Montag, 10.12.2018
 
Seit 16:00 Uhr Nachrichten
StartseiteKalenderblattEin handfester Skandal23.09.2008

Ein handfester Skandal

Vor 45 Jahren wurde Ingmar Bergmans "Das Schweigen" uraufgeführt

So manchem Film verhilft ein ordentlicher Skandal zu guten Ergebnissen an der Kinokasse. Anfang der 60er Jahre erfuhr das Ingmar Bergman. Sein Film "Das Schweigen" brach gezielt, wenn auch nüchtern, mit einem Tabu: der gefilmten Sexszene in einem seriösen Werk. Ganz untypisch für einen Arthouse-Film wurde "Das Schweigen" sogar zum Kassenschlager - gegen die Proteste von Kirche und einiger Medien.

Von Nicole Maisch

Ingmar Bergman, schwedischer Filmregisseur (AP Archiv)
Ingmar Bergman, schwedischer Filmregisseur (AP Archiv)

"Du kannst es einfach nicht aushalten, wenn nicht alles lebenswichtig bedeutungsvoll ist. Wenn nicht alles mit tiefgründiger Absicht geschieht."

Was Anna ihrer ungleichen Schwester Esther in Ingmar Bergmans "Das Schweigen" vorwirft, ist auch dem Film selbst immer wieder vorgehalten worden. Nach seiner Uraufführung am 23. September 1963 in Stockholm ebenso wie heute. Von seinen über 40 Leinwandproduktionen sind dem schwedischen Regisseur nur wenige so offensichtlich zum Gleichnis geraten, nur wenige wurden so exzessiv interpretiert wie "Das Schweigen" - eine Tatsache, die das Überleben des Films im internationalen Kinobetrieb der 60er Jahre überhaupt erst möglich machte. Denn der dritte Teil von Bergmans so genannter "Glaubenstrilogie" brach damals mit einem der größten Tabus: Erstmals waren in einem seriösen Film Sexszenen zu sehen. "Das Schweigen" wurde zum Skandal.

"Dann bin ich in die Bar gegangen. Der Mann ist mitgegangen. Wir wussten nicht, wo wir uns haben konnten, da sind wir in die Kirche gegangen. In einer dunklen Ecke haben wir miteinander geschlafen, hinter ein paar dicken Balken."

Anna, provozierend sinnlich und vital, legt es darauf an, ihre intellektuelle und schwer erkrankte Schwester zu demütigen.
Bergman hat die beiden Frauen und Annas neunjährigen Sohn Johann neben einer Gruppe Liliputaner als einzige Gäste im Grand Hotel einer fremden Stadt stranden lassen. Unter sterilen Bedingungen werden die drei sich selbst überlassen. Nicht nur das Hotel, in dem sich die Schwestern in Hassliebe zerfleischen, wird zum Gefängnis. Auch die von Panzern überrollte Stadt und ihre Bewohner, die eine unverständliche Sprache sprechen, betonen das Moment der Fremdheit und der Isolation. Ein bergmanscher Alptraum entsteht, in dem der Regisseur die Spannung, die er zwischen den beiden Schwestern kreiert, langsam eskalieren lässt.
Eine Spannung, die spürbar wird in der schwülen Hitze, die Anna schwitzen und Esther frieren lässt. Spürbar auch in den klaustrophobischen Bildausschnitten, die der Filmemacher wählt. Bergman verzichtet, ganz untypisch für ihn, auf Landschaften und Horizonte. Durchatmen darf hier keiner, weder Zuschauer noch Figuren. Jeder beobachtet jeden. Johann die kranke Esther, Esther ihre Schwester Anna und umgekehrt.

"Jetzt ist sie schon eine Stunde weg und hat den Jungen mitgeschleppt."

Irgendwann wird der Druck unerträglich. Anna flüchtet in sexuelle Abenteuer, Esther befriedigt sich selbst. Den Szenen haftet wie dem ganzen Film jedoch nichts Freudiges oder Lustvolles an - für einige Kritiker der 60er Jahre ist das Fehlen jeglicher menschlicher Nähe ein Hinweis darauf, dass Bergmans Welt eine gottlose geworden ist. Ein zweiter, psychoanalytisch orientierter Ansatz interpretierte den Konflikt der Schwestern als den ewigen Widerstreit zwischen Es und Über-Ich. Sogar die Politik schaltete sich ein: Abgeordnete der CDU/CSU forderten eine Stellungnahme. Innenminister Hermann Höcherl im März 1964:

"Das Moment des Abschreckenden, Abstoßenden, des Schauderns vor tierischer Triebhaftigkeit scheint der Ausschuss als so beherrschend angesehen zu haben, dass eine etwaige spekulative Laszivität oder Schmuddligkeit dabei überdeckt wird."

Mit anderen Worten: die entsprechenden Szenen wurden nicht als zu lasziv, sondern als ausreichend abstoßend befunden. Die Diskussion war damit aber noch lange nicht zu Ende. Die Katholische Filmkommission, unterstützt von der Zeitschrift "Stern", empfahl, nicht in den Film zu gehen. Die Filmbewertungsstelle Wiesbaden wiederum verlieh das begehrte Prädikat 'besonders wertvoll'. Kunst oder Pornographie, dazu hatte jeder etwas zu sagen - außer Ingmar Bergman:

"Über 'Das Schweigen' will ich überhaupt nicht diskutieren. Ich finde in dieser Diskussion ist der Film selbst meine einzige Antwort. Da will ich wirklich schweigen."

In Deutschland machten fast elf Millionen Zuschauer "Das Schweigen" zum erfolgreichsten Film der 60er Jahre. Die entfachte Debatte ließ Bergmans Werk zudem zum unfreiwilligen Vorboten eines neuen Zeitgeistes werden. Denn bald schon nahm, der katholischen Kirche und Bergman zum Trotz, neben den verschiedensten gesellschaftlichen Veränderungen auch die sexuelle Revolution ihren Lauf.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk