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StartseiteForschung aktuellDüstere Zukunft02.02.2007

Düstere Zukunft

UN-Expertenrat prognostiziert mehr Hitze, Sturm und Starkregen

Klima. – Der lang erwartete Bericht des UN-Expertenrats für Klimaforschung IPCC ist erschienen, zumindest seine Zusammenfassung für Laien und Politiker. Gegenüber dem Vorgängerbericht von 2001 sind die Experten deutlicher und drastischer geworden – wohl auch, weil ihre Datenbasis und die Simulationen immer eindeutiger auf den Menschen als Urheber des doch recht drastischen Temperaturanstiegs in der Erdatmosphäre hinweisen.

Von Volker Mrasek

Überschwemmungen wie hier in Dresden wird es künftig öfter geben. (AP)
Überschwemmungen wie hier in Dresden wird es künftig öfter geben. (AP)

Das Fieber der Erde will nicht abklingen. Elf der zwölf letzten Jahre waren die wärmsten seit Beginn der Temperaturaufzeichnungen. Der Anstieg des Meeresspiegels hat sich um das Jahr 1990 herum stark beschleunigt. Grönland und selbst die Antarktis verlieren inzwischen beträchtliche Mengen Gletscher-Eis. Dazu gibt es eine Fülle neuer Beobachtungsdaten. Und auch die Supercomputer und Simulationsmodelle der Wissenschaftler werden immer leistungsfähiger, ihre Ergebnisse damit vertrauenswürdiger.

Deshalb spricht man beim IPCC, dem Expertenrat der Vereinten Nationen, mit größerer Gewissheit als jemals zuvor vom "anthropogenen Klimawandel". Das heißt: Der Mensch steckt dahinter. Vor allem durch die Verbrennung fossiler Energieträger. Die US-Atmosphärenchemikerin Susan Solomon heute in Paris, wo sie den neuen IPCC-Sachstandsbericht der Weltöffentlichkeit vorstellte:

"”Die Zunahme der globalen Mitteltemperatur hat vor allem mit dem Anstieg von Treibhausgasen in der Atmosphäre zu tun. Im letzten IPCC-Report stand noch, dies sei wahrscheinlich. Es war nur zu 66 Prozent sicher. Jetzt können wir sagen, es ist sehr wahrscheinlich. Das bedeutet, wir haben zu 90 Prozent Gewissheit.""

Schon Mitte 2006 wurde ein Entwurf des Reports bekannt. Wie erwartet, weicht der jetzt veröffentlichte Schlussbericht nicht grundlegend davon ab. Lesenswert ist vor allem das Kapitel über das Klima der Zukunft und seine möglichen Änderungen. Hier unterstreichen die Sachverständigen, dass die Weichen für eine weitere Erwärmung bereits gestellt sind. Solomon:

"”In den nächsten beiden Jahrzehnten müssen wir mit einer weiteren Temperaturzunahme um jeweils 0,2 Grad rechnen. Selbst wenn wir die Treibhausgas-Emissionen ad hoc auf dem Stand von 2000 konstant hielten, wäre es immer noch ein Zehntel Grad pro Jahrzehnt. Das liegt daran, dass das Klima träge ist und mit zeitlicher Verzögerung reagiert. Eine weitere Erwärmung ist also beschlossene Sache.""

Auf das ganze 21. Jahrhundert bezogen, bleibt es dabei: Der IPCC geht davon aus, dass sich die Erde im Mittel um 2 bis 4,5 Grad Celsius erwärmt - mit drei Grad als dem besten Schätzwert. Viel stärker sollen sich allerdings die hohen nördlichen Breiten aufheizen - im günstigsten Fall um vier, im schlimmsten jedoch um bis zu acht Grad Celsius.

Das bedeutet: Grönlands Gletscher geraten in akute Gefahr. Es könnte noch im 21. Jahrhundert dazu kommen, dass eine kritische Schwelle überschritten wird und der Eisschild von da an beginnt, komplett abzutauen. Dazu heißt es im neuen Klimareport, Zitat:

"Die heutigen Modelle legen nahe, dass die Eisverluste mit steigenden Temperaturen größer sein werden als der Zuwachs durch höhere Niederschläge. Und dass die Massenbilanz [für Grönlands Eisschild] negativ wird bei einer globalen Erwärmung zwischen 1,9 bis 4,6 Grad Celsius, verglichen mit den vorindustriellen Werten."

Die Erde hat sich im Industriezeitalter bereits um 0,8 Grad Celsius erwärmt. Das heißt: Unter Umständen fehlt nur noch etwas mehr als ein Grad, und Grönlands Eis gerät unaufhaltsam ins Rutschen. Die Folgen laut IPCC, Zitat:

"Das würde praktisch zum kompletten Verlust des grönländischen Eisschildes führen und den Meeresspiegel um etwa sieben Meter ansteigen lassen."

Ein Prozess, der dann allerdings Jahrhunderte dauert, wie die Autoren betonen. Was den mittelfristigen Meeresspiegelanstieg angeht, wird bereits Kritik am neuen Klimareport laut. Darin ist von maximal 59 Zentimetern bis zum Jahr 2100 die Rede. Schon der vorhergehende IPCC-Bericht habe aber die Entwicklung unterschätzt. Das monieren namhafte Klimaforscher heute im Wissenschaftsmagazin "Science". Und das, obwohl der IPCC damals sogar noch einen Meeresspiegelanstieg von 88 Zentimetern für möglich gehalten hatte. Klar und deutlich schildern die Sachverständigen aber, dass sich Wetterextreme mit steigenden Temperaturen "sehr wahrscheinlich" weiter häufen werden, unter anderem, Zitat:

"Hitzewellen, Starkniederschläge, Dürren und intensive Wirbelstürme in den Tropen."

Und diesen Passus sollten politische Entscheidungsträger lieber zweimal lesen, Zitat:

"Sowohl frühere als auch künftige CO2-Emissionen werden über ein Jahrtausend lang zur [Erd-]Erwärmung beitragen."

Man kann den neuen Bericht als Aufforderung an die Staatengemeinschaft verstehen, viel mehr in Sachen Klimaschutz zu tun. Man wird diesen Ratschlag aber nirgends im Text finden. "Wir liefern keine politischen Empfehlungen, sondern nur Forschungsergebnisse, die politisch relevant sind." So formulierte es heute in Paris Rajindra Pachauri, der Vorsitzende des IPCC. Und er betonte den breiten Konsens über diese Resultate:

"Das, was in unserem Bericht steht, hat die Unterstützung aller Regierungen. Sie haben die Schlussfassung einhellig akzeptiert. Und das macht dieses große wissenschaftliche Projekt so glaubwürdig."

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