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StartseiteSonntagsspaziergangEin Hamburger in Tirol29.03.2009

Ein Hamburger in Tirol

Vor 100 Jahren wurde der Skiort Kühtai erschlossen

Willi Rickmer Rickmers war Spross einer bekannten Reederdynastie, selbst Besitzer einer Reederei in Hamburg - doch in erster Linie und mit Leidenschaft Forschungsreisender, Wintersportler, Alpinist. 1909 wurde er beauftragt, die Länder Tirol und Vorarlberg zwecks Wintersportorterschließung zu bereisen. In Kühtai wurde der Norddeutsche fündig und legte so den Grundstein dafür, dass der Ort in Tirol heute vom Tourismus lebt.

Von Verena Herb

Schneegarantie (AP Archiv)
Schneegarantie (AP Archiv)
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12. April 1909. Tagwacht bei den Klängen einer sanften Musik. Um sieben Uhr Abmarsch. Von den sonnigen Hängen gelangen wir in ein enges Tal, wo breite Eisquallen auf dem Weg liegen. Beim Kuraten im Ochsengarten Frühstück mit Musik und Tanz. Bald hinter Marlstein können wir anschnallen, und erreichen Kühtai um halb drei Uhr.

Die reine Gehzeit betrug etwa 5,5 Stunden. Lawinengefahr auf diesem Weg nicht nennenswert; die schlimmen Stellen kann man umgehen.

"Das Skifahren, das haben nicht die Tiroler erfunden. Das muss man schon klar und deutlich sagen. Also der Anstoß ist also schon aus Deutschland gekommen. Auch hier in Kühtai. Die österreichische Regierung hat im Jahr 1908 erkannt, dass der Wintertourismus den Tiroler Gastwirten eine zweite Saison bescheren könnte. Daraufhin hat das Ackerministerium eine Kommission gebildet, und die hatte die Aufgabe zu sondieren, welche Skigebiete förderungswürdig sind. Und da hat man eben den Willi Rickmer Rickmers beauftragt, der bekannt war als ausgezeichneter Skifahrer."

Willi Rickmer Rickmers, Spross der bekannten Reederdynastie, selbst Besitzer einer Reederei in Hamburg - doch in erster Linie und mit Leidenschaft Forschungsreisender, Wintersportler, Alpinist - wird 1909 berufen, die Länder Tirol und Vorarlberg zu bereisen zwecks Wintersportorterschließung, und kommt nach Kühtai.

12. April 1909. Nächsten Winter soll Kühtai dauernd bewirtschaftet werden. Es ist mit seinen Rundhängen und lichten Zirbelwäldern einzig schön. Das Übungsgebiet ist eine Höhenzone von drei- bis vierhundert Meter, die sich nach allen Richtungen weit ausgedehnt, und eine Fülle aller nur denkbaren Geländeformen aufweist. Die Gipfeltouren müssen von erfahrenen Alpinisten und mit Vorsicht genossen werden.

"Rickmer Rickmers hatte verstanden, beide Techniken für den hochalpinen Skilauf zu vereinen, und er ist eben 1909 in der Osterwoche im Auftrag der österreichischen Regierung eben nach Kühtai gekommen und hat dieses Gebiet begutachtet. Hat auch Tagebuch geführt, deshalb wissen wir auch ganz genau, wann hier der erste Skikurs stattgefunden hat."

Johann Zauner ist Experte in Sachen Heimatgeschichte. Der pensionierte Lehrer lebt in Silz, einem Nachbarort, und befasst sich seit vielen Jahren mit der Vergangenheit Kühtais. Er hat Unterlagen, Fotos und Erzählungen zusammengetragen, Zeitungsausschnitte gesammelt und archiviert. Und so weiß er nur zu gut, wie es also einem Norddeutschen zu verdanken ist, dass Kühtai in Tirol heute vom Tourismus lebt.

Langsam, fast geräuschlos fährt die Berggondel gen Gipfel. Rudi, der Skilehrer, erklärt seinen Schülern das Panorama:

"Jo, do rechter Hand, das wär' das Sellraintal. Das verläuft vom Inntal bis hoch ins Kühtai. Direkt vor uns, da wo die Lawinenverbauung ist, das ist der Hochalterkar, nach der die Bahn hier benannt ist. Der Vierersessellift. Rechts davon wäre der Mugkogel und links das Gebirge, was jetzt im Nebel ist, das wären die Erzwände. Die sind alle so zwischen 2700 und gut 2880 Meter hoch."

Wie alt Rudi ist, lässt sich schwer schätzen. Er könnte Ende 40 sein oder schon 60. Sein braungebranntes Gesicht ist vom Wetter gegerbt. Man sieht, dass er seit Anfang der 80er jeden Tag in der Natur ist: als Skilehrer und Tourguide. Er hat die Entwicklung des Ortes miterlebt, preist die Vorzüge des Skigebiets. Nur ein knappes halbes Jahr habe man gebraucht, um die neue Kaiserbahn zu bauen, erzählt er:

"Die Bahn ist natürlich auch gut für Freerider und abseits der Piste. Was man hier sieht linker Hand ist der sogenannte Herrenhang. Der ist natürlich durch die neue Bahn viel besser und schneller erreichbar. Herrenhang heißt er deshalb, weil ja früher die Herrschaften vom Jagdschloss auch immer da ausgenommen haben, nur den Hang zu benützen und keine Frauen durften da fahren. Na, die Frauen sind ja immer bessere Skiläufer geworden, da hat sich das geändert dann. Die besseren Skifahrer sind schon die Frauen, weil sie eher mehr mit Technik fahren. Weil die eher schön fahren wollen. Die Männer wollen eher Powerskilauf machen."

Ob Mann oder Frau, Tourengeher und Alpinskifans und gerade Familien schätzen den kleinen Ort, der ganz im Sinne moderner Marketingstrategien mit "Schneegarantie" wirbt und sich als höchstgelegener Skiort Österreichs einen Namen gemacht hat. Auf 2020 Meter.

"Das gehört irgendwie ein bisschen zum Charme von Kühtai dazu, dass es sein kann, dass es auch im Sommer mal kurzzeitig schneit. Aber der Schnee bleibt nicht lange liegen. Also das ist eine Eigenheit von Kühtai. Aber wie gesagt, ist nicht störend","

sagt Wolfgang Suitner, der Geschäftsführer des Tourismusbüros Kühtai. Den Job macht er zwar noch nicht so lange, knapp zwei Jahre, wie er erzählt, doch hat er großen Ehrgeiz, aus Kühtai das Beste rauszuholen.

""Kühtai ist in dem Sinn ja eigentlich kein gewachsener Ort als solches. Kühtai ist eigentlich ein Beherbergungsdorf. So ein 'Hoteldorf' unter Anführungszeichen."

Das im Winter auch keine Probleme hat, die 1700 Betten der 22 Unterkünfte im Ort auch mit Gästen zu bestücken. Im Sommer indes, da herrscht häufig "tote Hose". Die meisten Pensionen und Hotels haben geschlossen. Nur vereinzelt finden Urlauber in den warmen Monaten den Weg nach Kühtai und genießen mit den 13 gemeldeten Einwohnern die Ruhe. Suitner:

"Und das ist das, was die Leute, die im Sommer Urlaub machen, eigentlich schätzen. Wobei im Sommer -das hängt wieder mit der Höhe zusammen oder mit der Höhenlage - unser Wunsch ist, der schon seit Jahren intensiv betrieben wird, tatsächlich mal ein Höhenzentrum hier in Kühtai zu bauen, um vermehrt Sportler, die in dieser Höhe Trainingsbedingungen vorfinden, heraufzubringen."

So wie Eisschnellläuferin Annie Friesinger. Sie hat vergangenen Sommer in Kühtai trainiert - und wirbt jetzt für den Ort. Beziehungsweise, der Ort wirbt mit ihr. Schließlich gilt es, neue, junge und sportliche Gäste in das Tiroler Bergdorf zu locken. Winters wie sommers.

"Das ist die sogenannte Fürstenstube, wo früher die Tiroler Landesfürsten, als sie zur Jagd eingeladen waren, dann getagt haben."

Graf Christian Stolberg zu Stolberg, ein Ur-Urenkel von Kaiserin Sisi und Kaiser Franz Josef, führt das Hotel "Jagdschloss Kühtai". Mitte 50, meist im Trachtenjanker, die grauen Haare lockig nach hinten gebürstet. Nach dem Tod seines Vaters Karl 2003 wurde er zum Hotelchef des Vier-Sterne Hauses, dem ersten und ältesten am Ort. Hier ticken die Uhren etwas langsamer, traditioneller.

"Also jetzt sind wir in dieser wunderschönen alten Stube aus der Zeit 1750 aus der Zeit, als Herzog Leopold mit der Claudia von Medici ... deshalb haben wir hier auch die Medici-Kugeln, Original Zirbenholz - unverändert. Wird von Jahr zu Jahr schöner. Ein Merkmal hier ist zum Beispiel eine Feuerstelle, wo die meisten glauben, es wäre ein offener Kamin. Was es nicht ist, sondern es ist eine sogenannte Stelle, wo man Kienspan entzündet hat, um hier Licht zu haben. Früher gab es eben nur diese Feuerstelle."

Rechts neben der Tür liegt ein Reisigzweig in einer verrußten Einbuchtung. Dunkel ist die Fürstenstube, aber mit seinen massiven Holzwänden auch gemütlich. Das dunkle Grün der Stuhlpolster findet sich in den Vorhängen der Fenster wieder. Immer wieder begegnet dem Gast das Motiv eines springenden Hirschen. Auf den Sitzmöbeln, den Tischdecken oder Lampenschirmen. Seit sechs Jahren heißt der Graf seine Gäste, vornehmlich Hamburger, vornehmlich Stammgäste, im Jagdschloss mit knarrenden Dielen und knackenden Balken willkommen.

"Wir gehen jetzt in den ersten Stock, und da haben wir wieder Kreuzgewölbe. Also das ist, laut Denkmalamt ist es wahrscheinlich das höchstgelegene europäische denkmalgeschützte Hotel überhaupt. Und jetzt kommen wir ins Herzstück des Hauses."

Ein langer dunkelgrüner Teppich liegt auf den knarrenden Dielen im hohen Flurgang. Links und rechts die Türen der einzelnen Hotelzimmer. Massige Holzschränke und Kommoden mit Bauernmalerei säumen den Gang, an den Wänden hängen Bilder und Kunststiche. Alles Originale, gerne mit Jagdmotiven - da ein Hirsch, hier ein Wildschwein. Und immer wieder das Bild der heiligen Maria mit Jesus im Arm.

"Es ist ein sehr katholisches Haus. Muss man sagen. Natürlich mit Habsburg verbunden. Gott sei Dank. Also das ist etwas, das hat die Habsburger natürlich immer geprägt. Religion spielt auch in Tirol Gott sei Dank noch eine große Rolle. Wir haben hier auch noch Gottesdienst auch immer am Sonntag. Ich hatte mal vor kurzem ein Erlebnis. Da kam ich in ein Zimmer, und da war das Kruzifix abgedeckt. Da hab ich mir gedacht: So weit sind wir schon, dass die Gäste bestimmen, was für Bilder wir hier und welches Kreuz wir hinstellen. Hat sich aber ganz anders rausgestellt. Die armen protestantischen Kinder aus Hamburg konnten in der Nacht nicht schlafen, weil Jesus am Kreuz hing. Da hat die Großmutter mit einer Bettdecke das Kreuz abgedeckt."

"Jetzt kommen wir zu einem dieser wunderschönen Fürstenzimmer. Also ich stecke das jetzt ins Schloss. Man hört das hier, es knarrt. Darinnen ist ein wunderschönes altes Schloss."

Das mit einem großen Eisenschlüssel geöffnet werden muss. Der ist 15 Zentimeter lang, über 100 Gramm schwer. Massig und massiv.

"Jetzt sind wir endlich drinnen. Das ist eines der Fürstenzimmer. Das steht auch unter Denkmalschutz und hat eben diese Höhe. Wenn man sieht oben diese Kassettendecken, wenn man den Eingang sieht. Diese Holzarbeiten über dem Türportal. Das sind diese Rosetten und alles aus dieser Renaissancezeit. Die Tiroler Landesfürsten, die hatten diese Zimmer, die hier oben zur Jagd waren."

Das Jagdschloss Kühtai scheint auf den ersten Blick kein richtiges Schloss zu sein. Links und rechts der kleinen Fenster sind rot-weiß gemusterte Fensterläden angebracht. Es erinnert eher an eine Mischung aus bürgerlich-herrschaftlichem Gutshof und einer Alm.

"Von außen sieht das Haus ja so bescheiden aus, dass manche sagen, sie gehen da nicht rein, weil es sieht eigentlich gar nicht aus wie ein Jagdschloss. Ist es auch nicht. Es ist eigentlich ein Jagdhof."

Mit einer lang zurückgehenden Historie. Bereits um 1280 wird das Kühtai der Grafen von Tirol als "Chutay" erstmals erwähnt, das jetzige Jagdschloss war damals ein sogenannter Schweighof, der Vieh- und Milchwirtschaft betrieb, erzählt der Chronist des Ortes, Johann Zauner:

"Die ersten Anzeichen des Fremdenverkehrs lassen sich für Kühtai bis ins hohe Mittelalter zurückverfolgen. Denn dem 1288 erstmals erwähnten Schweighof KUHTAI war zweifelsfrei auch die Funktion eines Hospizes zugedacht."

Beim Hospiz handelte es sich damals um eine Vorstufe zum Gasthaus. Ohne gewerbliche Funktion, sondern eher aus einer sozialen Komponente heraus.

"Das Gastrecht war dazumal als göttliches Gesetz geachtet. Und mittellose Wanderer hatten bis ins vorherige Jahrhundert im Kühtaier Gasthof Anspruch auf kostenlose Beherbergung. Zumindest für eine Übernachtung."

Schließlich dauerte die Wanderung vom Ötztal hoch ins Kühtai über fünf Stunden, erzählt der Historiker.

"Und wenn das Wetter schlecht ist und wenn es stürmt und schneit, dann gibt es kein Weiterkommen mehr. Und das Hospiz war ein Platz, der diese Wanderer aufgenommen hat und ihnen dadurch das Leben gerettet hat."

Das Jagdschloss geht durch viele Hände: 1497 erwirbt Kaiser Maximilian I. das Jagdrecht im Kühtai. Das "Gejaide zu Kühtai" hatte es der Majestät angetan, und in der Urkunde hieß es wörtlich, "dass Seine Majestät und sonst niemand anderer in solcher Zeit daselbst Gemsen jagen möge".

Erst 1622 zeigte Erzherzog Leopold für den Schwaighof im Kühtai wieder Interesse und nach dem Bau eines Fahrweges durchs unwirtliche Sellraintal konnte 1624 mit dem Umrüsten des Hofes zu einem fürstlichen Jagdsitz begonnen werden.

"Im 17. Jahrhundert wurde Kühtai als Jagdrevier so populär, dass der damalige Landesfürst Leopold V. sich entschlossen hat, den Schweighof als Jagd- und Lusthaus auszubauen. Sie haben halt die Freizeit genossen. Und sie haben sicherlich auch gut gegessen und gut getrunken. Sie haben lustvoll gelebt."

Hinter dem Jagdschloss steht, knapp 200 Meter weiter, eine kleine Kapelle. Die Außenwände sind weiß getüncht, hellrot bis rosa umrahmt die kleinen Glasfenster. Die große, schwere Holztür ist nicht verschlossen.

"Leopold war ein sehr frommer Mann. Er war ja von Kindheit an für den geistlichen Stand bestimmt. Und er war Bischof von Passau und von Straßburg. Leopold hat sich aber nicht nur mit dem Jagd- und Lusthaus begnügt, sondern er hat als frommer Mann auch eine Kapelle errichten lassen."

Hier finden ab und an noch Gottesdienste oder auch Trauungen statt. Nicht mehr als vielleicht 15 Personen finden Platz auf den schmalen Holzbänken, um auf den prunkvoll geschmückten Holzaltar zu blicken.

"Mit Beginn des Tourismus hat die katholische Kirche auch mit Besorgnis verfolgt, dass die Leute am Sonntag früh auf die Berge gestiegen sind und nicht ihre Sonntagspflicht erfüllt haben, und da hat man ihnen eine Geschichte erzählt: Und zwar von einem Jäger, der auch auf die Pirsch gegangen ist, anstatt eben die Sonntagsmesse zu besuchen. Und im selben Augenblick, als hier in dieser Kapelle die heilige Wandlung gefeiert wurde, wollte er oben am Birgkogel auf eine Gämse schießen. Er hat die Gämse gefehlt, die Kugel ist zersplittert, und hier im Altarbild eingedrungen. Seither gibt es in Kühtai ein Altarbild mit drei Löcher."

An den Wänden hängen Fotos von verstorbenen Familienmitgliedern des Grafen und von Freunden an der Wand. Erst vor knapp zwei Monaten hat sich ein Hamburger Stammgast auf dem Friedhof in Kühtai beerdigen lassen.

100 Jahre ist es nun her, dass Kühtai für den Tourismus erschlossen wurde. Das wird heute gefeiert. Ganz Kühtai ist seit heute früh auf den Beinen. Und wie sollte anders in den Festtag gestartet werden, als mit einer heiligen Messe.

17. April 1909. Mit sechs anderen reise ich talwärts. Oben noch guter Hartschnee, dann widerlich brüchig und tückisch. Drei Stunden bis Ötz. Unten Trockenheit, weißer Staub, Kiefernwälder. An den Hängen des Inntals die violetten Flecken der blühenden Heide neben dem Grau der Schutthalden und dunklem Tannengrün. Der Schienenstrang glänzt. Die Lokomotive pfeift. - Ski Heil!

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