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StartseiteHintergrundEin Handlanger des Massenmords?01.07.2009

Ein Handlanger des Massenmords?

Der Fall Demjanjuk

Die Bilder der Auslieferung des 89-jährigen John Demjanjuk durch die USA an Deutschland gingen um die Welt. Er soll in der NS-Zeit an der Ermordung von Tausenden von Juden beteiligt gewesen sein. Die deutsche Justiz wird sich schwer tun: Es gibt keine lebenden Zeugen mehr.

Von Otto Langels

Erster Abschiebeversuch des angeblich schwerkranken mutmaßlichen NS-Kriegsverbrecher John Demjanjuk (89). Tage später wurde er angeblich beim Einkaufen gesichtet. (AP)
Erster Abschiebeversuch des angeblich schwerkranken mutmaßlichen NS-Kriegsverbrecher John Demjanjuk (89). Tage später wurde er angeblich beim Einkaufen gesichtet. (AP)
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"Ich bin unschuldig, unschuldig, unschuldig!"

Gleich mehrfach beteuerte John Demjanjuk, er sei unschuldig, als er 1987 in Jerusalem vor Gericht stand. Er war angeklagt, "Iwan der Schreckliche" zu sein, ein berüchtigter Massenmörder, der während der NS-Zeit im Vernichtungslager Treblinka Tausende von Juden getötet hatte.

Jetzt muss John Demjanjuk, inzwischen 89 Jahre alt, sich aller Voraussicht nach auch vor einem deutschen Gericht verantworten. In Kürze wird die Staatsanwaltschaft München gegen ihn Anklage erheben; allerdings nicht wegen der Verbrechen in Treblinka, sondern wegen Beihilfe zum Mord in mindestens 29.000 Fällen im Vernichtungslager Sobibor. Sollte die Verteidigung keine erheblichen Einwände erheben, dürfte das Landgericht München wegen der großen Bedeutung des Falls schon sehr bald die Hauptverhandlung anberaumen.

John Demjanjuk, als Iwan Demjanjuk 1920 in der Ukraine geboren, war 1941 erst kurze Zeit Soldat der Roten Armee, als die Wehrmacht die Sowjetunion überfiel. Im Mai 1942 geriet er auf der Halbinsel Krim in deutsche Kriegsgefangenschaft und kam in ein Lager bei Chelm im heutigen Ostpolen. Die Zustände dort waren furchtbar, die Gefangenen wurden bewusst wie "Untermenschen" behandelt.

Eine Möglichkeit, dem Tod zu entrinnen, boten die Hilfstruppen des NS-Regimes. Die SS rekrutierte in den Gefangenenlagern Tausende, meist junge Rotarmisten als so genannte "Hiwis", als Hilfswillige. Esten, Letten und Volksdeutsche aus Russland, vor allem aber Ukrainer galten als potenzielle Gegner des sowjetischen Kommunismus, die bereit waren, auf deutscher Seite zu kämpfen. Die Berliner Historikerin Angelika Benz hat sich eingehend mit den ukrainischen "Hiwis" der SS beschäftigt.

"Von 5,5 Millionen sowjetischen Kriegsgefangenen sind 3,7 Millionen umgekommen in Gefangenschaft. Und es war ja auch deklariertes Ziel der Deutschen, die sowjetischen Kriegsgefangenen verhungern zu lassen und auch auszurotten. Also der Anreiz war zuerst definitiv Überleben."

Die angeworbenen Rotarmisten, darunter Iwan Demjanjuk, kamen zunächst in das Lager Trawniki in der Nähe von Lublin, wo sie eine kurze Ausbildung erhielten, angeblich um danach die Bewachung von Arbeits- und Materiallagern zu übernehmen. Die insgesamt rund 5000 Trawnikis, wie sie genannt wurden, lernten die deutsche Kommandosprache und den Umgang mit deutschen Waffen. Sie bekamen einen Dienstausweis mit Foto und Identifikationsnummer, abgetragene Uniformen und alte Karabiner mit wenigen Schuss Munition.

"Es hat sich sehr schnell rausgestellt, dass sie eigentlich nur für die Vernichtungslager ausgebildet wurden, erst den Transport der Juden in die Gettos – da sind es noch relativ wenige -, dann die Gettoräumungen, die Deportationen in die Vernichtungslager und dann den Betrieb der Vernichtungslager."

Den gebürtigen Prager Richard Glazar deportierten die Nazis im Oktober 1942 nach Treblinka. Er war einer der wenigen Juden, die nicht sofort ermordet, sondern als Arbeitssklaven ausgewählt wurden. Beim Aufstand der Häftlinge im August 1943 gelang ihm die Flucht.

"In Treblinka das Hauptprodukt war eigentlich der Tod. Verbrennen von Leichen, mischen der Asche mit dem Sand, sodass nicht mehr als so eine aschfahle, körnige Masse da blieb, also nichts. Ungefähr 35 Mitglieder des sogenannten SS-Sonderkommando Treblinka, das waren die echten SS-Männer. Und hinzu kamen etwa 100, 120 ganz junge ukrainische SS-Wachmänner."

Auch Iwan Demjanjuk war, wie sich anhand der Verlegungslisten der SS nachzeichnen lässt, als "Hilfswilliger" in den Vernichtungslagern im Einsatz, zunächst in Majdanek, dann ab März 1943 in Sobibor. Im September 1943 wurde er in das bayerische KZ Flossenbürg versetzt. Nach Kriegsende tauchte Demjanjuk in einem Lager für "displaced persons" in Landshut unter, wo Überlebende der Konzentrationslager und Zwangsarbeiter eine erste Bleibe fanden.

Viele Hilfswillige setzten sich in den Westen ab, weil sie in Stalins Herrschaftsbereich keine Gnade erwarten konnten. Nach 1945 verurteilten sowjetische Gerichte und Militärtribunale etwa 1000 Trawnikis zu hohen Strafen, manche zum Tode; wobei in der Sowjetunion auch jeder Rotarmist, der in deutsche Gefangenschaft geraten war, fürchten musste, als Feigling und Vaterlandsverräter verfolgt zu werden.

Im Jahr 1952 wanderte Iwan Demjanjuk mit Ehefrau und Tochter in die USA aus, arbeitete als Automechaniker, nannte sich John und wurde 1958 amerikanischer Staatsbürger. In den 70er-Jahren holte John Demjanjuk seine Vergangenheit als Trawniki ein. Belastende Dokumente aus der Sowjetunion tauchten auf, darunter die Kopie seines Dienstausweises. Aus Israel meldeten sich KZ-Überlebende; sie glaubten, ihn auf Bildern als "Iwan den Schrecklichen" aus Treblinka erkannt zu haben. Daraufhin eröffnete das US-Justizministerium ein Verfahren gegen den ehemaligen Ukrainer.

1981 verlor Demjanjuk die US-Staatsbürgerschaft, 1986 lieferten die amerikanischen Behörden ihn an Israel aus. Ein Jahr später stand er in Jerusalem vor Gericht wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit.

"Der Staatsanwalt fragt den Zeugen Rosenberg: 'Wer sitzt da auf der Anklagebank?' 'Iwan, ich habe keinen Zweifel und zögere nicht, das ist Iwan aus Treblinka. Ich sehe diese Augen.' Der Zeuge geht auf den Angeklagten zu, schaut ihm in die Augen. Daraufhin streckt ihm Demjanjuk die Hand entgegen. Rosenberg reagiert entsetzt und fährt ihn an: 'Wie wagst du es nur, mir die Hand zu geben, du Mörder.'"

Zeugen wie Elijahu Rosenberg bezeichneten den Angeklagten als "Hausmeister der Gaskammern". John Demjanjuk hingegen beteuerte, er sei Opfer einer Verwechslung. Am 25. April 1988 sprach Oberrichter Dov Levin das Urteil.

"Der Beschuldigte ist nicht Eichmann, er initiierte nicht die Vernichtung, aber er war der Henker, der mit seinen eigenen Händen Tausende von Menschen umgebracht hat. Deswegen wird er zum Tode verurteilt."

Die Zuschauer im Gerichtssaal, darunter viele Überlebende des Holocaust, nahmen das Urteil mit Jubel und Beifall auf. Nach Adolf Eichmann war John Demjanjuk der zweite Angeklagte, der in Israel wegen seiner Beteiligung am Judenmord zum Tode verurteilt worden war.

John Demjanjuk legte jedoch Widerspruch gegen das Urteil ein. Während des Berufungsverfahrens kamen Anfang der 90er-Jahre neue Dokumente und Zeugenaussagen von Trawnikis aus den Archiven der untergegangenen Sowjetunion ans Tageslicht. Danach war Demjanjuk zur fraglichen Tatzeit nicht in Treblinka, sondern in Sobibor gewesen. Vor allem aber habe es sich bei "Iwan dem Schrecklichen" um einen anderen ukrainischen Hilfswilligen gehandelt, der bei einem Aufstand im Lager Treblinka im August 1943 erschlagen wurde.

Das Oberste Gericht Israels unter Vorsitz von Meir Shamgar kam am 29. Juli 1993 zu dem Ergebnis:

"Wir sprechen den Angeklagten mangels Beweisen frei. Er war angeklagt wegen seiner angeblichen Tätigkeit im Konzentrationslager Treblinka, wo er für seine Aktivitäten bekannt geworden ist als 'Iwan der Schreckliche'. Doch das Gericht ist zu der Auffassung gekommen, dass er dies ganz offensichtlich nicht ist."

Nach dem Freispruch konnte John Demjanjuk in die USA zurückkehren, wo er wieder amerikanischer Staatsbürger wurde.

In Deutschland hatte sich nach 1945 zunächst kaum jemand für die Organisatoren und Vollstrecker des Völkermords an den europäischen Juden interessiert. Erst mit dem Eichmann-Prozess in Jerusalem und dem Frankfurter Ausschwitz-Prozess Anfang der 60er-Jahre erwachte das Interesse an den Nazi-Tätern. Die Trawnikis als Fußvolk der Endlösung blieben jedoch eine weitgehend unbekannte Randerscheinung, zumal sie als ausländische Staatsbürger hierzulande lange Zeit keine Strafverfolgung fürchten mussten.

Nicht nur sie kamen ungeschoren davon, sondern auch ihre deutschen Befehlsgeber von der SS. 1965 stand Erich Lachmann im Hagener Sobibor-Prozess vor Gericht. Er war Leiter der Trawniki-Wachmannschaft gewesen, angeklagt wegen Beihilfe zum gemeinschaftlichen Mord an mindestens 150.000 Personen in Sobibor. Das Gericht sprach ihn wegen Putativnotstands frei, das heißt, er konnte sich darauf berufen, dass ihm im Fall einer Befehlsverweigerung Gefahr für Leib und Leben gedroht hätte.

In Hamburg ermittelte Anfang der 70er-Jahre die Oberstaatsanwältin Helga Grabitz gegen Karl Streibel.

"Streibel war von Zivilberuf Kaufmann, ist sehr früh hauptamtlich in die SS gegangen. Er war Kommandant des SS-Ausbildungslagers Trawniki und Kommandant in Personalunion bis 1943 des benachbarten SS-Arbeitslagers Trawniki."

Streibel, den seine Vorgesetzten für die "bestmögliche Ausbildung" der Trawnikis belobigt hatten, musste sich Ende 1972 vor Gericht verantworten. Nach dreieinhalb Jahren erging das Urteil: Freispruch aus Mangel an Beweisen.

"Das Gericht war der Auffassung, man habe ihm die Kenntnis vom Vernichtungszweck nicht mit letzter Sicherheit nachweisen können."

In Hamburg saß Streibel noch auf der Anklagebank, als in Düsseldorf 1975 eines der längsten und aufwendigsten Strafverfahren der deutschen Justizgeschichte begann: der Majdanek-Prozess.

Angeklagt waren 17 ehemalige Lagerführer und Aufseherinnen des Vernichtungslagers Majdanek, jedoch keine Trawnikis. Gegenstand der Verhandlung war unter anderem die Aktion "Erntefest", eine zynische Tarnbezeichnung für eine der größten, je von der SS durchgeführten Massenvernichtungen unter Mithilfe der Trawnikis. Dieter Ambach vertrat die Anklage.

"Anfang November 1943 wurden sämtliche Juden aus der Umgebung Lublins und sämtliche Juden, die noch im Lager lebten, von SS- und Gestapo-Angehörigen erschossen. Bei dieser Aktion, die sich von morgens früh bis zum Abend hingezogen hat, sind mindestens 18.000 Juden erschossen worden."

Das Gericht verhängte schließlich sieben Haftstrafen bis zu 12 Jahren. Nur eine Angeklagte wurde wegen Mordes in zwei Fällen zu lebenslanger Haft verurteilt. Alle anderen kamen frei. "Wir hatten viele Leichen, aber keine Täter", lautete das bittere Fazit Dieter Ambachs.

Als Trawniki hatte Alfons Götzfrid zum SS-Personal im Vernichtungslager Majdanek gehört. Der Spätaussiedler aus der Sowjetunion stand 1999 in Stuttgart vor Gericht. Staatsanwalt war damals Kurt Schrimm, heute Leiter der Zentralstelle zur Aufklärung nationalsozialistischer Verbrechen in Ludwigsburg.

"Er kam auch aus der Ukraine, war deutscher Abstammung, wurde von der Wehrmacht – ich möchte einfach mal sagen – mitgenommen beim Durchmarsch durch die Ukraine. Er wurde dann auch in Trawniki ausgebildet und war später an Massenerschießungen, an der sogenannten Aktion 'Erntefest' am 3. November 1943 beteiligt. Er hat nach eigenen Angaben dort 500 Menschen eigenhändig erschossen."

In der Verhandlung widerrief Götzfrid seine Aussage und behauptete, ihm sei angesichts der vielen Leichen schlecht geworden. Man habe ihn deshalb nur zum Nachladen eingesetzt. Das Stuttgarter Landgericht verurteilte den 79-Jährigen wegen Beihilfe zum Mord in 17.000 Fällen zu zehn Jahren Haft. Er musste jedoch nicht ins Gefängnis, da bereits 1947 ein sowjetisches Militärgericht eine langjährige Strafe gegen Götzfried wegen Vaterlandsverrats verhängt und er elf Jahre in einem sibirischen Arbeitslager verbracht hatte.

John Demjanjuk war nach dem Freispruch in Israel 1993 in die USA zurückgekehrt. Allerdings ermittelten die Behörden bald erneut gegen ihn. Denn aus den Unterlagen des Gerichtsverfahrens in Jerusalem ging hervor, dass die SS ihn als Trawniki in das Vernichtungslager Sobibor geschickt hatte.

Demjanjuk rief vergeblich die amerikanischen Gerichte an, um seine Ausweisung zu verhindern. Der angeblich schlechte Gesundheitszustand verzögerte die Abschiebung des 89-Jährigen noch einmal, bis er schließlich am 11. Mai dieses Jahres mit einem Lazarettflugzeug nach München kam, wo ihm der Ermittlungsrichter den Haftbefehl eröffnete. Der Sprecher der Münchener Staatsanwaltschaft, Anton Winkler:

"Wir gehen von dem Sachverhalt aus, dass Demjanjuk in dem Zeitraum März bis September 1943 in dem Vernichtungslager Sobibor an der Ermordung von 29.000 Personen jüdischen Glaubens beteiligt war."

Es bestehen kaum Zweifel, dass John Demjanjuk als Trawniki zur Hilfstruppe der SS gehörte. In dem bevorstehenden Verfahren wird es vor allem darum gehen zu klären, wie weit er in die nationalsozialistischen Verbrechen verstrickt war. Hat er 1943 in Sobibor zehntausendfache Beihilfe zum Mord geleistet, indem er die Juden in die Gaskammern getrieben hat?
Der Verteidiger Demjanjuks, Günther Maull:

"Trawniki-Männer haben alles Mögliche gemacht. Die haben Wirtschaftsbetriebe bewacht, die haben Vorratslager bewacht, die haben deutsche Firmen bewacht, sodass man nicht allein aus der Zugehörigkeit zur Wachmannschaft mit letzter Sicherheit schließen wird können, einer habe dies oder jenes getan, wenn man nicht tatsächlich Zeugen dafür hat."

Diese Argumentation treffe allenfalls für Lager wie Auschwitz zu, die sowohl der Zwangsarbeit wie der Vernichtung gedient hätten, hält Kurt Schrimm – Leiter der Zentralstelle in Ludwigsburg - dem entgegen.

"Sobibor war ein reines Vernichtungslager, nur gebaut zu dem Zweck, Menschen dort umzubringen. Und nach unseren Erkenntnissen war jeder, der dort als Wachmann eingesetzt war, an dieser Vernichtung beteiligt."

Gleichwohl fehlen im Fall Demjanjuk Zeugen, die ihn vor Gericht eindeutig als Mordgehilfen identifizieren könnten. Von den wenigen Dutzend Juden, die das Vernichtungslager überlebten, sind die meisten längst gestorben.

Der aus Polen stammende Thomas Blatt kam als 15-Jähriger im Frühjahr 1943 nach Sobibor. Ein halbes Jahr später konnte er im Verlauf einer Häftlingsrevolte fliehen. Der inzwischen 82-Jährige Blatt lebt in Kalifornien.

"Über Demjanjuk in Person kann ich gar nicht berichten. Ich kann nur sagen, Leute wie Demjanjuk, was die getan haben, die waren Mörder, schlimmste von den schlimmsten von den schlimmsten. Ich erinnere mich, die haben immer geschlagen, die haben blutige Schuhe gehabt, wenn die zurück von den Gaskammern gekommen sind."

Immerhin könnte ein anderer, in Sobibor eingesetzter ukrainischer Trawniki, John Demjanjuk direkt belasten.
Staatsanwalt Anton Winkler:

"Es gibt die Aussage eines mittlerweile verstorbenen Zeugen, der in zwei unterschiedlichen Aussagen bestätigt hat, dass Herr Demjanjuk ebenfalls in Sobibor gewesen ist. Es gibt des Weiteren sogenannte Verlegungslisten, aus denen ergibt sich, dass Herr Demjanjuk am 26. beziehungsweise 27. März 1943 von Trawniki nach Sobibor verlegt worden ist."

Nicht alle Trawnikis wurden zu Erfüllungsgehilfen der SS. Der amerikanische Historiker Peter Black schätzt, dass ein Drittel von ihnen den Befehl verweigerte oder desertierte - aus Angst vor Disziplinarstrafen, aus mangelndem Glauben an den deutschen Sieg, persönlichen Gründen wie Beziehungen zu einheimischen Frauen oder Skrupeln, als Rad in der Mordmaschinerie mitzuwirken.
Die Zentrale Erfassungsstelle in Ludwigsburg hat dazu eine Untersuchung durchgeführt.

"Natürlich hatten die Leute Nachteile zu erleiden durch Strafversetzungen, durch Beförderungssperren und Ähnliches. Aber es ist kein Fall bekannt geworden, in dem jemand tatsächlich erschossen wurde, nur weil er sich geweigert hatte, seinerseits Menschen umzubringen."

Allerdings konnten die Trawnikis nicht voraussehen, was sie erwartete, wenn sie sich den Anordnungen widersetzten oder gar desertierten, meint die Historikerin Angelika Benz.

"Ich weiß von einem Fall, wo zwei erschossen wurden, weil sie sich geweigert haben. Und das wurde eben vor ihren Kameraden getan."

Hätte John Demjanjuk sich den Befehlen der SS widersetzen können? Wäre er dazu sogar verpflichtet gewesen? Oder kann er sich – wie seine deutschen Vorgesetzten in früheren Prozessen – auf den Putativnotstand berufen? Demjanjuks Verteidiger Günther Maull:

"Es sind Deserteure durchaus auch mit dem Tode bestraft worden, standrechtlich oder auf der Flucht erschossen. Und das ist etwas, was jeder gewusst hat, der mit der Armee in irgendeiner Form zu tun gehabt hat. Nachträglich hier heute im Jahr 2009 zu sagen, er hätte ja desertieren können, es wäre ihm ja nichts passiert, ist, so mein ich, einfach etwas blauäugig."

Das Verfahren gegen John Demjanjuk wird einer der letzten großen Kriegsverbrecherprozesse in Deutschland sein und weit mehr als bisher die ausländischen Hilfstruppen des Nazi-Regimes ins Blickfeld rücken. Der spektakuläre Fall kann aber nicht die juristischen Versäumnisse der Vergangenheit ungeschehen machen und er kann auch nicht die Verantwortung der deutschen NS-Täter für den Holocaust relativieren. Die Trawnikis waren nicht mehr, aber auch nicht weniger als das Fußvolk der Endlösung.

"Man kann an dem Beispiel Trawniki sehr gut die Perversion des deutschen Systems feststellen. Wir haben Arbeitsjuden, die das Vernichtungslager bedienen. Dahinter stehen sowjetische Kriegsgefangene, und dahinter stehen erst die Deutschen, die am Schluss die Hände heben können und sagen können, wir haben aber kein Blut an den Fingern."

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