Archiv


"Ein guter Forscher muss natürliche Neugier haben"

Nicht für die Schule lernen wir, sondern für das Leben - und ein bisschen auch für die Forschung? "Schule trifft Wissenschaft" heißt ein Preis für besonders gelungene Kooperationsprojekte von Schulen und Forschungseinrichtungen. Die Gewinner wurden jetzt in Berlin ausgezeichnet.

Von Jürgen König |
    60 Schulen hatten sich beworben, sieben wurden ausgewählt und zur Preisverleihung nach Berlin geladen, zum Beispiel die Realschule Linkenheim, deren Schüler zusammen mit ihren Lehrern und dem Karlsruher Institut für Technologie eigenverantwortliche Forschungsansätze zum Thema Radioaktivität erarbeiteten. Lisa Krebs und Dennis Herzog erzählen:

    Lisa Krebs: "Es ist einfach ein aktuelles Thema, hat man jetzt auch in Japan gesehen, deswegen ist es wichtig, was darüber zu wissen. Es war gut, auch mal mit Forschern zusammenzuarbeiten, die halt auch wirklich Ahnung haben, und es war auch viel Praktisches. In der Schule, da hört man meist Theorie, und da war es viel Praxis. Wir haben gemessen: Radioaktivität in Gegenständen, durften auch selber welche mitbringen und von daher war das schon interessant."

    Denis Herzog: "Da hat man zum Beispiel auch einen Einblick erlebt in einen Kernreaktor - wie das von innen aussieht, das war echt richtig beeindruckend und unglaublich."

    Oder: Am "Erlanger Schülerforschungszentrum" konnten Schüler zweier Gymnasien während der Ferien zusammen mit der Universität Erlangen eigene Ideen entwickeln, Motto "Lust und Spaß am Forschen und Tüfteln". Kevin Höllring, 17 Jahre alt:

    "Es macht sehr viel Spaß, und es ist auch sehr ergiebig. Weil man hat auch die Unterstützung, wenn es mal nicht klappt, dass man dann wirklich dazu ermuntert wird, weiterzumachen und zu forschen: Warum hat es nicht geklappt? Und es hat auch sehr qualitativ hochwertige Ergebnisse."

    Sechs Kriterien waren zu erfüllen. Bei den Schülern sollten Verständnis und Begeisterung für naturwissenschaftliche Forschung geweckt werden, sie sollten eigenständig arbeiten und dabei innovative Ansätze verfolgen. Die Art der Kooperation zwischen Schule und Wissenschaft wurde untersucht, das Projekt sollte Impulse für den naturwissenschaftlich-technischen Unterricht geben und - nachhaltig wirksam werden. Den Hauptpreis gewannen die Gesamtschulen und Gymnasien von Rheinland-Pfalz, die sich für eine "Mathematische Modellierungswoche" mit dem Felix-Klein-Zentrum für Mathematik an der TU Kaiserslautern zusammengetan hatten. Eine Woche lang vom Unterricht freigestellt, entwickelten die Schüler eigene Fragestellungen wie: Ist Pinguinwatscheln energieeffizient? - darauf muss man auch erstmal kommen - oder auch: Wie kann Mathematik gegen Waldbrände eingesetzt werden? Fabian Hof, 19 Jahre alt, vom Leibniz-Gymnasium in Neustadt, beschreibt seinen Lösungsansatz:

    "Das Problem ist, wir können natürlich jetzt keinen Probeversuch starten; wir hatten wenig Informationsmaterial übers Internet, wenig Statistiken, haben dann angefangen, uns selbst Gedanken dazu zu machen: Brennt Nadelwald schneller? Brennt Laubwald schneller? Wie hat die Windrichtung Einfluss eben auf das Ganze? Dann haben wir das, in Excel haben wir eine Art Raster erstellt und haben dann Wahrscheinlichkeiten eingetragen, Formeln erstellt und so, damit es ungefähr so aussieht eben wie ein Waldbrand; Windrichtung, Windstärke haben wir dann noch hinzugefügt und am Schluss mit Matlab haben wir das dann sogar animiert, und zwar ist es dann so eine Matrix 500 auf 500 Bäume gewesen, und dann konnte man den Startpunkt setzen, Windstärke, Windrichtung und dann war eigentlich das Ziel sozusagen für den Anwender: dass wir sagen konnten, hier ist es am sinnvollsten, eine Schneise hinzubauen, weil man darf sie nicht zu früh bauen, nicht zu spät, und im Endeffekt hat eigentlich alles dann gepasst."

    Der Unterschied zur Arbeit in der Schule sei sehr groß gewesen, erzählt Fabian Hof.

    "Man beschäftigt sich den ganzen Tag mit Mathematik, und man muss sagen, dass man schon gemerkt hat, dass irgendwie alle so ein Interesse hatten. Wir saßen teilweise bis ein Uhr nachts da dran, vor allem in den letzten Tagen natürlich, wenn man so dachte: oh verdammt, in den ersten Tagen hat man sowieso nichts hinbekommen, weil man ja gar keine Idee hatte, wie man an das Problem herangeht. Oder man hat Ideen und die stellen sich dann am Schluss als völlig falsch heraus."

    Nobelpreisträger Erwin Neher vom Max-Planck-Institut für Biophysikalische Chemie in Göttingen - er saß der Jury vor und lobte die eingereichten Arbeiten. Schwer sei es gewesen, eine hervorzuheben, sie alle hätten erfüllt, was das Kriterium guter Forschung ausmache:

    "Ein guter Forscher muss natürliche Neugier haben. Er muss von dem Problem, was er bearbeitet, wirklich gefangen sein. Denn nur wenn Sie sozusagen Tag und Nacht an Ihr Problem denken, wenn Sie alles, was Sie sehen, im Experiment an Ergebnissen kriegen, abchecken: Stimmt es mit meinen Hypothesen überein? Gibt es mir einen Hinweis auf vielleicht doch was anderes? Nur dann, wenn Sie sich immer damit beschäftigen, wenn Sie gefangen sind von der Idee, von dem Interesse: Dann können Sie ein guter Forscher sein."