Montag, 09.12.2019
 
Seit 21:05 Uhr Musik-Panorama
StartseiteForschung aktuellDürre führt zum Tod einer Sprache05.12.2012

Dürre führt zum Tod einer Sprache

Das Sumerische starb wegen eines abrupten Klimawandel vor 4200 Jahren aus

Ein amerikanischer Forscher konnte erstmals nachweisen, dass eine Sprache Opfer eines Klimawandels geworden ist. Vor mehr als vier Jahrtausenden hatte große Dürre in Mesopotamien soziale Unruhen ausgelöst, als deren Folge das Sumerische als Sprache verschwand. Vorgestellt wurden die Ergebnisse auf dem Herbsttreffen der Amerikanischen Geophysikalischen Union in San Francisco.

Von Monika Seynsche

Das Sumerische ist heute nur noch als Schriftsprache auf archäologischen Fundstücken zu finden. (picture alliance / dpa)
Das Sumerische ist heute nur noch als Schriftsprache auf archäologischen Fundstücken zu finden. (picture alliance / dpa)

Die Dürre kam um das Jahr 2200 vor Christus. Sie blieb fast 300 Jahre lang. Die Böden Mesopotamiens trockneten, die Flüsse führten kaum noch Wasser, Ernten gingen verloren. Immer öfter überwanden Eindringlinge aus dem Norden die Grenzen und schwächten das Akkadische Reich.

"Ich bin Klimawissenschaftler und beschäftige mich mit Klimaveränderungen, die in Zeiträumen von Jahrtausenden bis Jahrmillionen ablaufen. Gleichzeitig interessiere ich mich aber auch sehr für Sprachen und dabei stieß ich eines Tages auf den Tod der Sumerischen Sprache und den Untergang des Akkadischen Reichs. Also fing ich an, die Literatur zu durchforsten. Es war wirklich ein Zufallsfund."

Matthew Konfirst arbeitete zu dieser Zeit am Byrd Polar Research Center der Ohio State University. Er fand in wissenschaftlichen Studien zahlreiche Belege für die Jahrhunderte andauernde Dürre, die Mesopotamien vor 4200 Jahren heimsuchte: Sedimentkerne aus Seen, Pollenfunde und Meeresablagerungen zeigen die hydrologischen Veränderungen zu dieser Zeit. Archäologische Funde deuten darauf hin, dass dieser abrupte Klimawandel zu sozialen Unruhen in der Region und letztendlich zum Untergang des akkadischen Reichs im Norden Mesopotamiens führte. Im Süden Mesopotamiens lebten damals die Sumerer und auch sie litten unter der Dürre. Nach Ansicht Matthew Konfirst haben sie dadurch ihre Sprache verloren.

"Es ist natürlich nicht so, dass es heiß wird, und die Leute ihre Sprache vergessen. Ganz so direkt ist die Verbindung zum Klimawandel nicht. Aber die Dürre hat die Menschen gezwungen, in andere Regionen zu wandern. Sie sind herumgezogen und haben verzweifelt versucht, sich an die neuen Klimabedingungen anzupassen. Es gab nie viele sumerische Muttersprachler, und als sie von der Dürre auseinander getrieben wurden, schlossen sich kleinere Gruppen anderen Gesellschaften an und übernahmen deren Sprachen. Dabei blieb ihre eigene Sprache auf der Strecke."

Das Sumerische ist eine der ältesten Schriftsprachen der Welt und mit keiner heute noch gesprochenen Sprache verwandt. Etwa seit dem Jahr 2000 vor Christus, also 200 Jahre nach Beginn der Dürre, gebe es keine Hinweise mehr darauf, dass die Sprache gesprochen wurde, sagt Matthew Konfirst.

"Als geschriebene Sprache existierte das Sumerische nach der Dürre noch weitere 2000 Jahre, aber es war eine tote Sprache, wie das Lateinische im Mittelalter. Gelehrte und Schreiber nutzten sie, aber der Mann auf der Straße sprach sie nicht mehr."

Das erkennen Matthew Konfirst und seine Kollegen daran, dass sich die Sprache nicht mehr veränderte. Die überlieferten Aufzeichnungen zeigen alle dieselbe Grammatik und dieselben Wörter.

"Das Vokabular einer lebendigen Sprache aber verändert sich über die Zeit hinweg. Die Menschen führen ständig neue Begriffe ein. Nehmen Sie das Englische: vor zehn Jahren hätte niemand das Wort "google" als Verb benutzt. Und vor 100 Jahren hatte das Wort "cool" noch eine völlig andere Bedeutung als heute, wo etwas einfach cool ist."

Während das Akkadische den abrupten Klimawandel und den Untergang des Akkadischen Reichs überlebte und sich zu modernen Sprachen, wie dem Hebräischen oder dem Arabischen weiterentwickelte, ging das Sumerische für immer verloren.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk