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StartseiteSport am WochenendeDie Sucht nach dem Karriereende 01.09.2018

Drogen und AbhängigkeitDie Sucht nach dem Karriereende

Psychische Probleme, Drogensucht, Depression: Wenn die Karriere zu Ende ist, fallen Athleten vielfach in ein Loch. Bei einigen gibt es geradezu dramatische Lebensverläufe nach der aktiven Zeit. Wissenschaftler weisen schon lange darauf hin, dass es einen Zusammenhang zwischen Doping und Drogensucht gibt.

Von Jessica Sturmberg

Zweitplazierter Jan Ullrich (Team Deutsche Telekom), Gesamtsieger Marco Pantani (Team Mercatone-Uno) und Drittplazierter Bobby Julich (Team Cofidis) reißen jubelnd die Arme hoch (imago)
1998, Siegerehrung bei der Tour de France, Gewinner ist der Italiener Marco Pantani, neben ihm steht Jan Ullrich auf dem Podium als Gesamtzweiter. (imago)
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1998, Siegerehrung bei der Tour de France, Gewinner ist der Italiener Marco Pantani, neben ihm steht Jan Ullrich auf dem Podium als Gesamtzweiter. 2004 starb Pantani, wie es im offiziellen Autopsie-Bericht hieß, an einer Überdosis Kokain. Es gibt viele tragische Geschichten über Drogensucht und Abhängigkeit im Nachgang einer Karriere, die einst golden und erfolgreich schien. Jan Ullrich ist ein Beispiel, das in der heutigen Generation der Radprofis wie Marcel Kittel kritisch gesehen wird: 

"Ein Zeichen, dass man da vorsichtig sein muss"

"Sicherlich ist das auch ein Mahnmal, wenn man früh auch mit Drogen in Kontakt kommt, ob das jetzt wie in dem einen Fall vielleicht durch den Sport auch gewesen ist. Es ist in jedem Fall ein Zeichen, dass man da vorsichtig sein muss." Kittels Aussage im Dlf lässt erkennen, dass es trotz wissenschaftlicher Studien, die es schon lange gibt, weder eine umfassende Aufklärung, noch eine durchgreifende Prävention gibt. Lediglich die Ahnung, dass Profis vorsichtig sein müssen. Aber können sie das überhaupt? 

Wie kommt es dazu, dass es immer wieder Ex-Athleten mit Suchtproblemen nach dem Karriereende gibt? Der Sportsoziologe Christophe Brissonneau von der Universität Paris V Descartes beschäftigt sich schon lange mit dem Thema. Er hat über viele Jahre 55 Athleten, die in ihrer Karriere gedopt haben, umfassend befragt, ihre Karriereverläufe untersucht und seine wissenschaftliche Auswertung zusammen mit einem amerikanischen Kollegen in dem Buch "Doping in Elite Sports" aufgeschrieben.

"Die Menschen brauchen ein Gleichgewicht, sie müssen in ihrer Mitte sein. Sich mit Menschen treffen, ein bisschen das Leben genießen, Kinder bekommen, Arbeit haben, etwas erleben. Diejenigen, die neben ihrem Sport kein anderes Leben aufgebaut haben, wo das familiäre Umfeld den Umbruch nicht auffangen kann, die finden sich plötzlich alleine wieder und sind besonders anfällig für eine Drogensucht."

Im Fall von Jan Ullrich sieht Brissonneau genau das nicht gegeben, was es gebraucht hätte, um das abrupte Karriereende aufzufangen: 

"Das, was ich sehen kann, es gibt es keine Barrieren, keine Person, die ihm geholfen hätte, aus dem Leistungssport so auszusteigen, dass er in ein normales Leben finden konnte und er lebt offenbar immer noch in Extremen und kann nicht in ein normales Leben zurückfinden."

Anderer Blick auf Mediziner im Laufe der Karriere

Brissonneau‘s Analyse zeigt vier Phasen einer Sportkarriere und das Verhältnis zur Medizin, bei der der Athlet jeweils die Ärzte wechselt. Als Amateur geht er zu einem Allgemeinmediziner, der kann ihm bei der zunehmenden Professionalisierung mit typischen Sportverletzung und Schmerzfolgen irgendwann nicht mehr helfen. So wechselt er zu einem Sportmediziner, dann folgt ein Leistungsphysiologe und in der vierten Phase der Karriere ein Spezialist für Biologie oder Biotechnologie.

Im Verlauf dieser vier Phasen ändert der Athlet auch seine Sichtweise auf die Ärzte und ihre Funktion, erklärt Christophe Brissonneau. 

"Die Definition von Gesundheit ändert sich. Es geht mehr und mehr nicht mehr darum, nicht krank zu sein, sondern die Medizin ist dazu da, die Fähigkeit für hohe Leistung zu steigern. Dazu werden die Ärzte und die Mittel in den jeweiligen Phasen gewechselt. Das passiert schleichend und am Ende geht es darum, einen Arzt und Mittel zu haben, die immer mehr Leistung herausholen." Die Wurzeln für die spätere Drogensucht werden – so der Sportsoziologe – dabei in Phase 3 gelegt. 

Drogengefahr lauert vor allem am Ende der Karriere

Dazu kommen nach Karriereende die biochemischen Prozesse im Körper, die die Wissenschaftler Gerhard Treutlein und Andreas Singler schon vor Jahren in dem Buch "Von der Analyse zur Prävention" aufgeschrieben haben. Bei Ausdauersportlern sind es die Glückshormone, die Endorphine, die durch das exzessive Ausüben des Sports ausgeschüttet wurden, und dann geringer werden. Der Mangel wird dann oft durch Heroin oder Kokain kompensiert. Bei Sportlern, die vorwiegend Anabolika zu sich genommen haben, insbesondere bei Männern, sind verstärkte Aggressionen zu beobachten. Die Drogengefahr lauert daher vor allem am Ende der Karriere, nach dem Ende der Hyperaktivität.

Amphetamine, Kokain, Stimulantien des zentralen Nervensystems sorgen für die Produktion von Dopamin. Wenn das Doping beendet wird, weil die Zeit des Leistungssports vorbei ist, dann "kommt es zu einem rasanten Rückgang der Dopaminausschüttung, man fühlt sich unwohl, ist traurig, hat Konzentrationsprobleme. Die Versuchung zum erneuten Dopen ist groß", wird der Genfer Mediziner Jean-Jacques Deglon in dem Buch zitiert.

Obwohl der Zusammenhang zwischen Leistungssport, Doping und Drogensucht und auch anderen Folgeerscheinungen wie Depressionserkrankungen längst bekannt sind, werden im Sport nicht die Schlüsse daraus gezogen. Die Prävention ist dürftig, Aufklärung gibt es kaum, und auch die Förderung dualer Karrieren basiert eher auf Eigeninitiativen als auf einer staatlichen Fürsorge. 

Stattdessen werden ehemalige Athleten wie Jan Ullrich weiterhin in die Höhen gehoben oder in die Tiefen verdammt, kaum jemand ist der Person in der öffentlichen Darstellung je gerecht geworden.

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