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StartseiteEuropa heuteDurchschleusen und rückführen12.07.2005

Durchschleusen und rückführen

Flüchtlinge auf der italienischen Insel Lampedusa

Rund 17.000 Flüchtlinge strandeten vergangenes Jahr nach lebensbedrohlichen Bootsfahrten an den Küsten Europas. Im Juni haben mehrere europäische Länder Maßnahmen gegen die illegale Einwanderung verabredet. Doch noch immer kommen hunderte der "Boat People" über das Mittelmeer und landen an der Küste der italienischen Insel Lampedusa. Dort erwartet sie ein überfülltes Aufnahmelager und die Rückführung per Flugzeug - manchmal innerhalb einer Stunde. Karl Hoffmann hat Eindrücke auf Lampedusa gesammelt.

Flüchtlingsboot vor der italienischen Insel Lampedusa. (AP Archiv)
Flüchtlingsboot vor der italienischen Insel Lampedusa. (AP Archiv)

Das kleine Flugzeug, das zweimal täglich von Sizilien aus Lampedusa ansteuert, ist stets bis auf den letzten Platz besetzt. Es ist Hochsaison, Urlauber strömen auf die südlichste Insel Italiens, die eigentlich schon ein Teil von Afrika ist, mehr als 300 Kilometer südlich von Sizilien, nur 80 Seemeilen von Tunesien entfernt. Seit Jahren ist das kleine Eiland Anlaufstelle für Boat People aus aller Herren Länder, Afrikaner, Ägypter, Palästinenser, Kurden, sogar Chinesen versuchen über Lampedusa nach Europa zu kommen, die allermeisten auf der Flucht vor Krieg, Verfolgung und bitterer Armut. Ein wahnwitziger Fluchtweg, meint Vladimiro Tuselli, Schiffsoffizier und Lotse, also ein erfahrener Seemann:

"Sogar schwangere Frauen und Kinder sind unter den Flüchtlingen, ein Wahnsinn, sich mit diesen Booten aufs Wasser zu wagen - südlich von Lampedusa ist offene See, da gibt es keinerlei schützendes Land. Wenn der Maestrale weht, dann sind all diese Leute in Lebensgefahr."

Etwa viertausend Menschen sind in diesem Jahr lebend übers Meer bis nach Lampedusa gekommen. Die Zahl derer, die in den Wellen vom Maestrale überrascht werden und ums Leben kommen, wird man niemals erfassen können.

"Es gibt keinerlei Schätzungen, denn oft fahren diese Flüchtlingsboote los, und schon nach wenigen Meilen laufen sie voll Wasser, schlagen um, und die Leute ertrinken. Kein Mensch kriegt das mit. Meiner Meinung ist die Zahl der Todesopfer viel größer als wir uns vorstellen können. Denn wenn die Flüchtlinge nicht zufällig gesichtet werden oder schon in der Nähe der italienischen Hoheitsgewässer sind, wo sie einen Notruf absetzen können, verschwinden sie, ohne das jemand davon etwas mitbekommt."

Seit einiger Zeit starten von Lampedusa aus beinahe täglich Hubschrauber oder Aufklärungsflugzeuge, die den Wasserspiegel vor der libysch-tunesischen Küste absuchen, um Flüchtlinge zu sichten. Schiffe der Küstenwacht oder der Grenzpolizei bringen die Boat People dann nach Lampedusa. Dort erwartet sie eine Art Kerker, ein Aufnahmelager, aus dem sie nicht mehr entkommen. Es liegt direkt neben dem Flughafen. Im vergangenen Jahr hat die italienische Regierung mit der massenhaften Rückführung der Flüchtlinge begonnen: vom Aufnahmelager direkt in italienische Militärmaschinen, die sie zurück nach Libyen brachten. Der schnellste Weg, um die ungeliebten Gäste loszuwerden, in weniger als einer Stunde, nachdem sie erst vier Tage und Nächte unter Lebensgefahr auf dem Wasser zugebracht hatten, um das rettende Europa zu erreichen, entrüstet sich Giusi Nicolini, die seit Jahren für die Menschenrechte auf Lampedusa kämpft:

"Nach und nach ist Lampedusa zu einer Grenzstation geworden, um die Einwanderer zu stoppen und auf üble Art und Weise direkt nach Libyen zu schicken. Kann man so etwas denn einfach hinnehmen? Es gibt keine Ausländerbehörde auf unserer Insel. Wie kann also bestimmt werden, wer ein Recht auf Asyl hat und wer nicht? "

Aus dem meist hoffnungslos überfüllten und streng vom Militär bewachten Flüchtlingslager werden menschenunwürdige Zustände geschildert. Aber Lampedusa liegt weitab, und um die Rechte der Boat People schert sich hier niemand. In Lampedusa gilt die Devise: durchschleusen, zurückschicken, Platz machen für nächsten – ein Umschlagplatz für arme Schlucker, die in der Festung Europa nichts zu suchen haben.

Seit letzten Freitag kamen fast zweihundert neue Flüchtlinge an, sie sind nicht mal eine Meldung wert, tauchen nur noch in der Statistik auf. Menschen wie Ali Sindbad, der knapp dem Tod durch Ertrinken entronnen ist:

"Die Europäer sollten versuchen, uns Afrikaner zu verstehen. Wir haben so viel Schlimmes zu erleiden. Unsere Lage ist verzweifelt, Kriege bedrohen uns ständig. Ich habe fast meine gesamte Familie im Krieg verloren. Ich weiß nicht mal mehr, wer noch übrig geblieben ist."

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