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Dürre und Trockenheit

In weiten Teilen Nigers ist der Regen ausgeblieben. Acht Millionen Einwohner des Landes sind auf Nahrungsmittelhilfe angewiesen. Das ist mehr als die Hälfte der Bevölkerung. Die Hungerkatastrophe scheint unausweichlich zu sein.

Von Bettina Rühl | 15.05.2010

    Der Boden ist hart wie Stein: Auch wenn Mariam Aboubakar ihre Kraft vor jedem Schlag sammelt, dringt sie mit ihrer Hacke kaum einen Zentimeter tief in die harte Erde ein.

    "Ich arbeite hier nur zwei oder drei Stunden am Stück, mehr schaffe ich nicht. Ich komme auch nicht jeden Tag aufs Feld, nur zwei oder drei Mal in der Woche."

    Aus dem Norden weht ein scharfer Wind. Der Staub, den er aufwirbelt, setzt sich in Augen, Nase und Mund. So staubtrocken wie hier ist die Erde an vielen Stellen im Niger. Es hat zuletzt viel zu wenig und viel zu unregelmäßig geregnet. Auch wenn es nicht überall im Niger gleichermaßen trocken blieb, sind die Ernteausfälle und damit der Getreidemangel auf das ganze Land bezogen dramatisch. Richard Verbeeck ist Direktor des Welternährungsprogramms im Niger.

    "Die Regierung von Niger geht davon aus, dass 2,7 Millionen Menschen von schwerem Hunger bedroht sind, und weitere fünf Millionen Menschen von Unterernährung. Insgesamt sind also fast acht Millionen Menschen auf Hilfe angewiesen."

    Dass diese Krise drohen würde, ist seit Monaten klar: Schon nach dem Ende der Regenzeit im letzten Herbst war offensichtlich, dass die nächste Ernte nicht ausreichen würde, um die Bevölkerung zu ernähren. Doch die damalige, mittlerweile gestürzte Regierung unter Präsident Tandja ging das Problem nicht an: sei es, weil sich Tandja mehr für den Verkauf von Bergbaulizenzen für die Uran-, Gold und Erdölvorkommen des Niger interessierte, sei es, weil er das Eingeständnis einer landesweiten Ernährungskrise als ehrenrührig empfand, sei es, weil Tandja im vergangenen Jahr vor allem damit beschäftigt war, seine Amtszeit verfassungswidrig zu verlängern. Doch der Bruch der Verfassung und die Ausweitung der Amtszeit misslangen ihm gründlich. Im Februar dieses Jahres putschte das Militär und beendete Tandjas Präsidentschaft.

    "Die neuen Machthaber suchen den Dialog und sind für Ratschläge offen. Wir haben der Übergangsregierung direkt nach dem Putsch geraten, sich ein Bild von der Lage zu machen: Wie viele Menschen sind von Hunger bedroht, wo ist die Lage besonders schwierig, wie schnell muss wo reagiert werden? Die Übergangsregierung hat daraufhin eine entsprechende Untersuchung in Auftrag geben. Sie stellt sich den Tatsachen und versucht, angemessen auf die drohende Krise zu reagieren."

    Das heißt auch: Die Übergangsregierung hat das Ausland um Unterstützung gebeten. Internationale Organisation wie das Welternährungsprogramm, aber auch private Hilfsorganisationen rufen nun ihrerseits zu Spenden auf, um der nigrischen Bevölkerung helfen zu können. Allerdings werden im Land auch Stimmen laut, die die Hilfsappelle der Regierung kritisieren. Ihr Vorwurf: Die jetzt drohende Krise könnte bewältigt werden, wenn das im Land geerntete Getreide besser verteilt würde. Richard Verbeeck hält diese Einschätzung für viel zu optimistisch.

    "Tatsächlich haben wir im Niger eine Art Patchwork. Es gibt Regionen, in denen die Ernte praktisch ausgefallen ist. Nicht weit davon entfernt gibt es andere Regionen, in denen es eine reiche Ernte gab. Allerdings gibt es viel weniger fruchtbare als Dürrezonen. Aber deshalb von einer Verteilungskrise zu reden? Erstens gibt es landesweit ein Defizit. Zweitens gibt es kaum vernünftige Straßen. Die Ernte kann also innerhalb des Landes nur dann umverteilt werden, wenn Niger dafür viel Geld und massive logistische Unterstützung bekommt."

    Ein Markt in der Hauptstadt Niamey. Noch gibt es Gemüse und Fleisch zu kaufen, noch drängen sich die Kunden durch die schmalen Gassen, doch die Preise sind drastisch gestiegen. Lebensmittel kosten rund 30 Prozent mehr als vor der Krise. Die Zahl derer, die sich das nicht mehr leisten können, nimmt zu.

    Es gibt immer mehr Menschen, die am Straßenrand stehen und betteln. Nur wenige Nigrer haben Reserven an Geld oder Nahrung, mit denen sie eine Krise wie die jetzige aus eigener Kraft überstehen könnten. Das Land am Rande der Wüste Sahara steht auf dem Armutsindex der Vereinten Nationen auf dem letzten Platz. Nach Angaben von "Care Deutschland" ist jeder zweite Einwohner unterernährt: und das bereits heute, noch vor dem Höhepunkt der Krise.

    Im Niger leben die meisten Menschen vom Ertrag ihrer Felder. Oder sie sind Nomaden, das heißt, sie leben von dem, was ihre Viehherden einbringen. Nach Berichten von Hilfsorganisationen sind nun auch eine Million Nutztiere von Hunger bedroht, die Nomaden könnten einen großen Teil ihrer Herden verlieren. Und im harten Klima der Wüste heißt das: Wenn die Tiere sterben, sterben auch die Menschen.

    Die neuen Machthaber in Niamey lassen hoffen. Sie haben - anders als die Vorgängerregierung - immerhin auf die Krise reagiert. Die Bevölkerung wird Nothilfe bekommen, das Schlimmste hoffentlich verhindert werden. Doch die wirklichen Probleme löst das nicht, meint Bettina Haussmann. Sie ist Pflanzenzüchterin am ICRISAT, einem Forschungsinstitut in Niamey.

    "Die Krise ist da und ist bedingt durch die unterdurchschnittlichen Regenfälle in der Regenzeit 2009. Man kann aber auch sagen, dass Niger eigentlich chronisch nicht 'self sufficient' ist, wie sagt man das auf Deutsch? Kann sich chronisch nicht selbst mit Nahrungsmitteln versorgen. Von daher ist es auch kein besonders außergewöhnliches Jahr in 2010. Wir hatten eine ähnliche Krise in 2005. Und in jedem Jahr gibt es im Niger Dörfer, die einfach nicht genug zu Essen haben, weil die Regenzeiten sehr variabel sind und an unterschiedlichen Orten unterschiedliche Regen auch fallen."

    Da kann es keine Lösung sein, alle paar Jahre wieder Nothilfe zu leisten. Die eigentliche Herausforderung besteht darin, Hungerkatastrophen gar nicht erst aufkommen zu lassen. Durch eine verbesserte Landwirtschaft zum Beispiel, durch den Anbau klimatisch angepasster Pflanzen. Die richtige Antwort auf chronische Krisen wie die im Niger zu finden, das ist das Problem, dem sich alle stellen müssen: die Regierung, die Hilfsorganisationen und internationale Organisation wie die UNO und das Welternährungsprogramm.