Sonntag, 02. Oktober 2022

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Ein Besuch in Spaniens Nationalpark "Pico de Europa" in Asturien

Viele von uns denken an Sonne, Strand und Meer und an eine eher karge Landschaft, wenn sie an Spanien denken. Aber es gibt auch eine grüne Seite und das ist der Norden des Landes mit den Provinzen Galicien, Kantabrien und dem Baskenland sowie dem Fürstentum von Asturien - ganz oben, an der Atlantikküste. Und weil diese aus Bergen und Wäldern bestehende Landschaft so schön grün ist, wurde dort ein provinzübergreifender Nationalpark eingerichtet, der Nationalpark von Covadonga, der - und das ist das besondere - sich auch unterirdisch erforschen lässt - in Höhlen nämlich. Guido Meyer hat diesen Nationalpark im spanischen Asturien besucht.

von: Guido Meyer | 15.08.2001

    Endlich sind wir in Europa! Das war der erleichterte Ausruf spanischer Seefahrer im 16. Jahrhundert, die heimkehrten aus der Neuen Welt und vom Atlantik aus die Gebirgszüge im Norden der iberischen Halbinsel erblickten. Die nämlich waren das erste, was sie von ihrer Heimtat wieder zu Gesicht bekamen, und so nannten sie die Berge Picos de Europa – die Spitzen Europas, die teilweise bis zu eintausendzweihundert Meter hoch sind.

    Wir sind hier im Nationalpark Picos de Europa, der 1918 als einer der ersten in Europa eingerichtet wurde, erzählt Remis Pachu, Führer in dem Gelände. Und damit war er der erste Nationalpark in Spanien überhaupt, der sich auf einer Fläche von fast 25 Tausend Hektar rund um die Stadt Covadonga erstreckt, im Süden des Fürstentums Asturien. Seine gesamte Ausdehnung ist jedoch mehr als doppelt so groß und reicht in die angrenzenden Provinzen Kastilien-Leon und Kantabrien hinein.

    Das Besondere am Nationalpark Picos de Europa ist – genau wie in Schweden oder in der Schweiz – seine Lage im Hochgebirge, die in Spanien sonst nur noch der Nationalpark von Ordessa in der Provinz Aragon aufweisen kann. Das Gelände um Covadonga ist erst Ende der 90er Jahre erweitert worden und beheimatet unter anderem die von den Arabern ausgesiedelte Wildkatze Jineta, die meisten freilebenden Wölfe in Europa und rund achtzig Braunbären. Kein Wunder, dass die Picos Bergsteiger, Geologen und auch Höhlenforscher aus ganz Europa anziehen. Auch Thomas Kunze aus Deutschland:

    Ich fand's ziemlich spannend, muss ich sagen; wirklich. Man muss sich ziemlich zurücklehnen und muss sich irgendwie auf dieses Tau verlassen. Und vor allen Dingen der Anfang, als ich an den Rand kam und mich zurücklehnte ... das fand ich irgendwie doch ein bisschen merkwürdig.

    Die über 160 Höhlen in der Gegend rund um die Stadt Llanes bilden eine der Anziehungspunkte des Parkes; besteht die Region doch überwiegend aus den drei Elementen Wald, Gebirge und Höhle. Der Amateur-Kletterer Thomas Kunze hat hier gerade den fünfzehn-meter-tiefen Abstieg hinter sich gebracht, mit Seil und Carabinerhaken gesichert von Alex Norriega.

    Der Einstieg in diese Höhle hier ähnelt einem Brunnen, der senkrecht in die Erde geht. Wir nennen sie daher El Pozo. Man sollte aber nur mit einem Führer oder wenigstens zu zweit den Einstieg wagen, wenngleich die Höhlen in dieser Region alle frei zugänglich und weitestgehend erforscht sind, was den Grad ihrer Gefährlichkeit und die begehbaren Routen angeht.

    Frida Bordon hat die fünfzehn Meter ebenfalls hinter, oder besser: über sich gebracht. Nur eine kleine Probe für Anfänger und Amateure, bringt es eine andere Höhle in Asturien, die dritttiefste der Welt, doch auf einen 1600 Meter tiefen Einstieg. Und wenn man erst einmal unten und drinnen ist, erklärt einem Pedro Cembredos ein Phänomen:

    In dieser Tropfsteinhöhle gibt es neben den Stalgmiten und Stalagtiten, die senkrecht von der Drecke beziehungsweise vom Boden wachsen, auch besondere Formen, die sich quer – also parallel zum Boden – bilden oder teilweise sogar bogenförmig. Das ist in Europa einmalig und kann von den Geologen noch nicht ganz genau erklärt werden.

    Eine Theorie sind Aufwinde im Höhleninneren, erlärt Pedro Cembredos. Wenige Kilometer weiter nördlich liegt das Fischerdorf Ribadesella, an der Mündung des Flusses Sella ins Kantabrische Meer. In der hiesigen Höhle "Tito Bustillo", benannt nach einem ihrer Entdecker, gibt es neben Tropfsteinen auch Gemälde:

    Rund 20 000 Jahre alt dürften die Malerein sein, die den Touristen hier gezeigt werden. Pferde und Rentiere, in rot und schwarz, gestreift und uni, mit Kohle an die Höhlenwände und –decken gezeichnet, die sich am besten erkennen lassen, wenn man von unterhalb an die Höhlendecke blickt.

    Bleibt die Frage, wie die kleineren Höhlenmenschen im Paläolithikum ihre so hoch gelegene Malfläche erreicht haben. Vielleicht, indem sie Sand und Steine als Untergrund aufwarfen, vielleicht, indem einfach der Maler auf den Schultern eines Höhlenbewohners thronte. Neue, gute und glaubwürdige Theorien sind jedenfalls immer willkommen.