liebe vermitteln statt Strenge, Moral, Schuldgefühle und endlose Zwänge. Diese Umarbeitung ist ja bis heute in meinen Arbeiten im Gange.

"Ich habe wenig zu bedauern"

Florin: Sie waren Priester. Wir müssen in der Vergangenheit reden. Sie sind 1992 suspendiert worden. War das für Sie eine Strafe?

Drewermann: Nein. Mir tun die Menschen leid, denen ich in der Kirche helfen wollte und die an der Kirche leiden. Und mir tun auch die Vertreter der Kirche leid, mein eigener Bischof in Paderborn, Kardinal Ratzinger. Ich begreife deren Angst, deren Not, deren Pflichttreue, deren Gebundenheit an die heilige Tradition, weil ich selber darin großgeworden bin. Man muss darüber hinauswachsen dürfen und man muss die Erlaubnis geben, dass das gewünscht ist im Sinne Jesu und die Kirche nicht das Recht hat, der Sache des Mannes aus Nazareth und der Freiheit der Menschen im Wege zu stehen. Dass die Kirche so sein wollte, hat mir sehr leidgetan. Ich selber fand mein Anliegen berechtigt – bis heute. Und da habe ich wenig zu bedauern.

Florin: Nachdem Sie ein Predigtverbot bekommen haben vom damaligen Erzbischof von Paderborn, Degenhardt, haben Sie gesagt: "Es wird mit sofortiger Wirkung eine Personalgemeinde Drewermanns geben." Diese Personalgemeinde Drewermann die gibt es bis heute. Was macht diese Gemeinde aus?

Drewermann: Wenn Leute meine Vorträge hören, Bücher lesen, möchte ich so sprechen und schreiben, dass sie sich in ihren eigenen Gefühlen, ihrer Biografie, ihrem Denken verstanden, unterstützt, begleitet, ermutigt fühlen. Es dreht sich für viele dann die Welt, von den Unfreiheiten, von den Abhängigkeiten, in denen sie groß geworden sind, und sie entdecken plötzlich die Sache Jesu noch einmal ganz neu. Sie entdecken sich selber. Sie fangen an zu verstehen. Und das ist etwas Faszinierendes. Das möchte ich erreichen. Und dann sitze ich oft vor dem Blatt Papier und frage mich: Wie müsste ich reden mit der Frau, die vor ein paar Tagen bei mir war oder mit dem Mann? Welche Worte hat der gebraucht? Welche würde er bestimmt nicht verstehen, aber welche würden ihn berühren? Wie verdichtet man so, dass es durch die Mauern dringt und wieder Licht durchscheinen lässt?

Vorwürfe des Bischofs

Florin: Der Erzbischof von Paderborn hat Ihnen damals vorgeworfen, das, was Sie lehrten, das sei nicht mehr katholisch. Er hat das so begründet:

"Ich will nur ein paar Punkte nennen. Einmal, was die Offenbarung angeht, dann was die Geschichtlichkeit der Erlösung angeht und die Person Jesus Christus, seine Menschwerdung und seine Einzigartigkeit. Das sind einige Dinge, die also nicht direkt zu tun haben damit, dass er Psychotherapie und Theologie verbinden will. Darum geht es nicht, sondern es geht darum, ob eben diese Glaubensaussagen von Ihnen auch so dargestellt werden, dass man sie als katholische Aussagen betrachten kann."

Florin: Aber es ist kein Geheimnis, dass es auch um Ihr Buch "Kleriker" ging, um dieses Buch, das vor 30 Jahren erschienen ist, um die psychische Macht, um diese Neurosen, wie Sie es genannt haben, die in der Kirche verbreitet werden. Warum war dieses Buch gefährlich?

Drewermann: Es klingt so, als wenn ich da besonders originell wäre. Sigmund Freud hat in den 30er Jahren sein Buch geschrieben über die Massenpsychologie. Da vergleicht er die Kirche, die österreichische, wie er sie kennengelernt hat, mit dem Militär und ordnet beiden Großsystemen Unterwerfungsgehorsam in Ausrichtung auf die Befehl ausgebenden Instanzen zu. Man redet nicht miteinander, man steht stramm. Parallels führt es sich auf wie in der Katholischen Kirche. Auch sie ist eine Militia Christi, eigentlich im Kampf gegen den Teufel. Da ist absolute Büße aufgestellt. Und sie ist so organisiert, dass dabei Eigenentfaltung, Persönlichkeit, so etwas wie Liebe, wie Empathie, wie Sensibilität kaum noch gewünscht werden.

"Ich verdanke der Kirche wirklich viel"

Florin: Trotzdem wollten Sie Teil dieser Kirche sein?

Drewermann: Ich wollte in der Kirche ändern, was nötig wäre, um im Sinne Jesu auf die Menschen zuzugehen. Ich denke, zur Religion kommt dann jeder in eigener persönlicher Gewissensentscheidung. Und die muss man ihm überlassen – was da gerade dran ist. Es gibt Leute, die sind meinetwegen in die Katholische Kirche eingetreten. Manche sind da ausgetreten. Ich kann zu gar nichts raten, außer, dass man vor Gott frei wird. Und dann ist es nicht die Frage: Welcher Konfession, welcher Organisation gehört man an? Sondern: Wie nah ist man bei sich selber und den Menschen an seiner Seite? Das wollte ich. Und da konnte die Kirche mir zum Teil behilflich sein. Ich verdanke ihr wirklich viel. Und manches, was sie hätte gerne verhindern wollen, kann sie bei mir nicht verhindern.

Florin: Nun gibt es jetzt eine Neuauflage dieses Buches mit einem neuen Vorwort von Ihnen. Schon der erste Satz ist überraschend, zumindest, wenn man Sie unter diesem Schlagwort "Kirchenkritiker" kennt. Da schreiben Sie: "Die Kleriker leiden am meisten an der katholischen Kirche." Warum der Superlativ?

Drewermann: Ich unterstelle, dass Kleriker die Kirche ernst nehmen, dass sie sich damit identifizieren, dass sie das Amt nicht nur aus Spieltrieb oder Karrieresucht ausüben, sondern aus dem, was man Berufung nennt, an die sie wirklich glauben. Und sie merken nicht, dass vieles an Gehemmtheiten, an Unterdrückungen unter dem Titel Reinheit, Gehorsam und Armut in allen drei Triebbereichen ihnen weggenommen wird. Und dass die Unfreiheit dann überhöht und verklärt wird zu einer besonderen Erwählung durch Gott, wie der Name ja, Kleriker, schon sagt. Die Idealbildungen der Kirche sind nicht auf persönlicher Entfaltung ausgerichtet. Historisch kann man sagen, sie stammen in großen Teilen aus dem 11. Jahrhundert, aus der Cluniazensischen Reform. Der ist kein Vorwurf zu machen. Es gab noch im 16. Jahrhundert so was wie Psychologie nicht entfernt. Dass es so gekommen ist, ist nicht anzuklagen. Dass es so geblieben ist und man jede Welle der Erneuerung, der Aufklärung von der Reformation über ein halbes Jahrtausend, über die Aufklärung im 18. Jahrhundert, die Psychologie im 19. Jahrhundert, die Psychoanalyse im 20. Jahrhundert, den Feminismus endgültig im 21. Jahrhundert, verweigert und Verweigert mit fertigen Schablonen, das alleine ist in seiner Unflexibilität selber schon entwicklungsfeindlich und deshalb zerstörerisch und hemmend.

Missbrauch durch Verführung

Florin: Ihr Buch hat 900 Seiten. Wir können auch in einem längeren Gespräch nicht über alle Aspekte oder auch nur über die Mehrzahl der Aspekte sprechen. Ein wichtiger Punkt in Ihrem neuen Vorwort ist natürlich die sexualisierte Gewalt in der katholischen Kirche, auch ausgelöst durch die aktuellen Zahlen, die es dazu für Deutschland gibt. Wie ist zu erklären, wenn Sie dieses System so beschreiben, wie Sie es tun, dass laut dieser Studie im Auftrag der Deutschen Bischofskonferenz rund fünf Prozent der Priester Beschuldigte sind, 95 Prozent aber nicht. Was machen diese 95 Prozent anders?

Drewermann: Das ist eine sehr schwierige Frage. Zunächst, wer von sexueller Gewalt hört, denkt zum Beispiel an die Gewaltzufügung in der Ehe, der Mann gegenüber der Frau, manchmal auch umgekehrt. Davon ist gerade nicht die Rede. Ich behaupte, dass die Missbrauchsfälle, die begangen werden von Klerikern, katholischen, nicht mit physischer Gewalt ausgeübt werden, sondern durch Verführung. Das ist eine..

Florin: Aber Sie schreiben auch: "Verführung ist Vergewaltigung."

Drewermann: Absolut. Nur sie ist innerlich und deshalb fast unwiderstehlich. Die Opfer dieser Gewalt haben am Ende das riesige Problem, nicht nur, dass sie mal verführt wurden in einem Zeitabschnitt, wo sie dafür noch nicht reif waren vermutlich, sondern dass sie große Schwierigkeiten haben sich abzugrenzen. Selbst im Rückblick. Was habe ich selber gewollt, wann hätte ich nein sagen müssen, wann konnte ich überhaupt nicht nein sagen? Und die Zerstörung des Idealbildes. Der Priester wurde aus der Perspektive eines katholisch erzogenen Jugendlichen betrachtet als Vermittler göttlichen Heils. Er saß im Beichtstuhl. Er vergab die Sünden. Wie hätte man glauben können, dass er das Handwerk der Verführung sei?

"Man verführt keine Kinder, ohne dass man selbst unreif geblieben wäre"

Die andere Perspektive ist genauso fatal. Ich kenne keinen Priester und ich behaupte, es gibt auch keinen, der sich weihen lässt in der Absicht, später solche Handlungen zu begehen. Das passiert. Das ist eine Tragödie, die sich lange vorbereitet. Die Vokabel am einfachsten dafür ist "Wiederholungszwang" oder "Wiederkehr des Verdrängten". Da ist etwas lange unterdrückt worden. Das wurde mit heiligen Vokabeln, mit Askese, mit allen möglichen Transformationsprozessen die Sublimation aus dem Triebbereich ins Geistige verlagert. Das wurde rationalisiert. Man war auf der Flucht vor sich selber und konnte nicht wissen, dass all das, hinterherlaufend wie ein Schatten, irgendwann den Flüchtling einholen würde. Es wartet förmlich auf eine Gelegenheit, jemandem zu begegnen, der genauso hilflos ist, wie der Betreffende, der dann handelt. Man verführt keine Kinder, keine Jugendlichen, ohne dass man selber unreif geblieben wäre. Das ist so fatal, weil subjektiv es ganz schwer ist, aus der Falle herauszukommen, wenn man erst mal drin ist.

Ein Strafgesetzbuch, eine Strafprozessordnung und ein Buch zum Strafrecht stehen und liegen am 06.08.2014 in Berlin im Kriminalgericht Moabit im Gerichtssaal 700. (picture alliance / dpa / Jens Kalaene )Gerichtssaal im Berliner Kriminalgericht Moabit, im Vordergrund ein Strafgesetzbuch, eine Strafprozessordnung und ein Buch zum Strafrecht (picture alliance / dpa / Jens Kalaene )

Florin: Aber, wenn Sie sagen, Tragödie, Leiden, damit machen Sie auch die Täter zu Opfern.

Drewermann: Absolut. Und das meine ich jetzt in vollem Ernst. Vielleicht eine Gelegenheit, mal über unsere Art des Strafrechts nachzudenken, über unsere Schuldsprüche, über unsere zweiwertige Moral. Simpel gesagt, wir teilen die Welt in zweiwertiger Logik nach Gut und Böse ein. Wir unterstellen praktischerweise auch, dass die Menschen frei sind. Und, wenn sie wissen, was Gut und Böse ist und tun trotzdem das Böse, in Freiheit, wie wir annehmen, sind sie zu bestrafen. Und je schlimmer das Vergehen, desto strenger. Das ganze bürgerliche Bewusstsein ist darauf aufgebaut. Das Christentum denkt vollkommen anders. Auch die Botschaft Jesu ist eine völlig andere. Die Menschen, die Böses tun, sind nicht böse. Sie wollen das nicht. Sie sind im Grunde wie Verlorene, Verlaufene, Verzweifelte. Und wie geht man sie jetzt suchen, um sie zurückzuholen? Das wäre die Aufgabe, aber nicht den Stab über sie zu brechen oder auf sie draufzuhauen.

"Wir hätten viele Motive, das Strafrecht zu ändern"

Florin: Aber Priester sind ja nun auch Bürger dieses Staates und damit auch dem Strafrecht unterworfen. Heißt das, Sie halten es für ganz richtig, wenn die nicht angezeigt werden von der Kirche?

Drewermann: Ich halte eines für notwendig: dass wir aus den Tragödien des sogenannten Bösen, aus der Hilflosigkeit und Verlorenheit der Menschen viele Motive hätten, das Strafrecht insgesamt zu ändern. Die Neurologie beispielsweise bezweifelt, dass es Freiheit überhaupt gäbe. Das Christentum definitiv erklärt, dass Menschen gar nicht gut sein können, einfach, weil sie wollen, dass sie unfrei sind, solange sie die Opfer ihrer Ängste bleiben, dass sie zu einem Vertrauen geführt werden müssten, das ihnen eine innere Identität und dann zu einer Freiheit führen könnte, die überhaupt eine Wahlmöglichkeit erlaubt. Menschen, die glücklich sind, wollen nichts Böses mehr.

Die Kirche ist in dem Dilemma, dass sie bisher die Kleriker verborgen hat vor der Öffentlichkeit, um sich selber zu schützen. Jetzt dreht sie es um und liefert sie aus an die Öffentlichkeit, um selber als integer zu erscheinen. Beides ist nicht richtig. Wir müssten den ganzen Ansatz ändern. Und dann könnten wir mit Augustinus mal ein wunderbares Wort gebrauchen: "Ich möchte heilen, nicht verklagen." Das wäre christlich von Grund auf und es würde den ganzen Staat ändern. Es würde die bürgerliche Selbstgewissheit ändern. Wir würden uns öffnen zu einem Verstehen.

Florin: Aber die Bundesrepublik ist nun kein christlicher Gottesstaat oder kein Jesusstaat. Also, noch mal, wir haben ja ein Strafrecht, und wenn Sie mit Betroffenen sprechen, dann fordern die auch, dass Verantwortliche zur Verantwortung gezogen werden. Ist das alles falsch, Ihrer Ansicht nach?

Leute, die an sich selber leiden

Drewermann: Das eine ist, dass man Menschen braucht, die verantwortlich handeln, denken, leben können. Das sind erwachsene Menschen, gereifte Persönlichkeiten. Das sind nicht irgendwo stehengebliebene Kinder, die selber der eigenen Dynamik ihrer Biografie ausgeliefert sind. Das meint man inzwischen auch im Strafrecht. Ich habe nach einem Vortrag dieser Art mal gehört in einer Gruppe von Richtern: "Wir wollen gar nicht strafen. Wir möchten Hilfe zur Besserung leisten."

Florin: Und inwiefern sind Sie der Ansicht, dass die Kirche gerade die Täter oder die Beschuldigten der Öffentlichkeit ausliefert? Welche Täter fallen Ihnen da ein?

Drewermann: Dazu wird sie jetzt verpflichtet. Sie muss alle Akten offenlegen. Das beschließt sie selber, schon damit die Geheimniskrämerei aufhört. Und das wäre ja richtig. Es ist nicht möglich, dass man Leute, die an sich selber leiden und in schlimmster Weise andere leiden lassen im Verborgenen weiterwirken lässt, zur Qual für sich und alle Beteiligten. Das gehört in die Hände von Beauftragten, die zur Hilfe wirklich zur Verfügung stünden. Aber es geht nicht mit polizeilicher Verhaftung, mit Strafrecht in klarer Ordnung, dies gehört sich nicht und wird bestraft, unter dem Hohn der Öffentlichkeit und der ganzen Seiten, die die "Bild"-Zeitung dem Vatikan widmet, was jetzt zu tun wäre. So geht es nicht. Wir kriegen nicht die Gesundheit der Bevölkerung frei von Cholera, indem wir absteigen in die Kanalisationssysteme.

Florin: Aber so ist nun mal ein Rechtsstaat.

Drewermann: Ein Rechtsstaat hat als allererstes vor Augen die Würde des Menschen. Und dann hat er nötig im 21. Jahrhundert, kennenzulernen, was wir über den Menschen wissen. Wir haben heute so viele Formen der Psychotherapie, der Einfühlung, der Umgangsweisen mit Tragödien. Wir müssten uns nur zugeben, dass unsere Ethik, die wir tradiert haben, viel zu flach ist, als dass sie den Menschen gerecht werden könnte.

Wo bleiben die Opfer bei dem Mitleid?

Florin: Kürzlich sprach ich mit einem von Missbrauch Betroffenen – heute ein erwachsener Mann. Und der sagte: "Der Täter" – der Priester in seinem Fall – "hat mir die Würde versucht zu nehmen." Also, es gibt doch natürlich auch die Würde der Opfer. Wo bleiben die bei dem Mitleid mit den Klerikern?

Drewermann: Absolut. Als allererstes haben die Opfer ein Recht, wirklich einen Anspruch – nicht auf Wiedergutmachung jetzt finanziell, das ist das Banale –, aber auf Verständnis.

Florin: Aber auch nicht unwichtig.

Drewermann: Klar, es ist eine Anerkennung, aber eine äußerlich symbolische. Wirklich durchzuarbeiten ist, was sie erlebt haben. Und dann wird man feststellen – und jetzt sehr rasch und idealtypisch gesprochen –, dass mit dem Bedürfnis "der andere, der mich verletzt hat, muss jetzt auch verletzt werden, indem er bestraft wird", sich alles nur im Kreise dreht. Wer über ein Vergehen dieser Art hinausreift, der beginnt sich selber zu verstehen in seiner Hilflosigkeit von damals. Und das ist, wenn es gutgeht, identisch damit, auch die Hilflosigkeit dessen zu verstehen, der es ihm angetan hat. Und wirkliche Versöhnung mit sich selber ist identisch mit der Versöhnung dann auch des anderen. Das ist jetzt nicht ein schönes Wort. Das ist in der Psychotherapie unendlich wichtig, dass man nicht dabei stehenbleibt "das ist mir passiert vor 50 Jahren, ich leide heute noch darunter". Es gilt durch Einsicht, durch Verstehen in sich selber, zugleich mit dem anderen das Terrain des menschlich Verbindenden so zu verstärken, dass der Ausschluss überflüssig wird.

Florin: Der Freiburger Theologe Magnus Striet sagte in dieser Sendung "Tag für Tag" vor einigen Monaten:

"Es ist ganz klar, wenn das Buch "Kleriker" von Eugen Drewermann damals intensiv gelesen worden wäre, und zwar von Verantwortungsträgern, dann wäre Missbrauch teilweise verhindert worden."

Florin: Stimmen Sie Herrn Striet zu?

"Unsichtbare Opfer des Zölibat-Systems"

Drewermann: Das glaube ich unbedingt. Es wäre vieles verhindert worden. Was bis heute nicht besprochen wird, ist, was die Frauen zum Beispiel machen, die sich in einen Priester verliebt haben, von ihm verführt wurden, was mit den Priesterkindern ist, wie viele eine glühende Liebe abbrechen mussten, um den Priester zu schützen, damit er in seinem Beruf nicht gefährdet wird. Das sind alles unsichtbare Opfer des Zölibat-Systems, das nicht menschlich ist und auch im Sinne Jesu eine absurde Sache zwischen der Liebe zu Gott und der Liebe zu den Menschen aufrichtet. Ich erinnere daran, dass der Zustand, in dem Menschen gequält werden, bis ins Innerste hinein mit endlosen Schuldgefühlen, mit Unfreiheiten und Zwängen bis in den Intimbereich hinein keine Zukunft zu gewinnen ist. Das wollte man nicht hören. Jetzt rächt sich das furchtbar.

Florin: Leben Sie selbst zölibatär?

Drewermann: Ich lebe so, dass ich denke, am meisten dem zu entsprechen, was man unter Liebe zu Menschen versteht. Das ist nicht festzulegen auf eine Ordnung, die im Kirchensinn sich fixiert auf "hältst du Abstand zu einer Frau oder nicht". Es geht um Liebe. Es geht nicht um Regeln, die von außen her zu dokumentieren wären. Ich habe das auch in dem Kleriker-Buch geschrieben. Der Sinn des Zölibats liegt ja nicht in einer abstrakten Enthaltsamkeit. Er liegt darin, dass man so liebt, dass es dem anderen guttut. Dazu gehört Enthaltsamkeit, ja. Freud schreibt das sogar in der Psychoanalyse als strenge Regel, mit freischwebender Aufmerksamkeit der Enthaltsamkeitsregel zu folgen. Ein Mensch wird nicht missbraucht, auch nicht für die eigenen Bedürfnisse und Triebzielsetzungen. Es geht um den anderen. In dem Sinne bemühe ich mich sehr, dem Zölibat zu entsprechen.

"Wir haben zu starre Regeln für alles"

Florin: Nun sind im Moment in der katholischen Debatte einige Reformvorschläge auf dem Tisch. Bischöfe stellen öffentlich den Zölibat infrage und schließen sogar Priesterinnen nicht mehr für alle Ewigkeit aus. Ist das ein Anfang?

Drewermann: Das ist ein Anfang, nur er müsste wieder reifen. Er ist nicht als grüne Revolution von oben per Dekret des Papstes auf Kommando durchzusetzen in der Kirche. Wir haben zu starre Regeln für alles. Und das tut Menschen nicht gut. Eine der Vorstellungen der Katholischen Kirche ist, dass man eigentlich perfekt auf die Welt kommen müsste. Man darf Liebe nicht lernen. Sexualität ist als Erfahrung vor der Ehe, außerhalb der Ehe Sünde, schwere Sünde sogar. Das ist der alte Standpunkt. Homosexualität – schwere Sünde. Wir haben für alles fertige Normen. Womit wir nicht umgehen, ist die Reifung der Persönlichkeit in Versuch und Irrtum, ist die Anerkennung der tragischen Form des Scheiterns. Das alles gehört aber dazu. Da ist die griechische Tragödie im 5. Jahrhundert vor Christus weiter als wir 2000 Jahre nach dem Neuen Testament sind. So kann und darf es nicht bleiben.

Florin: Sie sind aus der Katholischen Kirche ausgetreten und geben ihr doch immer wieder eine Chance. Also, warum ist diese Kirche für Sie noch der Rede wert?

"Die Sache Jesu ist mir wichtig"

Drewermann: Nicht als Organisationsform. Die Sache Jesu ist mir wichtig, nicht in welcher Konfession man sie unterbringt. Das ist alleine schon ein Zwangsregiment. Aber die Katholische Kirche hätte eine gewaltige Bedeutung. Sie hat ja über 1,2 Milliarden Menschen, die sich ihr zurechnen. Sie hätte einen enormen Einfluss bis in die Weltpolitik hinein. Sie müsste nur das leben, was ihr eigenes Anliegen wäre.

Florin: Was ist das Anliegen?

Drewermann: Es steht bei Friedrich Schiller im Don Carlos. "Geben Sie Gedankenfreiheit." Man kann nur hinzufügen: Seelenfreiheit.

Florin: Wenn unser Gespräch gesendet wird, dann haben wir Ostern – Ostermontag. Was feiern Sie Ostern?

Drewermann: Ich glaube, dass es in dieser Welt nicht möglich ist, sich selber und dem, was man glaubt, treu zu bleiben, ohne eine Perspektive über den Tod hinaus. Im Raum der Natur sind wir nur Übergangswesen für den Energiehaushalt. Nicht wirklich gemeint, mehr durch Zufall hervorgebracht und im Grunde eine Nebensache für das große Schauspiel der Evolution. Es ist Gott, der möchte, dass wir sind, und dem wir zutrauen, in seine Hände hinein uns zu geben. Den Satz, den Lukas Jesus sprechen lässt, als er stirbt auf Golgota: "Lieber Vater, in deine Hände gebe ich mich jetzt ganz", ist das, was ich für Ostern glaube. Und das hilft, im Leben keine falschen Kompromisse zu machen.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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