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StartseiteForschung aktuell"Leute mögen es nicht, wenn sie sich als Diebe fühlen müssen"21.06.2019

Ehrlichkeits-Studie"Leute mögen es nicht, wenn sie sich als Diebe fühlen müssen"

Je mehr Geld in einer verlorenen Geldbörse steckt, umso höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass sie vom Finder zurückgegeben wird - so das Ergebnis einer Studie. Für die meisten Menschen fühle sich das sonst an wie Stehlen, sagte Studienautor Christian Zünd im Dlf.

Christian Zünd im Gespräch mit Monika Seynsche

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Jemand hebt eine Geldbörse auf, die ein Fußgänger offensichtlich verloren hat (Andrey Popov / imago images / Panthermedia)
Scheinbare paradoxes Verhalten: Je mehr Geld in der verlorenen Börse ist, um so höher die Wahrscheinlichkeit, dass sie zurückgegeben wird - so das Ergebnis einer Studie. (Andrey Popov / imago images / Panthermedia)
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Monika Seynsche: Stellen Sie sich vor, sie finden auf der Straße ein Portemonnaie. Würden Sie versuchen, es seinem Besitzer zurück zu geben? Es gibt ein klassisches ökonomisches Modell das sagt, nein. Das machen die Leute nicht.  Sie behalten das Geld lieber. Forscher aus der Schweiz und aus den USA haben dieses Modell jetzt überprüft. Einer dieser Forscher ist Christian Zünd von der Universität Zürich. Ihn habe ich gefragt, was genau sie da gemacht haben.

Christian Zünd: Wir haben Briefbörsen mit und ohne Geld auf der ganzen Welt verteilt. Wir waren da in 40 Ländern unterwegs, und das waren insgesamt mehr als 17.000 Briefbörsen. Wir sind zum Empfang gegangen von einem Hotel oder einer Bank oder was Ähnlichem und haben das da abgegeben und dann gesehen, ob sie versuchen, uns das zurückzugeben und uns kontaktieren werden. In der Briefbörse, da waren ein paar Visitenkarten, und die hatten Kontaktdetails von dem fiktiven Besitzer, von einem Teil, und wir haben dann gesehen, ob sie versucht haben, uns zu kontaktieren oder nicht.

Seynsche: Und was ist dabei herausgekommen?

"Wenn kein Geld drin ist, fühlt es sich nicht wie stehlen an"

Zünd: Das Erstaunlichste für uns war, dass in so gut wie allen Ländern die Leute das deutlich häufiger gemacht haben, wenn Geld in der Briefbörse drin war als wenn da kein Geld drin war.

Seynsche: Aber wie kommt das denn? Das ist doch eigentlich unlogisch. Dann könnte man doch eigentlich das Geld behalten.

Zünd: Ja, uns hat das schon überrascht. Das ist schon so. Wir sind dann der Frage nachgegangen und haben weitere Experimente gemacht, wo wir Leuten die Brieftaschen gezeigt haben. Wir haben sie dann gefragt, wie sehr sich das wie stehlen anfühlen würde, wenn sie den Besitzer nicht kontaktieren. Was sich gezeigt hat ist, wenn da kein Geld drin ist, dann fühlt sich das nicht wie Stehlen an. Wenn da etwas über zehn Euro drin sind, dann fühlt sich das plötzlich bereits wie Stehlen an. Wenn da deutlich mehr Geld drin ist, so gegen 100 Euro, dann fühlt sich das so richtig wie Stehlen an, und die Leute mögen es nicht, wenn sie sich als Diebe fühlen müssen.

Seynsche: Dann fühlt es sich wie stehlen an, aber dann lohnt sich das Stehlen auch vielmehr.

Zünd: Das stimmt natürlich schon, aber es scheint doch so zu sein, dass für einen großen Teil von den Menschen die Abneigung dagegen, sich wie ein Dieb fühlen zu müssen, stärker ist als der relativ kleine Gewinn, den sie da machen könnten, wenn sie das Geld einstecken.

Seynsche: Haben Sie denn auch Unterschiede zwischen den Ländern gefunden? Also gibt es Länder, in denen die Portemonnaie besonders oft zurückgegeben werden oder welche, in denen sie selten zurückgegeben werden?

Zünd: Das haben wir schon gesehen. Innerhalb von Europa gibt es ein Nord-Süd-Gefälle. Die skandinavischen Länder, die sind da sehr weit vorne. Die Schweiz, freut uns natürlich als Schweizer, ist ebenfalls sehr weit vorne. Südeuropa fällt dann schon etwas ab. Über die ganzen 40 Länder war es so, dass die tiefsten Länder – China, Marokko, Kasachstan, Peru –, kam dann doch vier- oder fünfmal weniger zurück als beispielsweise in Schweden oder Dänemark.

Seynsche: Das heißt, die Ehrlichkeit der Finder hat aber auch was mit dem Einkommen der Finder zu tun, ob sie jetzt viel Geld haben oder ob sie wenig Geld haben.

Der Faktor "Korruption"

Zünd: Bis zu einem gewissen Grad stimmt das natürlich schon, aber es ist schon auch so, dass es da relativ reiche Länder gibt wie die USA, die nur so etwas im Mittelfeld sind, sehr, sehr reiche Länder wie beispielsweise die Vereinigten Arabischen Emirate, die eigentlich sehr weit unten im Ranking sind, und jetzt nicht ganz so reiche Länder wie Rumänien, die da doch im vorderen Mittelfeld mitspielen. Aber es stimmt schon, das Einkommen scheint eine Rolle zu spielen, und es ist so, dass wenn man jetzt die Länder vergleicht, dann ist es schon auch so, dass korruptere Länder teilweise eine tiefere Rücklaufquote haben als Länder, die jetzt weniger korrupt sind.

Seynsche: Können Sie sich das erklären?

Zünd: Es ist natürlich ein kleines bisschen spekulativ, sage ich jetzt, aber es scheint schon so zu sein, dass einerseits die Kultur von einem Land natürlich eine Rolle spielt und die Erfahrungen, die Leute selbst auch gemacht haben, wie Korruption, und es scheint auch gewisse kulturelle Faktoren zu geben. Das sind Länder, wo es natürlich ist, wo man eine längere Erfahrung damit hat, dass man in einer großen Gruppe mit Fremden interagiert und verhandelt, eine höhere Rücklaufquote haben als andere Länder, was doch bis vor Kurzem noch so war, dass man nicht nur in einer sehr, sehr kleinen Gruppen, mit denen man verwandt war, zusammengelebt hat und eigentlich nur Handel getrieben hat mit Leuten, die jetzt ein Cousin von einem Cousin von einem Freund waren beispielsweise.

Seynsche: Macht es einen Unterschied, ob in so einem Portemonnaie jetzt einfach nur Geld drin ist oder ob da vielleicht auch ein Schlüssel drin ist, der ja dem Finder überhaupt nichts bringen würde?

Zünd: Das macht schon einen Unterschied. In den allermeisten von unseren Briefbörsen waren Hausschlüssel mit drin, und die Idee mit dabei war schon, dass es sonst keinen Grund gibt, das zurückzugeben. Wenn es jetzt nur Visitenkarten und eine Einkaufsliste ist, das ist ja nicht so schlimm für den Besitzer, wenn er das jetzt nicht kriegt. Jetzt war es aber so, dass wir ausprobiert haben, was passiert, wenn wir den Schlüssel nicht reinlegen, und wenn der nicht drin ist, dann geht das doch so 20, 25 Prozent zurück. Es scheint also schon so zu sein, dass ein Teil von der Motivation von den Leuten auch wirklich ist, dass sie da dem Besitzer etwas Gutes tun möchten und sie wollen, dass er sein Eigentum zurückkriegt.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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