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Duale Ausbildung in Mexiko

Handwerker in Mexiko sind Improvisationskünstler. Eine Ausbildung gibt es in diesem Bereich nicht. Das sorgt für Fachkräftemangel im Land. Ein deutscher Maschinenbauer hat darum in Mexiko eine Lehrwerkstatt eingerichtet. Die Azubis lernen auch Fremdsprachen.

Von Martin Polansky | 24.08.2013

    Jair ist 23. Er steht an einem Schraubstock und feilt. Handarbeit unter Anleitung. Der junge Mexikaner ist einer von 29 Auszubildenden in der neuen Lehrwerkstatt Cedual in der Industriestadt Puebla - duale Ausbildung zum Werkzeugmechaniker wie in Deutschland.

    ""Die Mischung aus Theorie und Praxis hilft sehr", sagt Jair. "Was wir in der Theorie sehen, wenden wir dann hier in der Werkstatt konkret an. Hier gewinnt man dann Erfahrung, wird mit ganz praktischen Problemen an den Maschinen konfrontiert."

    Eine organisierte Berufsausbildung wie in Deutschland gibt es in Mexiko nicht. Nachwuchskräfte werden schlicht angelernt. Mitlaufen und Zuschauen. Handwerker in Mexiko sind meist Improvisationskünstler. Manchen deutschen Firmen im Land ist das zu wenig. Stefan Antel, der Mexiko-Chef des baden-württembergischen Maschinenbauers Schuler kam deshalb auf die Idee mit der dualen Lehrwerkstatt. Dafür holte er ein halbes dutzend andere deutsche Unternehmen vor Ort mit ins Boot:

    "Es gibt einen großen Bedarf an Facharbeitern. Der wird befriedigt, indem man Leute aus Deutschland holt, weil der mexikanische Markt die Facharbeiter nicht hat. Und Fachfirmen wie Schuler oder die anderen, die sich an der Ausbildung beteiligen, haben erkannt, dass es die einzige Lösung ist, hier anzufangen, in Mexiko auszubilden."

    Im Klassenzimmer sitzen rund 15 Azubis. Zwei bis drei Mal pro Woche lernen sie die theoretischen Grundlagen der Werkzeug- und Industriemechanik.

    "Ich heiße Jonathan Villegas, ich bin 20 Jahre alt."

    Deutsch-Unterricht gehört auch dazu. Fremdsprachenunterricht ist an vielen Schulen nicht selbstverständlich und die Qualität lässt auch oft zu wünschen übrig. Viele Mexikaner sprechen kaum Englisch. Eine übermächtige Lehrergewerkschaft stemmt sich verbissen gegen Reformen und Evaluierungen des Unterrichts. Jonathan hofft auf einen Startvorteil durch die Ausbildung hier:

    "Ich denke, hier in Mexiko habe ich viel bessere Chancen, durch die Ausbildung eine Arbeit zu finden. Und im Ausland sicher auch. Vielleicht kann ich ja auch mal eine Zeit in Deutschland arbeiten."

    Wer in Mexiko etwas werden will, geht normalerweise auf die Uni. Aber viele Hochschulabsolventen finden anschließend keinen Job. Die öffentlichen und kostenlosen Unis sind entweder überlaufen oder haben einen schlechten Ruf. Die teuren Privathochschulen qualifizieren vor allem für Verwaltungsarbeit oder die Geschäftswelt. Kaum aber für technische Jobs, sagt Jair in der Werkstatt:

    "Wenn man studiert, bleibt es halt bei der Theorie. Ingenieure, die kein praktisches Problem lösen können. Es ist dann oft sehr schwer, einen Job zu finden und am Ende arbeiten sie dann ganz was anderes."

    Auch Mexikos Politik und Wirtschaft betrachten das schlechte Ausbildungsniveau inzwischen als Problem. Die Industrie ist in den letzten rund 15 Jahren stark gewachsen. Unternehmen auch aus Deutschland, den USA oder Asien produzieren etwa Autos oder Elektronik – vor allem für den Export. Hauptvorteil: die günstigen Lohnkosten. Allerdings: Für einen weiteren Sprung nach vorne braucht es Fachkräfte, sagt Ausbildungsleiter Gerd-Uwe Krah:

    "Wenn nichts passiert, stagniert das. Dann ist eine Erweiterung und qualitative Steigerung nicht möglich. Diese komplizierten Prozesse, die gerade im Bereich Automobiltechnik ablaufen, was dort verlangt wird, setzt einfach elementare Grundkenntnisse voraus."

    Allerdings: Eine gute Ausbildung ist richtig teuer. 4,5 Millionen US-Dollar hat alleine der Aufbau der Lehrwerkstatt gekostet. Pro Azubi rechnet Cedual noch einmal mit 75.000 Dollar für die dreijährige Lehre. So was schreckt mexikanische Firmen eher ab. Es herrscht die Einstellung: Für Ausbildung ist der Staat verantwortlich. Jonathan im Klassenzimmer wagt keine Prognose, ob sich das Modell der dualen Ausbildung in Mexiko durchsetzen kann. Aber er gibt sich überzeugt: Mit der Ausbildung hier gehört er praktisch zur Elite:

    "Ich will mir keine Limits setzen und soweit kommen wir möglich - vielleicht Direktor einer Firma werden. Das sind die Dinge, die wir hier anstreben."