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StartseiteStreitkulturMuss man sein Land lieben? 03.10.2020

Düzen Tekkal vs. Christiane Thiel Muss man sein Land lieben?

„Ich bin von einem Land verschluckt worden, das ich nicht wollte“, sagt die Theologin Christiane Thiel im Deutschlandfunk. Die Journalistin Düzen Tekkal erwidert: „Das Grundgesetz ist mein heiliges Buch.“ Ein Streitgespräch über das Verhältnis der Deutschen zu ihrem Staat und ihrer Verfassung.

Moderation: Monika Dittrich

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Zwischen den Stelen des Mahnmals für die ermordeten Juden in Berlin ist eine Deutschland-Fahne zu sehen. (picture alliance / Nikky / VisualEyze)
Deutschland und der Patriotismus - bis heute diskussionswürdig (picture alliance / Nikky / VisualEyze)

Man kann Deutschland nur mit gebrochenem Herzen lieben, hat Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier gesagt. Aber: Kann man Deutschland überhaupt lieben, mit seiner historischen Last und Verantwortung? Oder sollte man das vielleicht sogar tun - "weil die Bundesrepublik der beste Staat ist, den es je auf deutschem Boden" gegeben hat, wie kürzlich der Historiker Michael Wolffsohn schrieb?

Die jesidische Journalistin Düzen Tekkal (picture-alliance/dpa-Zentralbild/Britta Pedersen/) (picture-alliance/dpa-Zentralbild/Britta Pedersen/)









Düzen Tekkal ist Journalistin, Filmemacherin, Buchautorin, zuletzt von ihr erschienen ist der Titel "#German Dream: Wie wir ein besseres Deutschland schaffen". Düzen Tekkal ist in Hannover geboren und aufgewachsen, als eines von elf Kindern einer kurdischen Familie, die der Religionsgemeinschaft der Jesiden angehört. Sie hat eine Hilfsorganisation für Jesiden gegründet und auch eine Bildungsinitiative, deren Ziel es ist, das Demokratieverständnis junger Menschen zu stärken.

"Man muss sein Land nicht lieben, aber ich liebe mein Land – und mein Land ist Deutschland. Ich glaube, dass man ein Land auch lieben kann mit all seinen Facetten, mit den Schattenseiten, aber auch den schönen Seiten. Ich bin eine von elf aus einer kurdisch-jesidischen Einwandererfamilie und ich habe es immer als ein Privileg empfunden, in einem Land zur Welt zu kommen, wo Freiheit ein wichtiges Gut ist, Gleichberechtigung, Selbstbestimmung. Und das hatte sicher damit zu tun, dass ich zunächst einmal in Unfreiheit geboren war, weil für mich ein Lebensentwurf vorgesehen war, was das Gegenteil war von den hiesigen Werten. Das heißt, ich musste für mein Deutschland kämpfen. Und das hat für mich ganz viel mit der Partizipation an Bildung zu tun und den Möglichkeiten, die ich hier bekommen habe, die ich in meiner Herkunftsregion niemals bekommen hätte. Meine Mutter ist Analphabetin, meine Oma war Analphabetin. Und ich habe gemerkt, dass ich meine autochthon deutschen Freunde manchmal ein bisschen irritiert habe mit meinem weltoffenen gesunden Patriotismus zu diesem Land, durchaus auch verstanden als Antwort auf einen dumpfen Nationalismus. Man muss gar nichts, aber ich will dieses Land lieben und ich bin auch gerne bereit, das zu verteidigen und darüber zu diskutieren."

Eine Frau im Halbprofil und mit kurzen Haaren liest in einem Buch. (privat)Die Hallenser Studierendenpfarrerin Christiane Thiel. (privat)












Christiane Thiel ist evangelische Theologin und Hochschulpfarrerin in Halle an der Saale, außerdem ist sie Autorin von Jugendromanen. Christiane Thiel ist in Freiberg in Sachsen aufgewachsen und im Deutschlandfunk haben wir mit ihr schon einige Male über die strukturelle Benachteiligung von Ostdeutschen gesprochen.

"Man kann niemanden fragen, ob man jemanden lieben muss. Liebe ist nicht an Zwang knüpfbar, das ist ausgeschlossen. Ich bin ja in dieses Land nicht hineingeboren worden, sondern ich bin in der DDR geboren, und die DDR habe ich auch nicht geliebt, aber ich habe mich seit meiner Pubertät – ich bin als Christin aufgewachsen in der absoluten Minderheit, eine von hundert, die sich hat konfirmieren lassen – ich habe mich früh politisch engagiert. Ich habe Kirche verstanden als Auftrag, für die Menschlichkeit in der Gesellschaft zu stehen und das war für mich der Auftrag, in der DDR zu gestalten, die DDR zu gestalten. Ich wollte keine Wiedervereinigung – so viel war mir klar. Die Bundesrepublik war nicht das Land, das ich wollte, sondern eine DDR, einen Sozialismus mit menschlichem Antlitz. Und nun lebe ich seit 30 Jahren in der Bundesrepublik, schon ein paar Jahre länger als in der DDR, und es ist ein tolles Land, das sehe ich auch. Ich erfreue mich auch an all den Möglichkeiten und der Schönheit, aber meine Anfragen, die ich schon 1984 an Deutschland formulieren wollte, die Fragen nach Gerechtigkeit, Frieden und der Bewahrung der Schöpfung, die Anfragen sind alle geblieben und sind nicht beantwortet worden. Und die Vereinnahmung der DDR, das ärgert mich bis heute."

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