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E10 in der Krise

Nur wenige Kunden tanken bisehr Biosprit. Es gibt massive Zweifel an den versprochenen Umweltvorteilen, außerdem befürchten viele, dass die Energie vom Acker die Lebensmittelpreise steigen lässt. Auf der Grünen Woche in Berlin sucht die Biotreibstoffbranche nach Auswegen aus der Krise.

Von Philip Banse | 21.01.2013

    E10-Zapfpistole an einer Tankstelle
    E10-Zapfpistole an einer Tankstelle (picture alliance / dpa)
    So wahnsinnig viel fällt den Interessenvertretern der Biokraftstoff-Industrie nicht ein. Rezept Nummer eins: Die Verbraucher müssen endlich verstehen, dass E10, also Superbenzin mit zehn Prozent Ethanol, nicht nur billiger ist als normales Super, sondern auch ihrem Auto nicht schadet, sagt Stephan Arens, Lobbyist von der Union zur Förderung von Oel- und Proteinpflanzen:

    "Es hat in der Verbraucherkommunikation etwas Probleme gegeben, dass die Verbraucher es nicht verstanden haben, dass wir zunehmend regenerative Anteile in den Kraftstoffbereich einbringen müssen."

    Doch die Verbraucher würden ihre Scheu vor E10 langsam ablegen. Bis Ende September vergangenen Jahres lag der Anteil von E10 am Benzinmarkt bei 14 Prozent, fast doppelt so viel wie im Vorjahreszeitraum. Kommunikationsproblem Nummer zwei aus Sicht der Branche: Die Tank-gegen-Teller-Diskussion. Zahlreiche Studien haben nachgewiesen, dass Nahrungsmittel teurer und knapp werden, wenn Bauern statt Nahrungsmittel Energiepflanzen für Kraftstoffe anbauen.

    Wenn diese Diskussion nicht gekommen wäre, hätte seine Industrie das Ziel der EU erreichen können, sagt Helmut Lamp, Chef des Bundesverbandes Bioenergie. Die EU will nämlich 10 Prozent der Energie im Verkehr bis 2020 nachhaltig erzeugen. Doch auf EU und Bundesregierung zeigten Studien Wirkung, die belegen, dass Nahrungsmittel knapp und teuer werden, wenn statt Weizen Energiepflanzen für Kraftstoffe angebaut werden. Die Bundesregierung beschloss, reine Biokraftstoffe ab diesem Jahr voll zu besteuern, damit ist der Markt tot.

    Bleibt noch die Pflicht, normalem Diesel und Benzin aktuelle zehn Prozent Pflanzenkraftstoff beizumischen. Doch die EU diskutiert diese Beimischungspfllicht aufzuheben. Das fordert auch Dirk Niebel, Minister für wirtschaftliche Zusammenarbeit von der FDP. Es sei nicht zu verantworten, dass der Teller leer bleibe zugunsten des Tanks. Das kommt bei den Vertretern der Branche nicht gut an. Stephan Arens, Lobbyist von der Union zur Förderung von Oel- und Proteinpflanzen:

    "Wir haben das sehr bedauert, dass Biokraftstoffe als Element einer populistischen Debatte missbraucht wurden. Das wird den Biokraftstoffen nicht gerecht. Selbst das eigene Haus des Niebel sieht im Anbau von Rohstoffen für die Biokraftstoffproduktion nämlich auch Chancen für die Landwirte in Entwicklungsländern, durchaus an diesem Biokraftstoffboom auch teilzuhaben. Man kann das so eins zu eins nicht sehen."

    Arens fordert, dass die EU die Pflicht zu Beimischung bis 2030 verlängert. Denn Tank gegen Teller, dieser Widerspruch werde aufgebauscht, sagt Michael Schmitz, Agrar-Professor von der Uni Gießen:

    "Wir haben so viele Ertragspotentiale, die mit einer guten Landbewirtschaftung gehoben werden können, dass ich mir dann keine Sorgen mehr mache um diesen Konflikt zwischen Nahrungsmitteln und Biokraftstoffen."

    Also: Mit Gentechnik, Düngemitteln und moderner Agrar-Technik könnten auf den aktuellen Flächen so viele Lebensmittel geerntet werden, dass das Land für beides reicht: Tank und Teller. Das allerdings bezweifeln viele Studien und Nicht-Regierungsorganisationen wie Oxfam. Minister Dirk Niebel und die EU versuchen den Konflikt im Tank und Teller zu lösen, indem sie nicht komplette Pflanzen in Kraftstoff verwandeln wollen, sondern nur Pflanzenreste und Abfallstoffe. Diese zweite Generation der Biokraftstoffe ist aber Jahre von der Marktreife entfernt, sagt Biokraftstoff-Lobbyist Arens und fordert verlässliche Rahmenbedingungen von der Politik. Denn:

    "Wie wollen sie bitte schön einen Investor dazu bringen, in eine Anlage zur Verarbeitung von Biokraftstoffen der zweiten Generation zu investieren, wenn er sieht, wie mit den Investitionen der ersten Generation umgegangen wird gerade? 2009 wurden Ziele gerade erst festgelegt in der EU und jetzt werden sie schon wieder infrage gestellt. Das ist keine verlässliche Politik."