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StartseiteMusikjournal"Fidelio" hinter Gittern24.02.2020

Education-Projekt in der JVA Berlin-Tegel"Fidelio" hinter Gittern

Im Beethoven-Jahr inszeniert das Gefängnisensemble aufBruch der Justizvollzugsanstalt Berlin-Tegel die einzige Oper des Komponisten: "Fidelio". Gemeinsam mit der Education-Abteilung der Berliner Philharmoniker haben Ensemble-Mitglieder dafür ihre eigene Version erarbeitet.

Von Matthias Nöther

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Mauer der Justizvollzugsanstalt Berlin-Tegel (picture alliance/dpa - Arco Images/Schoening)
Die Oper "Fidelio" spielt in einem spanischen Staatsgefängnis. (picture alliance/dpa - Arco Images/Schoening)

Eine Justizvollzugsanstalt wird nicht plötzlich zum Kulturtempel. Wer hier den freigeistigen Opernflaneur spielen will, hat keine Chance. Die Wege sind streng vorgezeichnet, sie führen zunächst einmal nur hinein oder hinaus. Die Zuschauer gehen zu Fuß durch die Sicherheitsschleuse, die Künstler werden mit alten Diesel-Anstaltsautos zum Spielort gefahren. Sie kommen aus ihren Gefängniszellen. Das Ziel: Der riesige alte Gefängnistrakt aus der Kaiserzeit, der seit 2013 leer steht. Heute ist es die Theaterbühne des Gefängnisensembles aufBruch. Jedes Jahr findet hier eine neue Produktion statt. Es gibt Gefangene, die an der 11. oder sogar an der 15. Inszenierung mitwirken. Produktionsleiterin Sybille Arndt kennt sie alle, wenn sie auch längst nicht alles von ihnen weiß.

Sybille Arndt: "Und dann nur mal zum Hintergrund. Wir arbeiten mit den Insassen als Externe. Das heißt wir haben keinen Einblick in die Akten, wir haben keinen Einblick in die Straftaten und in die Behandlungsprofile. Das ist für uns auch überhaupt nicht wichtig, sondern wir gucken, was bieten uns die auf der Bühne als Schauspieler an. Deswegen kann es sein, dass sie keine Auskunft darüber geben, und das ist eigentlich für uns auch nicht relevant.

Monatelange Proben im Gefängnis

Gemeinsames Einsprechen: Knapp 20 Gefangene stehen im Kreis, zwischen ihnen der Regisseur Peter Atanassow. Seit drei Monaten trifft sich das Ensemble zu den Proben für "Fidelio". Simon Rössler, Schlagzeuger der Berliner Philharmoniker, hat besondere Wünsche in seinen Arrangements von "Fidelio" berücksichtigt.

Rössler: "Dass soviel Engagement auch von Seiten der Insassen kommt, hätte ich nicht gedacht. Sie wollten unbedingt rappen über die 5. von Beethoven, das haben wir dann auch gemacht und auch da was entworfen, wie man das am besten hinkriegt."

Der Sänger hat sich in bester Rapper-Manier den Künstlernamen "Resul Tat" zugelegt, begleitet wird er edel von Mitgliedern der Orchesterakademie der Philharmoniker. Es ist ein bewusst zersplitterter Abend – drei Besuchertribünen sind in zwei verschiedenen Gefängnistrakten provisorisch aufgebaut. Mit einem Ausschnitt aus einem Drama von Peter Weiss beginnt die Inszenierung – Beethoven ist auch hier mit von der Partie.

Rössler: "In Zusammenarbeit mit dem Regisseur Peter Atanassow und dem Dramaturgen Hans-Dieter Schütt haben wir natürlich im Austausch eine Version gefunden, die irgendwie Sinn macht. Und da sind wir dann auf immer neue Gedanken gekommen, auch Ideen. Zum Beispiel wenn sich die Geiseln am Anfang in dem Prolog darüber beschweren, wie die Zustände hier sind im Knast und warum man denn hier ist, läuft im Nebenzimmer 'Die Wut über den verlorenen Groschen'. Warum man denn so viel Geld investieren muss in die Befreiung aus dem Knast."

Zusehen ist der Komponist Ludwig van Beethoven. Das Porträt wurde von August von Klöber angefertigt. (akg-images / August von Klöber)Ludwig van Beethoven dargestellt in einer Lithografie von August von Klöber (akg-images / August von Klöber)

Doch das Gefängnistheater dringt auch unmittelbar in das Herz von Beethovens Opernpartitur vor. Gino, ein muskulöser Mann um die 30, singt die Marzelline.

Gino: "Viele haben sich nicht getraut, die Frau zu spielen, gerade noch im Knast. Und ich war einfach offen dafür und ich wollte mich mal testen, ob ich sowas kann. Ja, es klappt. Ich hoffe, es klappt."

Rössler: "So ein Gefängnis wirkt sehr stark auf den Körper. Das ist schon beängstigend und einengend. Und wenn man diese Musik dort hört, klingt sie anders als jetzt im Konzertsaal."

Doch Beethovens Musik ist nicht selten stärker als das Gefängnis. Mit den Stimmen reißt sie auch die Körper der Spieler mit. Die besten Stellen des "Fidelio" sind auch die eindrücklichsten dieser ungewöhnlichen Aufführung.

In drei Monaten Probenzeit hat der Darsteller des Pizarro stimmlich ein enormes Niveau erreicht. Den leidenden Florestan in der Gruft zu spielen, dürfte für einen realen Gefangenen dagegen ja keine große Kunst sein – ein albernes Vorurteil.

Ensemble-Mitglied: "Es macht tierischen Spaß"

Für diese Rolle hat das Gefängnistheater einen Darsteller ausgewählt, der zu den Erfahrensten zählt und der auch sonst künstlerisch tätig ist – als Buchautor. Als Sänger dagegen hält sich Chris Bär Templiner, wie er sich nennt, in "Fidelio" noch zurück.

Chris Bär Templiner: "Nur in den Chören singe ich natürlich mit, und das was uns die Judith, die uns hier als Musiklehrerin zur Verfügung steht, gelehrt hat, ist einfach mal göttlich. Ich hätte nie gedacht, dass ich so eine Stimme habe und dann noch so singen kann. Es ist extremer, es ist anders, weil ich es nicht kannte. Und vor allem dass man eine Oper so umbauen kann, dass sie dann auch zu einem Theaterstück wird, das hätte ich nie für möglich gehalten. Es macht tierischen Spaß, und ich gehe darin auf. Ich liebe das Theaterspielen, und das will ich auch draußen machen, wenn ich die Chance habe, rauszukommen."

Oper ist auch für das Team des Gefängnistheaters aufBruch nichts Alltägliches. Regisseur Peter Atanassow hat hier viel Sprechtheater inszeniert und in der neuen Produktion überraschende Erfahrungen gemacht.

Atanassow: "Dass die Schauspieler eine Woche vor der Premiere krank werden. Das ist total üblich am Stadttheater. Das kannte ich im Knast eigentlich nicht so. Das ist jetzt hier auch das erste Mal passiert. Wo man sagt: Was ist denn hier los? Aber das wird ja seine Gründe haben. Diesmal ist, glaube ich, der Druck auf die Figuren, die durch das Stück führen, nochmal viel größer. Weil sie natürlich singen müssen, jeder hat ein bis zwei Arien, jeder ist in einem Duett drin, ist in einem Rezitativ drin. Die Szenen selber sind schnell, sind temporeich. Das hat ja wirklich was von Komödie. Tür auf, Tür zu."

Und dann heißt es: Tür zu. Die Gefangenen müssen um 20:30 Uhr in ihre Zellen zurück. Die strikten Abläufe der Justizvollzugsanstalt ins Wanken zu bringen – diese Kraft hat auch Beethovens große Freiheitsoper bei weitem nicht.

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