Sonntag, 26. Juni 2022

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Eclat-Festival in Stuttgart
Neue Musik in Auseinandersetzung

Auf dem Eclat-Festival in Stuttgart treffen junge und etablierte Komponisten der Neuen Musik aufeinander. Insgesamt 33 Werke wurden in diesem Jahr vorgestellt. Generationsübergreifend haben sich die Komponisten und Akteure mit aktuellen Herausforderungen auseinandergesetzt - mit dem digitalen Wandel, zwanghafter Selbstinszenierung und politischen Machtkämpfen.

Von Ines Stricker | 06.02.2017

Brigitta Muntendorfs "iScreen, YouScream!" auf dem ECLAT 2017.
Das Werk "iScreen, YouScream!" von Brigitta Muntendorf beim Eclat 2017. (Martin Sigmund)
Musik: Muntendorf, "iScreen, YouScream!"
Zehn geschlossene schwarze Boxen stehen auf der Bühne. Darin stecken acht Musiker, ein Dirigent und eine Schauspielerin. Die Akteure können einander nicht wahrnehmen – sie sehen nur den Dirigenten und agieren per Clicktrack, einer Art elektronischem Metronom. "iScreen, YouScream!", so der Name des Musiktheaters von Brigitta Muntendorf und Vincent Mesnaritsch, spiegelt die Situation in den sozialen Medien. Alle produzieren allein am Bildschirm mittels Webcam ihre eigene kleine Show, vom schlechten Musikvideo bis zur angedeuteten Sadomaso-Nummer. Aber es geht in "iScreen, YouScream!" nicht nur um Selbstdarstellung, so Komponistin Muntendorf.
Voyeuristische Einblicke
"Was bleibt mir übrig, wenn ich kein Feedback kriege? Was ich tun kann, damit ich merke, ich bin immer noch da: ich kann senden. Also ich kann mich inszenieren, ich kann für mich werben. Wir hatten auch mal gesagt ‚Eigentlich geht es nicht mehr darum, zu lieben, sondern dafür zu werben, geliebt zu werden‘."
Musik: Muntendorf, "iScreen, YouScream!"
Auch die Zuschauer bekommen bei dieser Suche nach dem echten Leben im virtuellen keinen Überblick. Ihnen sind in nur kurze voyeuristische Einblicke per Video in die Boxen gestattet, und auch die können echt oder gefakt sein, erklärt Bühnenbildner Vincent Mesnaritsch.
"Das Interessante an der Anordnung ist: Man glaubt, man hat’s verstanden, es funktioniert mit Live-Bild, der Kamermann wechselt; und dann kommen aber auch wieder Zuspielungen. Es gibt keine tatsächliche Sicherheit, wo man sich gerade befindet und was gerade live ist oder nicht."
"iScreen, YouScream!" mit dem von Brigitta Muntendorf gegründeten Ensemble Garage gehört zu den intensiveren Erlebnissen beim diesjährigen Eclat-Festival. Auch andere junge Komponisten setzten sich mit den Möglichkeiten und Zwängen ihrer digitalisierten, informations- und bildgesättigten Lebenswelt auseinander – mal mehr, mal weniger gelungen.
Zwanghafte Überindividualisierung und Selbstinszenierung
Handwerklich professionell und packend gingen etwa die österreichische Schriftstellerin Gerhild Steinbuch und Regisseurin Philine Rinnert im Live-Hörspiel für Performerin und Sounddesign "friendly fire" das Thema der zwanghaften Überindividualisierung und Selbstinszenierung an: Eine Frau auf der Suche nach ihrem ursprünglichen Körper und ihrer ursprüngliche Geschichte. Ein Erlebnis auch deshalb, weil die Frankfurter Schauspielerin Katharina Bach "friendly fire" mit geradezu selbstausbeuterischer Intensität zelebrierte.
Musik: Steinbuch, "friendly fire"
Für Gerhild Steinbuch birgt der aktuelle Zwang zur Selbstdarstellung auch politische Gefahren.
"Ich als irgendwie meine eigene Fabrik, in der ich arbeite, meine Kreativität als irgendwie meine Ware, die ich anbiete. Ich habe den Eindruck, dass daraus ja eine große Masse an Leuten entsteht und dass das zum Beispiel auch die Rechte oder die junge Rechte diese Sachen von Selbstverwirklichung und besonders und Hipsein und Alternativsein ja für sich nutzt und ausfüllt. Und da muss man einfach immer so dagegen gehen und versuchen, auf die Suche zu gehen nach einer politischen Sprecherinnenposition."
Freilich sind auch die Komponisten selbst immer auf der Suche nach dem ganz eigenen Stil: 33 Werke in ebenso vielen Besetzungen standen auf dem Eclat-Programm, und gelegentlich war nicht mehr zu unterscheiden zwischen audio-visueller Installation, Performance und Konzert.
Reminiszenz an die Vergnügungsparks auf Coney Island
Auch Steven Takasugis "Sideshow" für verstärktes Oktett und elektronisches Playback gehörte zu den Mischformen – eine faszinierende Reminiszenz an die Vergnügungsparks der New Yorker Halbinsel Coney Island zu Beginn des 20. Jahrhunderts, wo Besucher in so genannten Sideshows körperlich entstellte oder an Funktionsstörungen leidende Menschen als Attraktionen bestaunten. Bei Takasugi, einem der älteren Komponisten des Festivals, wurden die hervorragenden Instrumentalisten des Talea-Ensembles durch Mimik und Gestik zu beklemmend intensiven Darstellern einer erbarmungslosen Unterhaltungsmaschinerie, in der Andersartigkeit zur Kuriosität verkommt.
Musik: Takasugi, "Sideshow"
Wesentlich verhaltener ging Ulrich Kreppein mit dem Thema Verschiedenartigkeit um. Für "Echoräume" positionierte er an vier Ecken des größten Konzertsaalsaals im Theaterhaus vier verschieden besetzte Kammermusikensembles mit vier voneinander unabhängigen Partituren – eine Art Raumhörexperiment als Aufforderung, die Ohren für heterogene Eindrücke zu öffnen.
"Es ging mir schon darum, eine menschliche Situation darzustellen, mit diesem nicht-Ausblenden der Verschiedenheiten der Welt, in der wir uns bewegen, wo man dann auch das nicht-Ausblenden als eine Bereicherung erleben könnte."
Musik: Kreppein, "Echoräume"
Erinnerung an Opfer der internationalen Macht- und Verteilungskämpfe
Dass dramaturgische Spannung auch in einem herkömmlichen Konzertformat entstehen kann, zeigten die Abende mit den Ensembles des Südwestrundfunks: Im Abschlusskonzert am Sonntagabend mit dem SWR Symphonieorchester setzte Klaus Ospalds opulent besetzter, mikrotonal abgestimmter Klagegesang "Mas raíz, menos criatura" ("Mehr Wurzel, weniger Mensch") für Orchester, Klavier und acht Gesangsstimmen einen gewichtigen Schlusspunkt – auch inhaltlich, denn Ospald zitiert darin den spanischen Dichter und Franco-Gegner Miguel Hernandéz, der schonungslos an die Opfer der internationalen Macht- und Verteilungskämpfe erinnert.
Musik: Ospald, "Mas raíz, menos criatura"
Mit Klaus Ospalds Werk ging eine Eclat-Ausgabe zu Ende, die neben dem stellenweisen Eindruck des Skizzen- und Studienhaften auch eine erstaunlich wache und generationenübergreifende Auseinandersetzung mit den sozialen und kulturellen Herausforderungen der Gegenwart zeigt. Vielleicht auch deshalb waren die Konzerte sehr gut besucht bis ausverkauft. Und selbst die finanzielle Situation des Eclat-Festivals und der zeitgenössischen Musik allgemein hat sich in den letzten Jahren entspannt, wie Christine Fischer erklärt, Intendantin der Institution Musik der Jahrhunderte.
"Ich sehe das schon so, dass die zeitgenössischen Künste sehr verantwortungsbewusst in der Politik auch wahrgenommen werden, da sie ja auch uns den Interpretationsspielraum unseres eigenen Tuns geben und notwendig für die Gesellschaft sind. Das heißt, die Situation hat sich wirklich verbessert."