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Ein ganz besonderer Arbeitsplatz

Auch dieses Jahr Weihnachten und zu Silvester wird sie wieder erklingen - die Sigismundglocke im Prager Dom. 16 Tonnen ist sie schwer, und es braucht vier Männer, um sie zum Klingen zu bringen.

Von Christna Janssen | 24.12.2010

    Einen Glöckner stellen sich die meisten anders vor: Tomas Starecky ist 1 Meter 85 groß, schlank und durchtrainiert.

    "Die meisten denken natürlich erst mal an den Glöckner von Notre Dame, grinst der 48-jährige: alt und mit Buckel. Die Leute kriegen oft einen richtigen Schock, wenn sie sehen, dass wir keine hässlichen Greise sind."

    297 steile Stufen steigt der studierte Astronom jeden Sonntag mehrmals hinauf – zu seinem Arbeitsplatz im Glockenturm des Prager Veitsdoms.

    "Der Glockenstuhl hat zwei Stockwerke. Im unteren ist die Sigismund-Glocke, im oberen hängen die Glocken Wenzel, Johannes und Josef. Sigismund ist die schwerste, sie wiegt mehr als 16 Tonnen. Und dazu das Herz, der Klöppel - der wiegt allein schon vier Zentner."

    Sigismund ist eine Legende: Wenn das Herz der Glocke beschädigt wird, heißt es, wird über Böhmen großes Unglück hereinbrechen. In jüngster Zeit ist das einmal geschehen: kurz vor der verheerenden Hochwasserkatastrophe im Jahr 2002 zerbrach der Klöppel. Um noch Schlimmeres abzuwenden, wurde Sigismund so schnell wie möglich wieder hergestellt:

    "Sigmund ist eine der größten Glocken weltweit, erklärt Tomas Starecky stolz. Sie wurde im Jahr 1549 vom Glöckner Tomas Jaros aus Brünn geschmiedet."

    Um die tonnenschweren Kolosse in Bewegung zu setzen, braucht man Kraft. Ein Mann allein kann das gar nicht schaffen. Tomas Starecky arbeitet im Prager Veitsdom deshalb mit fünf Kollegen zusammen. Alle gemeinsam schwingen sie sich an Sonn- und Feiertagen in die Seile, erst langsam, dann immer schneller sausen und schweben sie durch den Glockenstuhl – eine bizarre Choreographie.

    "Sigmund ist die schwerste Glocke, sie muss von vier Mann zusammen geläutet werden. Das ist keine einfache Angelegenheit. Wir müssen den richtigen Rhythmus finden und dabei außerdem auf unsere Sicherheit achten. Denn diese Glocke entfaltet eine gewaltige Kraft."

    Und eine Symbolik, vor der sich Machthaber in früheren Zeiten fürchteten:

    "Ich bin schon zu kommunistischen Zeiten Glöckner geworden. Ich habe mich eben sehr für Geschichte, für Denkmäler und alte Traditionen interessiert. Damals waren wir Glöckner absolute Exoten, denn bei uns durften die Kirchenglocken ja eigentlich nicht geläutet werden. Das wäre gar niemandem in den Sinn gekommen, denn das war politisch gefährlich."

    Natürlich ist Weihnachten für einen Glöckner sozusagen Hochsaison. Dann muss Tomas Starecky auch mitten in der Nacht hinauf in den Turm, um zur Christmette zu läuten.

    "Die Glocke ist für mich wie ein Musikinstrument. Es hat einen besonderen Zauber, wie eine Orgel. Und wir spielen nicht nur darauf, wie fühlen auch mit der Glocke. Wir werden beim Läuten quasi zu einem Teil von ihr."

    "Ohne ein emotionales Verhältnis zu dieser Arbeit könnte man das gar nicht machen. Dann wäre das ja nur eine Art Fitnesstraining. Aber es geht um eine Botschaft, es ist wichtig, dass die Glocken hier schon viele Jahrhunderte geläutet haben, dass die heute läuten und auch morgen läuten werden. Es geht uns darum, die 450 Jahre alte Tradition des Glockenläutens von Hand zu erhalten."

    Deshalb bringt das Jahresende für den Glöckner vom Veitsdom ein ganz besonderes Glücksgefühl. Das alte Jahr endet mit vollem Geläut - mit Sigismund und den drei anderen Glocken. Und so beginnt auch das neue.

    "Das schönste Glockenläuten ist das an Neujahr. Wenn in Prag und auch anderswo auf der Welt fast absolute Ruhe herrscht. Und wenn dann nach der Silvesternacht das normale Leben in der Stadt langsam wieder erwacht."