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Ein Bild ist ein Bild ist ein Bild

Schäfer-Noske: Vor gut drei Jahren ist Gerhard Richter 70 geworden und das Museum of Modern Art in New York hat ihm eine große Retrospektive ausgerichtet. Im Zentrum stand dabei nicht zuletzt der Zyklus über die RAF-Mitglieder, den das MoMA vor einigen Jahren angekauft hatte und damit eine Lücke in Sachen politischer Nachkriegskunst in Deutschland hinterließ. Als klar war, dass diese New Yorker Ausstellung nicht nach Deutschland kommen würde, da hat man bei der Kunstsammlung NRW in Düsseldorf und am Münchener Lenbachhaus beschlossen, gemeinsam eine eigene Richterausstellung auf die Beine zu stellen. Zwar sollte sie nicht so groß werden, wie die amerikanische aber man wollte den Künstler, der zurückgezogen in Köln lebt, in die Planung miteinbeziehen. Diese Ausstellung ist nun eröffnet worden in der Kunstsammlung NRW - K20 in Düsseldorf. Stefan Koldehoff, der RAF-Zyklus war ja nun nicht zu sehen, aber Richter hat ja auch vieles andere gemacht. Hat man sich denn auf einen Bereich des Werks spezialisiert oder ist von allem irgendwas zu sehen?

Moderator: Doris Schäfer-Noske | 14.02.2005
    Koldehoff: Man hatte ursprünglich vor, sich auf eine Werkgruppe zu konzentrieren, und zwar auf die Arbeiten mit Glas. Gerhard Richter hat sich in den letzten Jahren darauf konzentriert, tatsächlich Glasscheiben zu bemalen, Bilder mit Glas zu versehen, so dass sie spiegeln und wieder die eigene Wahrnehmung in Frage stellen, weil man eben nicht nur das Bild sieht, sondern auch sich selbst und die Umgebung, in der das Bild wirken soll. Die Fensterfunktion, die das Bild klassisch mal in der Kunst hatte, war damit weggenommen. Er hat Glasscheiben, die halb lichtdurchlässig, halb reflektierend waren, zwölf, vierzehn Stück hintereinandergestapelt, so dass, wenn man davor stand, man ein ähnlich verschwommenes Bild von sich selbst gewinnen konnte, wie man das bei Richters Bildern kennt. Aber man hat dann irgendwann im Laufe der Vorbereitungen für diese Gerhard Richter Glasarbeitenausstellung festgestellt, dass es vielleicht doch nicht ausreicht und ist letztlich dann doch dazu gekommen, eine Retrospektive auf die Beine zu stellen. Retrospektive, in der, das haben Sie gerade schon gesagt, einige zentrale Bilder aus dem Oeuvre fehlen. Man könnte neben dem RAF-Zyklus vielleicht noch den berühmten Akt, der die Treppe hinuntersteigt oder Onkel Rudi, ein Portrait eines Verwandten in einer SS-Uniform, nennen. Richter selbst hat dazu gesagt, für mich sind eigentlich alle Bilder wichtig, ich habe ungefähr 3.000 gemalt im Laufe meines bisherigen Künstlerlebens und es wird immer irgendwas fehlen. Das sieht er selbst nicht als Manko an.

    Schäfer-Noske: Richter hat auch mal von sich selbst gesagt, dass er eigentlich kein Thema hätte. Trotzdem drehen sich ja seine Arbeiten alle um einen bestimmten Begriff. Worum geht es ihm eigentlich?

    Koldehoff: Sie habe vorhin den Begriff der Unschärfe angesprochen beziehungsweise die Frage nach der Wahrnehmung. Vielleicht würde Ihnen Richter da widersprechen. Er würde wahrscheinlich sagen, Unschärfe kann es gar nicht geben in der Malerei. Farbe auf einer Leinwand kann nicht unscharf sein, lediglich unsere Vorstellung von dem, was wir da sehen oder nicht sehen, das kann vielleicht zu einem Unschärfeempfinden führen. Die Großartigkeit des Oeuvres, das da wirklich opulent ausgebreitet ist im Düsseldorfer K20 liegt ja gerade daran, dass sich dieser Mann seit den Sechszigerjahren quer durch alle Modeerscheinungen, quer durch alle Trends der Malerei, immer wieder der einen Frage gewidmet hat, was kann die Malerei leisten. Er würde also nie sagen, hier ist das und das abgebildet, hier ist das und das zu sehen oder meine Interpretation gar von dem und dem gegeben. Er würde immer sagen, es ist ein Bild von einem Menschen, es ist ein Bild von einem Auto und ich wollte damit ausprobieren, wozu die Malerei imstande ist. Wenn man sich das anguckt, die Düsseldorfer Ausstellung ist nach thematischen Gruppen gehängt, nicht chronologisch, sondern nach Sachzusammenhängen, beginnend mit einem großartigen Raum mit Landschaften, setzt sich dann fort über vollkommen ungegenständliche Arbeiten, die so genannten Farbfelder, die nach Farbmusterkarten aus Farbgeschäften entstanden sind, geht dann weiter über die Abmalungen nach Fotos, für die Richter berühmt geworden ist, setzt sich fort über die Abstraktion bis hin zu ganz neuen Bildern aus dem Jahre 2004 und sogar 2005. Dann ist es schon erstaunlich zu sehen, wie unerhört eigentlich trotzdem, obwohl nicht chronologisch gehängt ist, all diese Werkgruppen in ihrer eigenen Zeit waren. 1964 fängt dieser Mann an, Fotos abzumalen, das heißt, auf unerhörte Weise den künstlerischen Geniebegriff völlig infrage zu stellen, weil er gar keine eigenen Bilder oder Bildthemen schafft, sondern sagt, Fotos sind doch tolle Vorlagen, die sind objektiv, die fälschen nichts, ich male einfach Fotos ab, ich bringe gar nichts eigenes ein, sondern male nur ab. 1968, als die Kunst gefälligst, man denke an Beuys, politisch zu sein hatte, geht er hin und malt Landschaften, malt Seestücke, malt Wolkenbilder. In den 80er Jahren, als dann langsam die Malerei wieder aufkommt, mit den so genannten jungen Wilden aber auch mit Menschen, wie Baselitz oder Immendorff, die nie aufgehört haben, gegenständlich zu malen, geht er hin und schmiert in verschiedenen Schichten Farbe auf die Leinwände, fährt mit großen Brettern oder Rakeln darüber und verschmiert das ganze. Man sieht auf wunderbare Weise, wie er immer wieder die eigenen Möglichkeiten in Frage stellt. Leider sieht man das auch in einer ziemlichen Breite, die ein bisschen erschlägt in Düsseldorf. Also ein wenig mehr Konzentration hätte dieser Ausstellung gut getan.

    Schäfer-Noske: Wie kommt es denn, noch mal kurz zum Schluss gefragt, Herr Koldehoff, dass man Gerhard Richter in Deutschland erst so spät gewürdigt hat?

    Koldehoff: Das ging los mit einer Ausstellung 1986 in der Düsseldorfer Kunsthalle. Vielleicht liegt es tatsächlich daran, dass er immer gegen den Strich gebürstet hat, obwohl er das nie gewollt hat, immer gegen alle Trends gemalt hat, nie Mode war. Das hat man einfach erst spät erkannt.

    Schäfer-Noske: Stefan Koldehoff war das über die Gerhard Richter Ausstellung in Düsseldorf.
    Gerhard Richter: Motorboot (1. Fassung), 1965, Privatsammlung
    Gerhard Richter: Motorboot (1. Fassung), 1965, Privatsammlung (Gerhard Richter)