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StartseitePolitische Literatur (Archiv)Ein intellektueller und emotionaler Genuss03.12.2007

Ein intellektueller und emotionaler Genuss

Einzigartiges Unterfangen: "Die Geschichte der Juden in Deutschland"

Die Literatur über den Holocaust füllt ganze Bibliotheken. Dahinter rückt allerdings allzu leicht die uralte Geschichte der Juden auf deutschem Boden in den Schatten. Immerhin liegen deren Anfänge in den Zeiten römischer Herrschaft an Rhein und Donau. All das ist jetzt in einem aufwendig gestalteten Sammelband zur Geschichte der Juden in Deutschland nachzulesen. Vorgestellt von Philipp Gessler.

Wiedereröffnung der größten deutschen Synagoge in der Berliner Rykestraße. (AP)
Wiedereröffnung der größten deutschen Synagoge in der Berliner Rykestraße. (AP)

"Die Geschichte der Juden in Deutschland" beschreiben zu wollen, das ist ein Abenteuer, ein ehrenvolles jedoch. Denn abzudecken sind dabei, versteht man Deutschland auch als einen geographischen Raum, knapp 2000 Jahre, in denen Juden hierzulande lebten. Der Prachtband mit dem Titel "Die Geschichte der Juden in Deutschland" wagt sich an die Sache heran. Der angesehene Historiker und langjährige Direktor der Gedenkstätte "Topographie des Terrors" in Berlin, Reinhard Rürup, bringt dabei den Ansatz des Buches in seiner Einleitung so auf den Punkt:

Auch wenn am Ende der Geschichte ein Völkermord stand, ist die deutsch-jüdische Geschichte sehr viel mehr als die Vorgeschichte der Katastrophe. Dem Tod der Menschen darf nicht der Verlust ihrer Geschichte folgen. Deshalb ist die Aufarbeitung dieser zu Unrecht vergessenen Geschichte und ihre Vermittlung an ein breites Publikum eine dringende und notwendige Aufgabe. Wer sich darauf einlässt, wird schnell die Erfahrung machen, dass es dabei nicht nur um ein Pflichtprogramm geht, sondern um die Chance, einer ungewöhnlich faszinierenden, die Fantasie und den Intellekt gleichermaßen beflügelnden Geschichte zu begegnen.

Diese Chance ergreift der Band beherzt - und scheitert nicht. Auf 350 Seiten und in 28 Kapiteln erzählen Historiker und Publizisten in meist chronologischer Reihenfolge eine spannende Geschichte und anregende Geschichten, die durchaus auch ein Publikum fern der Fachleute erreichen wollen und können: Das reicht von der antiken Frühzeit des Judentums auf deutschem Boden seit dem 1. oder 2. Jahrhundert nach der Zeitenwende über das wechselvolle Mittelalter und die Emanzipation im 17. und 18. Jahrhundert bis zur Nachkriegszeit samt einem Kapitel zur "Vergangenheitsbewältigung", um nur ein paar Beispiele zu nennen.

Die Sprache der Essays ist dabei in der Regel angenehm nicht-wissenschaftlich und somit auch für Interessierte außerhalb der Historiker-Gemeinde gut lesbar, ohne dass sie deshalb an wissenschaftlicher Seriosität verlöre.

Manches aber ist weniger gelungen. So war es sicherlich keine gute Idee, den GEO-Reporter Cay Rademacher - neben dem Historiker Arno Herzig einer der Herausgeber des Bandes - gleich zu Beginn des Buches ein eher absurdes Kapitel mit dem Titel "Von König David bis zu Karl dem Großen" schreiben zu lassen. Denn darin unternimmt er die unmögliche Aufgabe, mal kurz die jüdische Geschichte von etwa 1300 vor bis circa 800 nach der Zeitenwende aufzuschreiben. Es ist ein Unterfangen, das auf 14 Seiten einfach scheitern muss, obwohl sich Rademacher sichtlich Mühe gibt. Außerdem wäre zu fragen, warum dieser Schweinsgalopp durch 2.000 Jahre Religionsgeschichte nötig ist, wenn es doch - in Anführungsstrichen! - nur um die Geschichte der Juden auf deutschem Boden geht, die frühestens mit den römischen Siedlungen am Rhein im 1. Jahrhundert beginnt.

Schon fast frech ist auch der Ansatz des darauf folgenden Essays des Theologen Wolfgang Grünberg mit dem lapidaren Titel "Christentum und Judentum". Darin wird versucht, auf gerade mal zwei Seiten das Verhältnis von Christentum und Judentum zueinander zu beschreiben. Mit den intellektuellen Brocken, die dem Leser da vor die Nase geworfen werden, ist schlicht nichts anzufangen. Dann aber fasst der Band merklich Tritt, die Themen und Epochen, die beschrieben werden, sind präziser gefasst, den Autoren gelingen trotz der nötigen Kürze in der Regel ihre Aufsätze, und zwar ohne dass sie deshalb allzu gedrängt oder gehetzt wirken. Schon der nächste Essay von Arno Herzig über die "Juden in Deutschland im Mittelalter" vom Jahr 800 bis etwa 1350 ist ein gutes Beispiel dafür: Eine ganze Welt entsteht da, scheinbar mühelos, fakten-, zahlen- und bilderreich, mit Mut zum sprechenden Detail. Herzig zitiert etwa einen Augenzeugenbericht des Mindener Dominikaners und Chronisten Heinrich von Herford über einen Pogrom in seiner Heimatstadt. Dort, wie in halb Europa, wurden Juden die Sündenböcke für die 1348 und 1349 wütende Pest. Seine jüdischen Nachbarn gingen dieser Quelle nach mutig ihrem grausigen Schicksal auf dem Scheiterhaufen entgegen - offenbar auch eingedenk der religiös aufgeladenen Todesverachtung ihrer Vorfahren bei den Kreuzzugspogromen etwa 250 Jahre zuvor:

Zum Tode eilten sie jedoch fröhlich und Tänze aufführend, wobei sie zuerst die Kinder, dann die Frauen, hernach sich selbst den Flammen übergaben, damit nicht durch menschliche Schwachheit etwas gegen das Judentum vorgebracht werden könnte.

Es gibt viele solcher entsetzlichen Szenen und schrecklichen Epochen in der jüdischen Geschichte auf deutschem Boden - und der traurige Höhepunkt ist natürlich die Ausgrenzung und Vernichtung der deutschen Juden von 1933 bis 1945, die die Historikerin Beate Meyer gekonnt und fesselnd zusammenfasst. Sehr eindrucksvoll ist auch das Essay von Monika Richarz zum Judentum in Deutschland seit 1945. Die Hamburger Historikerin liefert darin neben vielen selten zu lesenden Zahlen auch Bonmots ...

Es gibt zwar Juden in Deutschland, aber wenig Judentum ...

... und wagt prägnante Analysen:

Es ist wichtig zu betonen, dass es keine Kontinuität des deutschen Judentums nach 1945 gegeben hat. Die deutschen Juden waren unwiderruflich vertrieben oder ermordet worden, ihre Kultur wurde mit ihnen ausgelöscht.

Geradezu hinreißend - trotz mancher Schwächen bei den Fakten - ist auch der Essay von Arnold Paucker zum Jüdischen Widerstand in der Nazizeit. Der langjährige Direktor des Leo Baeck Institute in London wurde 1921 in Berlin geboren. Er hat manche Freunde im jüdischen Widerstand verloren - er nennt die hingerichteten jungen Frauen Hildegard Loewy und Hella Hirsch

... zwei Mädchen aus meiner Berliner Schule ...

... wie er schreibt.

Ich selbst bin im Alter von 15 Jahren, recht unschuldig und ziemlich unvernünftig, mit Klebezetteln und Flugblättern gegen Hitler ausgerüstet worden und war offensichtlich 'angeworben'. Heute versuche ich, mir über die verschiedenen Beweggründe, die dazu geführt hatten, klar zu werden, und mir Rechenschaft über diesen jugendlichen Eifer abzulegen. Ich muss allerdings gestehen, dass mir ein im Herbst 1936 verteiltes Flugblatt, das die arbeitenden Massen Deutschlands zur Solidarität mit dem Freiheitskampf des spanischen Volkes gegen den Faschismus aufrief, noch heute große Genugtuung bereitet.

Aufsätze wie diese machen das Buch nicht nur zu einem intellektuellen, sondern auch zu einem emotionalen Genuss. Dazu kommt die großzügige und kluge Illustrierung des Bandes. Die Herausgeber vertrauen den Bildern und ihrer Aussagekraft, verstärkt durch ausreichend lange Bildunterschriften, zurecht. Ein Glossar, eine Chronik, ein Literaturverzeichnis und ein Personenregister runden das Ganze ab - das alles ist clever, ja fast liebevoll gemacht. So ist dieser Band zu empfehlen, auch als Geschenk zu Weihnachten oder zu Chanukka, je nachdem. Es gibt darin vieles zu lernen. Und noch mehr zu bestaunen.

Eine Empfehlung von Philipp Gessler für den Band "Die Geschichte der Juden in Deutschland", herausgeben von Arno Herzig und Cay Radermacher. Er ist im Ellert & Richter Verlag erschienen, mit zahlreichen Abbildungen und Illustrationen versehen, umfasst 352 Seiten und kostet Euro 29,95.

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