Mittwoch, 28. September 2022

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Ehemaliges Gefängnis Patarei in Tallinn
Sowjetkerker mit Partystrand

Das halb verfallene Gefängnis Patarei in Estlands Hauptstadt Tallinn hat eine bewegte Geschichte hinter sich. Einst wurden hier Soldaten stationiert, dann nutzten es die Nazis als Arbeits- und Konzentrationslager, 2002 wurde die Haftanstalt geschlossen. Seit einigen Jahren hat sich das Gemäuer als Partylocation etabliert.

Von Christoph Kersting | 17.07.2016

    Stockbetten im früheren Gefängnis Patarei, Tallin
    Stockbetten im früheren Gefängnis Patarei, Tallin (imago / Westend61)
    Der Stadtteil Kalamaja im Nordosten der Altstadt von Tallinn: Bis zum Rathausplatz und den engen mittelalterlichen Sträßchen der ehemaligen Hansestadt sind es nur 15 Gehminuten. Doch Touristen verirren sich, wenn überhaupt, eher zufällig nach Kalamaja – dabei hat sich das Viertel in den vergangenen Jahren zum hippen Wohnquartier mit viel Glas, bunten Fassaden, Cafés und Szenebars gemausert. Aber auch traditionelle Holzhäuser und Kulturzentren in alten Fabrikhallen haben ihren Platz hier.
    Monströser, düsterer Bau
    Unmittelbar an den Ostseestrand grenzend, erhebt sich inmitten von Wohnhäusern ein monströser, düsterer Bau. Jede Flanke des dreieckigen Gebäudes misst über 100 Meter.
    Nikolaj Kask steht vor dem rostigen Tor im Norden des Areals und zückt einen großen Schlüssel. Auch heute klemmt das Schloss mal wieder, und Nikolaj muss rohe Gewalt anwenden, um das Eisentor schließlich doch noch aufzuschieben.
    Nikolaj steht jetzt in einer Art Vorraum des düsteren Gebäudes. Es riecht modrig, die Farbe blättert von den Wänden. Durch das löchrige Dach und zerbrochene Fenster zieht der Wind, die Ostsee ist leise zu hören. Nikolaj drückt auf einen Lichtschalter und erzählt die Geschichte der Festung, die später Militär-Gefängnis wurde:
    "Patarei ist geplant und gebaut worden als russische Marine-Festung unter Zar Nikolaus I.. 1840 wurde der Bau fertig. 2000 Soldaten waren hier in der Regel stationiert. Es gab dann weitere Anbauten, nach Ende des Krimkrieges 1856 etwa. Und seit der ersten Unabhängigkeit Estlands im Jahr 1918 war Patarei das zentrale Stadtgefängnis von Tallinn."
    Arbeits- und Konzentrationslager
    Die Deutschen nutzten die Seefestung dann vier Jahre lang als Arbeits- und Konzentrationslager. Bis zu 4500 Gefangene waren in jener Zeit in der Seefestung untergebracht. 1943 erschossen die Nazis 200 estnische Juden im Hof von Patarei, bevor das vier Hektar große Areal ab 1945 sowjetisches Militärgefängnis wurde. Es folgte nach 1991 das letzte Kapitel in der Geschichte des Stadtgefängnisses: 2002 wurde die Haftanstalt endgültig geschlossen, und Nikolaj Kask war der letzte Gefängnisdirektor. Würde jemand einen Film drehen wollen über Patarei – Nikolaj würde noch immer problemlos für die Rolle des Direktors gecastet mit seinem grimmigen, wettergegerbten Gesicht und der knarzigen Stimme.
    Nikolaj läuft über den Innenhof, vorbei an einer Reihe käfigartiger Außenzellen ohne Dach. Hier, erzählt der 68-Jährige, durften die Gefangenen einmal pro Woche an die frische Luft, auch bei zweistelligen Minusgraden. Über Lautsprecher habe das Gefängnispersonal dabei laute Musik gespielt, damit die Gefangenen sich nicht unterhalten konnten. Das sei ein Gefängnis und kein Sanatorium gewesen, sagt Nikolaj halb ernst halb scherzhaft.
    Einmal die Woche frische Luft
    Im Innern des Gebäudes dann leuchtet er die Gefängnisflure mit einer kleinen Lampe an seinem Mobiltelefon aus. Elektrisches Licht gibt es hier schon lange nicht mehr, dafür sind in vielen Zellen die Matratzen noch immer mit geblümten Laken bezogen. Im Krankentrakt stehen OP-Lampen, ein Zahnarzt-Stuhl und Schreibtische mit russischen, von Hand ausgefüllten Formularen darauf. Die Zellen waren eigentlich für 6 bis 8 Häftlinge ausgelegt – in der Theorie, sagt Nikolaj.
    "In so einer Zelle waren auch schon mal 18, 19, oder 20 Gefangene untergebracht. Da hinten, hinter der kleinen Mauer ist ein Abtritt. Die Zellen-Fenster auf der Meerseite hat man Ende der 70er Jahre mit Stahlplatten dicht gemacht. 1980 waren ja die Olympischen Spiele, und in Tallinn fanden die Segelwettbewerbe statt. Man wollte verhindern, dass da irgendetwas nach außen dringt von den Häftlingen."
    Wand mit Einschusslöchern
    Es geht weiter durch den "Transit-Bereich". Von hier aus wurden Gefangene zu Sowjetzeiten in sibirische Arbeitslager verschickt. Am Ende des Rundgangs steht Nikolaj tief unten in den feuchten Gewölben der alten Trutzburg vor einer Wand mit Einschusslöchern. In diesem Raum wurden Todesurteile vollstreckt - das letzte im Dezember 1991.
    Für den ehemaligen Gefängnisdirektor ist der düstere Bau ein Ort, der an die lange russisch-estnische Geschichte erinnert und darum erhaltenswert.
    "Keine Ahnung, wie es hier weitergeht. Es gab Pläne, dass hier die Kunstakademie einzieht. Aber das hat nicht geklappt. Meiner Meinung nach sollte in dem zentralen Gebäudeteil ein Museum errichtet werden, das die Geschichte der Festung dokumentiert. In den Anbauten können dann ja meinetwegen Restaurants oder ein Hotel entstehen. Platz gibt es jedenfalls genug."
    Party am Gefängnisstrand
    Einen Teil der zerfallenden Festung haben sich die Bewohner der Hauptstadt unterdessen schon zurückerobert: Im Sommer werden am ehemaligen Gefängnisstrand Partys mit Liegestühlen gefeiert.