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StartseiteForschung aktuell"Der experimentelle Impfstoff wirkt" 05.07.2019

Ebola im Kongo"Der experimentelle Impfstoff wirkt"

Inmitten politischer Unruhen wütet im Kongo das Ebola Virus. Erstmals wurde ein experimenteller Impfstoff an weite Teile der Bevölkerung verabreicht. Die Erfolgsquote liege bei 97 Prozent, sagte die Ärtzin Marylyn Addo im Dlf. Entwarnung gibt die Weltgesundheitsorganisation dennoch nicht.

Marylyn Addo im Gespräch mit Christiane Knoll

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Eine Mitarbeiterin der Weltgesundheitsorganisation WHO spritzt eine Impfung in den Oberarm eines Patienten im kongolesischen Ort Mbandaka (AFP/Junior D. KANNAH )
Dank wirkungsvoller Impfung könne verhindert werden, dass der Ausbruch derzeit explodiere, sagte die Ärtzin Marylyn Addo im Dlf (AFP/Junior D. KANNAH )
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Christiane Knoll Wie bekämpft man eine Epidemie, wenn das Virus hochinfektiös ist und der Ausbruch inmitten politischer Unruhen stattfindet? Auf den aktuellen Ebola-Ausbruch im Kongo trifft genau das zu. 2.300 Fälle, 1.500 Tote - und trotzdem wirkte der zuständige WHO-Direktor Ibrahim Fall bei der letzten Pressekonferenz eher sachlich als panisch:

"Im März und Mai haben wir uns große Sorgen gemacht über Butembo und Katwa, eine Städteregion mit fast drei Millionen Einwohnern. Inzwischen sehen wir dort nur noch vereinzelt Fälle, aber das Risiko ist da, denn es reicht bei Ebola ein Fall, der nicht adäquat behandelt wird."

Was genau in der Region passiert, darüber habe ich gestern mit Marylyn Addo gesprochen, Professorin am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf und am Bernhard-Nocht-Institut für Tropenmedizin. Sie ist unter anderem an der Entwicklung des Ebola-Impfstoffs beteiligt, der in Afrika gerade getestet wird.

Marylyn Addo: Der jetzige Ausbruch in der Demokratischen Republik Kongo spielt sich im Nordosten des Landes ab, das ist ein relativ umschriebener Bereich, er grenzt aber an einige andere Länder, Uganda, Sudan. Und insofern ist es ein Gebiet, in dem es auch zu Rebellenkämpfen kommt und sehr viele Unsicherheiten diesbezüglich vorliegen.

"Rebellengruppen torpedieren die medizinische Versorgung"

Knoll: Sind dort überhaupt noch Gesundheitshelfer zugange? Es gab Meldungen, dass die eben auch von Kämpfen betroffen sind, und es gab auch Todesfälle unter den Gesundheitshelfern.

Addo: Das ist natürlich ein großes Problem dieses Ausbruchs, dass halt in einigen dieser Provinzen - nicht in allen - Rebellengruppen unterwegs sind und die medizinische Versorgung auch torpedieren und medizinisches Personal angreifen. Es sind auch Behandlungszentren schon angegriffen und abgebrannt worden. Das macht natürlich die Situation schwierig, und in diesen Regionen können Helfer nicht tätig sein. Es gibt Friedensgruppen oder Soldatengruppen, die die medizinischen Helfer in diesem Bereich unterstützen, um da eine Sicherheit zu gewähren. Aber das ist sicherlich eine der großen Herausforderungen dieses Ausbruchs.

Hohes lokales, geringes globales Risiko

Knoll: Eine neue Hiobsbotschaft kam in den letzten Tagen aus dem Ebola-Gebiet in der Provinz Ituri: Im Nordosten des Kongos sind infolge einer Gewaltwelle 300.000 Menschen offenbar geflohen. Muss man damit rechnen, dass die Ebola-Epidemie sich dadurch noch einmal weiter ausbreitet?

Addo: Insgesamt sind das natürlich sehr schwierige Zustände, und wir sind in einer schwierigen Situation, um einen Ausbruch in den Griff zu bekommen. Die WHO schätzt derzeit - und dass hatten wir zum letzten Mal Mitte des Monats noch mal evaluiert - den Ausbruch als hochriskant ein für die Region und das Land, also die umgebenden Länder Ruanda, Südsudan und Uganda, aber schätzt das globale Risiko als gering ein und das Risiko, dass es zu Fällen in Europa oder in Deutschland kommt, ist als sehr gering einzuschätzen. Und die haben nochmal sich explizit dagegen ausgesprochen, den internationalen Gesundheitsnotstand auszurufen in der Region.

Impfungen haben schon früh begonnen

Knoll: Erste Fälle wurden bereits im Nachbarland Uganda entdeckt, drei Menschen sind gestorben. Auch Tansania und Kenia fürchten ein Übergreifen der Epidemie auf ihre Länder. Andererseits muss man dazu sagen, sind gerade diese Länder viel besser aufgestellt als die betroffenen Gebiete im Kongo. Welche Gegenmaßnahmen hat man da inzwischen ergriffen?

Addo: Schon früh im Ausbruch - der Ausbruch hat ja schon im letzten Jahr im August begonnen - sind die Nachbarländer miteinbezogen worden in die Maßnahmen zur Bekämpfung, es wurde schon in allen Ländern medizinisches Personal geimpft, vorsorglich, also falls es zu Fällen kommt. Es wurden die Gemeinden und die Dorfältesten geschult, die Länder der Region arbeiten sehr eng zusammen und werden auch von der WHO unterstützt.

Knoll: Wie viele Menschen sind inzwischen geimpft, haben Sie da Zahlen?

Addo: 150.000 sind nach dem letzten Stand der Dinge schon geimpft. Das sind vor allem medizinisches Personal und es wird nach dem Prinzip der Regelimpfung vorgegangen. Das heißt, wenn Fälle identifiziert werden, werden um diese Fälle herum alle bekannten Familienmitglieder und Kontakte geimpft – und auch noch die Zweitkontakte. Das ist das Prinzip, nach dem die Impfung momentan durchgeführt wird.

"Impfeffektivität wird auf über 97 Prozent geschätzt"

Knoll: Noch ist es ja ein experimenteller Impfstoff, aber Sie haben jetzt erstmals Zahlen vorgelegt im April: Der Impfstoff scheint zu wirken. Wie sehen die Zahlen aus?

Addo: Das ist eine sehr, sehr erfreuliche Nachricht, und man muss ja sagen, dass man Impfstoffwirksamkeit tatsächlich nur in einem Ausbruch überprüfen kann. Und die Impfeffektivität wird in diesem Ausbruch auf über 97 Prozent geschätzt. Das ist natürlich ein hervorragendes Ergebnis und sicherlich trägt das gerade in dieser schwierigen Situation im Land dazu bei, dass der Ausbruch derzeit nicht explodiert. Er ist zwar immer noch nicht unter Kontrolle, aber der Impfstoff ist eine wirksame Gegenmaßnahme.

Keine flächendeckende, sondern gezielte Impfung

Knoll: Wie viele Menschen kann man denn auf die Schnelle impfen? Idealerweise würde ja jetzt wirklich die ganze Region geimpft werden. Wie schnell kann man den Impfstoff produzieren? Vielleicht können Sie auch noch mal den Namen nennen, es waren ja mehrere Impfstoffe im Gespräch, die jetzt nach dem letzten Ausbruch in Westafrika entwickelt worden sind.

Addo: Der Impfstoff nennt sich RVSV Zebov und aktuell stehen noch mal 250.000 Impfdosen zur Versendung in den Kongo bereit. Wir glauben, dass wir zum Ende des Jahres noch einmal 100.000 Impfdosen verfügbar haben und auch für die Nachbarländer noch mal in den nächsten zwölf Monaten weitere 450.000 Impfdosen. Es bleibt trotzdem zu sagen, dass Impfstoff ein rares Instrument ist, wir haben nicht Impfstoff, um flächendeckend die Bevölkerung zu impfen, sondern müssen das ganz gezielt um die cases herum machen. Das ist auch in anderen Impfkampagnen schon bewiesen worden, dass das die effektivste Maßnahme ist.

Medikamente und Therapien noch im Text

Knoll: Im Kongo sind ja auch neue Therapien im Einsatz, auf Basis von Antikörpern zum Beispiel. Die sind 2014 bei dem Ausbruch bereits schon vereinzelt eingesetzt worden, aber eben noch nicht in einer systematischen Studie. Jetzt haben Sie den breiteren Einsatz: Können Sie denn schon eine Aussage machen, wie gut die wirken? Weil andererseits die Mortalitätsraten offenbar sehr hoch sind.

Addo: Die Mortalitätsraten im jetzigen Ausbruch sind sehr hoch. Im derzeitigen Ausbruch laufen klinische Studien, die vier Medikamente und Therapien gegen Ebola testen sollen, zwei davon sind Antikörpercocktails und zwei sind antivirale Medikamente. Es ist schwierig derzeit zu sagen, wie diese neuen Therapien wirken, weil es gibt noch keine belastbaren Zahlen, wie viele Patienten behandelt wurden mit diesen Medikamenten und wie das Outcome oder die Überlebensraten bei diesen behandelten Patienten sich darstellt. Ich denke, diese Daten und Ergebnisse werden wir in den nächsten Monaten, wenn der Ausbruch sich vielleicht insgesamt etwas beruhigt hat, sicherlich zur Verfügung gestellt bekommen. Und ich bin da sehr zuversichtlich, weil die Daten, die es bisher gibt zu diesen Medikamenten – auch in Einzelfallbehandlungen– sehr vielversprechend aussahen. Und wir hoffen, dass wir aus diesen Versuchen und Studien für die nächsten Ausbrüche noch einmal besser vorbereitet sind.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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