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StartseiteForschung aktuellOlivenbauern zwischen Existenzsorgen und Mafia-Verschwörungstheorien13.05.2016

Ein Bakterium bedroht Ölbäume in ItalienOlivenbauern zwischen Existenzsorgen und Mafia-Verschwörungstheorien

Das Bakterium Xylella fastidiosa ist ein gefürchteter Pflanzenschädling. Es löst die Pfirsich-Krankheit aus, verursacht Zitrus-Krebs und befällt auch Olivenbäume. Auf Anordnung der EU wurden in Süditalien deshalb vorsichtshalber tausende Olivenbäume gefällt. Inzwischen beschäftigt das Feuerbakterium auch Gerichte und es blühen die Verschwörungstheorien.

Von Lucian Haas

Eine Landschaft voller Oliven-Plantagen (imago stock&people)
Die Zukunft der Oliven in Italien sieht wieder etwas besser aus (imago stock&people)
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Seit mehr als einem Jahr herrscht bei den Olivenbauern in Apulien, dem Stiefelabsatz Italiens, der Ausnahmezustand. Gemäß der Pflanzenquarantäne-Richtlinie der EU sind sie verpflichtet, Tausende der alten Olivenbäume, die dort die Landschaft prägen, zu roden und zu verbrennen. Viele Bäume sind von einem Bakterium befallen, das bis vor wenigen Jahren nur außerhalb Europas vorkam, aber weltweit als einer der gefährlichsten Pflanzenschädlinge gilt: Xylella fastidiosa. Der Erreger lässt die Pflanzen gnadenlos absterben.

"Das Bakterium wird zunächst in die Pflanze reingetragen durch Insekten, die an der Pflanze saugen. Dann wird das Bakterium sich in das Xylem, also das Leitgewebe der Pflanze begeben. In einem ganz bestimmten Punkt entscheidet sich das Bakterium, sich zusammen zu klumpen und dann eine Art Biofilm zu bilden, der die Xylem-Leitbündel verschließt und den Wassertransport abschnürt, so dass die Pflanze dann vertrocknet."

Tatsächliches Infektionspotenzial noch unklar

Stephan Winter ist Pflanzenpathologe. Er leitet eine von der Europäischen Agentur für Lebensmittelsicherheit (EFSA) einberufene Ad-Hoc-Arbeitsgruppe, die die Gefahren abschätzen soll, die von Xylella fastidiosa für die Landwirtschaft in Europa ausgehen. Als 2013 die ersten Infektionen in Süditalien gemeldet wurden, herrschte in der Fachwelt blankes Entsetzen. Xylella ist in Kalifornien als Schädling im Weinanbau gefürchtet, in Südamerika wütet das Bakterium in Zitrusplantagen. Jetzt entpuppte sich der Erreger auch als gefährlich für Oliven. Wichtige Wirtschaftszweige in Südeuropa könnten demnach in Existenznöte geraten, sollte Xylella sich von Apulien aus weiter ausbreiten. Soweit die apokalyptische Vorstellung. Mittlerweile liegen aber Ergebnisse erster Studien zum tatsächlichen Infektionspotenzial vor. Kurz gefasst: Es gibt noch Hoffnung.

"Xylella fastidiosa ist ein Bakterium, für das es mehrere Subspezies gibt. Und diese Subspezies haben einen ganz gewissen Wirtskreis", erklärt Stephan Winter. Mittels genetischer Analysen wurde mittlerweile der Erreger in Süditalien als Subspezies "Pauca" identifiziert. Infektionsversuche zeigten: Die Pauca-Variante befällt zwar Oliven und Oleander, ist aber für Wein und Zitrusfrüchte nicht gefährlich. Und selbst bei den Olivenbäumen ist die Lage nicht völlig ausweglos. "Es gibt eben Olivenbäume oder Sorten, die eine geringere Anfälligkeit haben. Und es gibt auch Anzeichen dafür, dass es resistente gibt. Wie lange es dauert, so eine resistente Sorte dann auch marktfähig zu machen, ist eine andere Frage."

Es wird Jahre dauern, die passenden Strategien für den langfristigen Umgang mit Xylella fastidiosa in Europa zu entwickeln. Die Akut-Maßnahmen, inklusive Rodung Tausender Olivenbäume, welche die EU verordnet hat, hält Stephan Winter für absolut erforderlich. "Einen Erreger loswerden kann man zunächst nur durch scharfe Quarantäne. Durch sehr intensive Einhaltung der Regularien, auch wenn sie einem nicht passen."

Widersprüche zwischen EU-Quarantäneplanern und italienischen Juristen

Viele Olivenbauern sehen das allerdings anders. In Apulien grassieren Verschwörungstheorien. Eine davon lautet: Die Mafia soll Wissenschaftler der regionalen Universität Bari bestochen haben, das Xylella-Bakterium in die Umwelt zu entlassen – angeblich mit dem Ziel, abgestorbene Olivenhaine als billiges Bauland für Tourismusprojekte ergattern zu können. Ein Staatsanwalt hat deswegen sogar ein Untersuchungsverfahren gegen eine Reihe von Forschern eingeleitet. "Wir fühlen mit den Wissenschaftlern, die gerade dort vor Ort sehr, sehr unter Beschuss stehen. Aber wir können davon ausgehen, dass das keinen Fuß hat."

Mehr Sorge bereitet Stephan Winter allerdings noch eine andere Entwicklung. Ein örtlicher Richter hat per einstweiliger Verfügung alle Rodungsmaßnamen erst einmal auf Eis gelegt. Es sei noch nicht ausreichend geklärt, ob Xylella tatsächlich der Auslöser für das Olivensterben sei, so die Begründung. Hier offenbaren sich Widersprüche von EU-Quarantäneplanern und italienischen Juristen. Die einen entscheiden im Zweifel gegen, die anderen für die Olivenbäume als Angeklagte im Fall der Xylella-Verbreitung. Klar ist derzeit nur: Der Xylella-Ausbruch wird Italien noch über Jahre hinaus auf vielen Ebenen beschäftigen.

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